Die Mühen der Ebene (23. Juli)

So isses. Man sitzt in den Pausen mit glasigen Augen im Lehrerzimmer und versucht sich zu erinnern, was man noch alles tun muss. Man missbraucht Referendare für niedere Tätigkeiten wie das zweimalige Kontrollieren von Zeugnissen, man rennt mit dem Klassenbuch hinter Kollegen her, füllt Kurstagebücher aus, stellt Anträge auf Fahrtkostenerstattung für die Kursfahrt, verabredet sich zum Kollegengrillen, fährt in der großen Pause mal eben nach Hause, weil man etwas Wichtiges vergessen hat, beendet schnell noch die Lyrikeinheit im Leistungskurs, begleitet die eigene Klasse in die Bibliothek, um die Schulbücher zurückzugeben, treibt das fehlende Geld für den Wandertag ein, verkündet Noten.
Und dann kommt man um halb drei in die zehnte Klasse, und die Hitze lässt sich auch durch die heruntergefahrenen Jalousien nicht abhalten, und ein Schüler liegt längs ausgestreckt auf zwei Tischen, eine Wasserflasche im Mund, und man denkt: Ja, so könnte man es vielleicht aushalten.

Die Mühen der Ebene (22. Juli)

Zweiter und letzter Tag der Zeugniskonferenzen. Aus Langeweile und Schabernack einfach mal einen Zettel (Vorlage für eine Folie, die ich morgen brauche) mit einer Aufforderung im Lehrerzimmer liegenlassen und gucken, was passiert.

Das letzte Wort ist stakselig.

Birke, du schwankende, schlanke,
wiegend am blassgrünen Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag.

Gott stand und formte der Pflanzen
endlos wuchernd Geschlecht,
schuf die Eschen zu Lanzen,
Weiden zum Schildegeflecht.

Gott schuf die Nessel zum Leide,
Alraunenwurzeln zum Scherz,
Gott schuf die Rebe zur Freude,
Gott schuf die Distel zum Schmerz.

Mitten in Arbeit und Plage
hat er ganz leise gelacht,
als an den sechsten der Tage,
als er an Eva gedacht.

Sinnend in göttlichen Träumen
gab seine Schöpfergewalt
von den mannhaften Bäumen
einem die Mädchengestalt.

Göttliche Hände im Spiele
lockten ihr blonden das Haar,
daß ihre Haut ihm gefiele,
seiden und schimmernd sie war.

Biegt sie und schmiegt sie im Winde
fröhlich der Zweigelein Schwarm,
wiegt sie, als liegt ihr ein Kinde
frühlingsglückselig im Arm.

Birke, du mädchenhaft schlanke,
schwankend am grünenden Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag!

Börries von Münchhausen

Die Mühen der Ebene (21. Juli)

Noch anderthalb Wochen bis zu den großen Ferien – Zeit fürs Tagebuchbloggen. Nehmen Sie bloß nichts für bare Münze, es ist alles erstunken und erlogen.
Heute und morgen sind Zeugniskonferenzen; verrückte Zeiten im Lehrerzimmer. Zwischen den Terminen spricht man über die großen und die kleinen Dinge; über die ehemalige Kollegin, die sechs Wochen lang ihre Pension genoss, dann an Krebs erkrankte und am Freitag gestorben ist, und über die ungewöhnlich modische grüne Hose des Kunstkollegen – alles dabei.
Die Sechstklässler, mit denen ich wöchentlich zwei Multimedia-Stunden verbringe, habe ich heute zum letzten Mal gesehen und die Gelegenheit genutzt, ihnen Stand by me zu zeigen – das musste ich einfach tun, weil es sich um eine reine Jungs-Klasse handelt (äußerst ungewöhnlich, großer Zufall) und weil das Alter exakt stimmt. Der Humor war haargenau ihrer, und hinterher wurde lebhaft über Mailbox Baseball und Blutegel diskutiert.
Und die grüne Hose war eigens gefärbt worden.

London von oben

England ist auch nicht mehr das, was es mal war. Innerhalb eines Jahres war ich jetzt dreimal dort, und jedes Mal herrschte allerherrlichstes Sommerwetter mit Temperaturen bis zu 30 Grad, ohne jeden Regen. Regenjacke, Regenschirm – ganz umsonst mitgeschleppt.
Diesmal also London mit 15 Elftklässlern, einer ganz und gar pflegeleichten Truppe, verlässlich, pünktlich, mitdenkend, nett noch dazu. Ein bisschen überfordert vielleicht von den Strapazen der Großstadt, aber das kennen wir schon von unseren Provinzkindern – leichtes Spiel für uns, wenn sie abends zu fertig sind zum Ausgehen.

Der Kurs besteht aus 16 Mädchen (zwei sind nicht mit auf Kursfahrt) und einem Jungen. Letzterer hat auch am Tag der Abreise noch genug Energie, um auf dem U-Bahnsteig Vergänglichkeitskunst mit seinem Koffer herzustellen.

Der offizielle Name für diese Art von Reise lautet Studienfahrt, und das ist es für uns auch. Während die Parallelkurse Fotos vom Schnorcheln in Süditalien schicken, besichtigen wir Greenwich, die BBC, das Globe Theatre, die Tate Modern und das Londoner East End, das kaum ein Tourist sieht. Wir haben Spaß im Newham Bookshop und mit den Hammers, obwohl wir nur vage wissen, dass Thomas Hitzlsperger einmal für West Ham United gespielt hat („Hammers sign the Hammer“).
Ansonsten sehen wir London von oben.

Im London Eye war ich vorher noch nie. Wenn man da rausfotografiert, sind immer so hübsch unscharfe Stellen auf den Bildern, wegen der Krümmung im Plexiglas.

Westminster Bridge mit Commitments-Bus.

Am London Eye stört mich ein bisschen, dass man sich nicht aussuchen kann, wie lange man welchen Ausblick genießt. Das ist auf der Golden Gallery von St. Paul’s anders, da kann man so lange gucken, wie man will. Allerdings muss man vorher 528 Stufen erklimmen.

Am Fuße von St. Paul’s Cathedral: Paul.

Ungewollt und zufällig ist es auch eine Theaterfahrt – von vier freien Abenden verbringen wir drei im Theater. Das Musical Billy Elliot ist überhaupt gar nicht mein Geschmack, allerdings ist es ganz interessant, die Aufführung mit der Filmvorlage zu vergleichen: Kleidung, Choreografie und Haarschnitte der Protagonisten sind teilweise exakte Kopien, während ganze Teile der Handlung geändert wurden, um bestimmte Effekte zu erzielen. Zum Beispiel ist Billys Großmutter mitnichten dement, sondern lediglich komische Alte, und auch für Schwulenwitze ist man sich nicht zu schade.
Weit weniger enttäuschend ist Julius Caesar im Globe Theatre – kannte ich vorher nicht, ist auch bestimmt nicht Shakespeares bestes Stück, aber die Aufführung nutzt die Möglichkeiten der Spielstätte ganz großartig aus; auch wenn man es vorher noch nicht wusste, kapiert man sofort, was die Besonderheiten dieses Theaters sind.
Am beeindruckendsten ist The Crucible im Old Vic – intensives Theater und eine grandiose Ensembleleistung, da kann ein Richard Armitage mitspielen oder nicht. Hinterher verbeugen sich alle zusammen drei Minuten lang, und das war’s. Sehr cool und sehr unprätentiös.

Dies ist mein liebstes Von-Oben-Bild, und ich weiß nicht mal mehr, von wo ich das fotografiert habe. Könnte in der Tate Modern gewesen sein.

Es ist heiß, aber London ist fürsorglich und empfiehlt uns, immer eine Flasche Wasser dabeizuhaben: Keep calm and stay hydrated. Machen wir.

Einkaufslyrik (15)

Warum sind zwei Posten durchgestrichen? Wieso stehen hinter einigen die Preise und hinter anderen nicht? Was hat es mit der eigentümlichen Genauigkeits-Asymmetrie zwischen „Duschzeug“ und „Dove lotion“ auf sich? Und wer zum Teufel ist Jutta? Fragen über Fragen.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14

Hit the road, Jack

Für Frau ohne T., die in diesem Jahr nicht dabei sein konnte.

Zu Beethovens Yorkschem Marsch schreiten sie in die Aula, die diesjährigen Abiturkinder, was im Vorhinein von den Pazifisten unter ihnen kritisiert worden war – meine Güte, es ist eben eins der Stücke, die das momentan führerlose Blasorchester in drei Proben einstudieren konnte, und von Marschieren kann ohnehin keine Rede sein.
Neben mir sitzt Frau L., die bei solchen Gelegenheiten für gediegene Unterhaltung sorgt, und lästert über die Kleidung der Abiturienten: Eine hat ein hinten viel zu tief ausgeschnittenes Kleid an, eine andere einen Rock, der zu paillettiert ist. Ein dritter sieht mit Lederjacke und Krawatte und neuer Frisur aus wie ein Polizist – das findet aber wiederum Frau L.s Gefallen; sie kann ihn sich im Winter gut als Kriminalkommissar mit bodenlangem Ledermantel vorstellen.
Dann gibt es Reden mit Metaphorik, die meisten haben mit dem Jahrgangsmotto „Die Götter verlassen den Olymp“ (stammt aus diesem Internetz) zu tun, einmal geht es um Zeit (Frau L. neben mir zitiert halblaut auswendig eine lange Passage über die Zeit aus dem Rosenkavalier), und die Vertreterin des Schulelternrats wählt Fußball als zentrale Metapher und schließt mit dem Satz: „Vielleicht können Sie später nicht nur sagen: 2014 haben wir Abitur gemacht, sondern auch: 2014 sind wir Weltmeister geworden.“ Das sind mal klare Prioritäten.
Der Vertreter der Goldenen Abiturienten macht eine seltsame Anspielung auf etwas, was er gegoogelt hat, aber nicht verraten will, und dessen Sinn sich mir im Zusammenhang seiner Rede auch nach heftigem Nachdenken nicht erschließt. Sollte er einen unlustigen Witz über einen Namen gemacht haben?
Zwischendurch gibt es zur Auflockerung Musik, und während zu meiner Linken Kollegin G. rätseln muss, aus welcher Werbung sie Karl Jenkins‘ Palladio kennt (die richtige Antwort wäre gewesen: Diamanten), brummelt von rechts Frau L., genauso einen Ostinato-Bass habe sie in einer 10. Klasse sitzen, einen Schüler mit tiefer Stimme, der ununterbrochen quatscht.
Die Überreichung von Zeugnissen, Urkunden und Prämien dauert ewig, nicht zuletzt, weil jede einzelne AG ihre Mitglieder ausführlich verabschiedet. Zwei Jungs aus der Ultimate-Frisbee-AG bekommen als Abschiedsgeschenk Frisbeescheiben (aber, hey, besondere, unverkäufliche), und weil es vorher schon ein paarmal die Situation gegeben hat, dass Abiturienten, die sich gerade wieder hingesetzt haben, erneut auf die Bühne gebeten werden, haben wir Spaß mit der Vorstellung, dass die Schulleiterin durchs Mikrofon ruft: „Bleiben Sie doch einfach sitzen“ und – zack, zack – mit geübtem Armschwung die Frisbeescheiben durch die Aula pfeffert. Das hätte für mehr Auflockerung gesorgt als die Kammermusik.
Wie jedes Jahr überlegen wir, warum mathematische, physikalische und chemische Gesellschaften Preise für sehr gute Leistungen im Abitur ausloben, nicht aber der Germanisten-, Anglisten- oder Historikerverband. Eine Theorie ist, dass die Naturwissenschaften mehr Geld haben.
Zum Abschluss singt der Chor Hit the road, Jack - ein wenig unpassend, würde man meinen – wie gut, dass die Musikkollegin noch einmal betont, es handele sich um den ausdrücklichen Wunsch der Abiturienten. Den Ohrwurm werde ich jetzt wieder tagelang nicht los.
Normalerweise ist die Abiturfeier fester Bestandteil des alljährlichen verzweifelten Tagebuchbloggens vor den Sommerferien, wenn mir nämlich vor lauter Entkräftung nichts anderes mehr einfällt als Alltag. Dieses Schuljahr in Niedersachsen jedoch ist tückisch, es zieht sich und zieht sich, und es sind immer noch zweieinhalb Wochen bis zu den großen Ferien. Zum Glück bin ich in der nächsten Woche noch einmal auf Studienfahrt. Danach beginnen die Mühen der Ebene.

Limerick (109)

Einst war eine Lady in Worcester,
an Keuschheit und Sitte ein Morcester.
Doch die Jugend verstrich
und die Tugend entwich.
Seither sündigt sie immer beworcester.