Unrechtschreibung

Im Celler Bomann-Museum kann man im Moment eine sehenswerte Ausstellung anlässlich Arno Schmidts hundertstem Geburtstag besichtigen – einhundert Stationen, einhundert Themen, die für Leben und Werk bedeutsam sind.

Arno Schmidt liest Zettel’s Traum.

Darunter sind Objekte und Fotos, die ich aus Bargfeld kenne – die grüne Lederjacke, Zettelkästen, Schreibmaschinen (ausschließlich mechanische; elektrische lehnte er ab, weil man darauf nicht „wütend herumhämmern“ konnte) – aber auch andere Dinge, die ich noch nicht gesehen habe: selbstgezeichnete Jahreskalender mit Punktevergabe für besonders schöne Ereignisse, die umfangreiche Tablettensammlung späterer Jahre (aus der er sich „nach eigenem Gutdünken“ bediente), Filme und Interviews (darunter ein sehr komisches, in dem er den Fragensteller mit seinen Theorien zu Bergen und Tälern bei Karl May total verwirrt), selbstgebastelte Modell-Traumhäuser, geschnitzte Holzquirle für die Küche, Rezensionen („eine Sprachverhunzung sondergleichen“) und Spielereien mit Texten auf Wänden.

Film mit Arno Schmidt. Handlung: Er geht durch die Lüneburger Heide, bückt sich, um ein Gänseblümchen anzugucken, dreht sich um und schaut in die Kamera. Dann in die Ferne.

Spielerei mit Text auf Wand. Ich mag sowas ja sehr gerne.

Arno Schmidt kommt in dieser Ausstellung in seiner ganzen Kauzigkeit zur Geltung, und selbst wenn man, wie mein Begleiter, noch nie etwas von ihm gelesen hat, fühlt man sich gut unterhalten. Wer sich ein bisschen auskennt, wundert sich stets aufs Neue über die Mitglieder der Reihe Christoph Martin Wieland – Friedrich de la Motte Fouqué – Karl May – James Joyce, die man partout nicht überein bekommt.
Am Ende der Ausstellung gibt es ein Tütchen mit Gänseblümchensamen; hinten drauf ist ein Zitat aus Abend mit Goldrand:

“Du; Wir legen Jedes 1 Stein hier hin; eng nebm’nander: die finden Wir dann, und erkennen Uns daran.“; (Sie bückt sich. Spricht zu dem tapfren Gänseblümchen daneben): „Du mußt aber auch wieder komm’m. –“

Arno Schmidt – das ist jetzt ein total eleganter Übergang – hat ja viel übersetzt, er nannte das seinen „Brotberuf“, weil er vom Schreiben lange nicht leben konnte, unter anderem einen Band mit frühen Erzählungen von William Faulkner. Nun ist vor knapp einem Monat Frank Heiberts Neuübersetzung von Faulkners The Sound and the Fury erschienen, und ich habe die positiven Besprechungen zum Anlass genommen, diesen Roman endlich mal zu lesen. Und, was soll ich sagen – es lohnt sich.
Er ist sperrig und kompliziert und schwierig, und allein im ersten Kapitel gibt es zehn verschiedene Zeitebenen, die alle irgendwie nebeneinander stattfinden, und man versteht Sachen nicht, und man ärgert sich. Gleichzeitig aber finde ich die Spielart von Realismus sehr bewundernswert, die Uwe Johnson (großer Faulkner-Fan) so beschreibt:

Das hier wirksame Zeitgefühl ist aber das eigentlich Natürliche und scheint mir in der literarischen Darstellung nicht weniger berechtigt als das übliche Nacheinander einzelner Stücke von Handlung. Das Nacheinander ist der von außen überpersönlich gesehene eingerichtete und notdürftig unterstellte Ablauf eines erzählten Geschehen, hier das Nacheinander hingegen ist die wirkliche natürliche Zeit des Bewusstseins; des ganz durchschnittlichen gewöhnlichen Bewusstseins von der erlebten Wirklichkeit, das die vergangenen aber aufbewahrten Erlebnisse auch nicht in ordentlicher (mechanischer) Chronologie, sondern nach eigener Willkür mit kaum begriffenen Ähnlichkeiten Anklängen assoziiert.

Was Faulkner und Johnson gemeinsam haben, ist, dass sich ihre Texte dem Verständnis nicht unbedingt direkt erschließen, dass es aber nichts gibt, was sich nicht letztlich erklären ließe, auch wenn die Forschung dafür Jahrzehnte braucht. Sie sind einfach in sich logisch.
Und Frank Heiberts Beschreibung seiner Vorstudien zeigt, finde ich, dass Übersetzung auch mit Literaturwissenschaft zu tun hat, dass der Forschungsstand durchaus eine Rolle spielt – das sage ich mit Vorbehalt, ohne Kenntnis der ersten Übersetzung von Helmut Braem und Elisabeth Kaiser.

So, und jetzt muss ich meinen Rucksack packen. Ich mache hier für eine Weile die Schotten dicht – vielen Dank fürs Mitlesen, und bleiben Sie mir gewogen. Bis demnächst.

Einkaufslyrik (16)

Einkaufszettel eines Unentschlossenen. Frischer oder gefrorener Spargel? Mal gucken. Lasagne ja oder nein? Entscheiden wir spontan. Haarlack zwischen Selter und Milch ist auch – speziell. Und was „Bonny Lift“ sein soll, ist ein Rätsel.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15

Und wir warten

Ein paar Sommertage in Berlin. Wir essen zum Frühstück Müsli mit zwei Löffeln und nachmittags gelbes Eis. Wir lesen Bücher, die wir schon gestern gelesen haben, und vorgestern auch. Wir spielen Fußball in der Hasenheide, aber es gibt einen Handelfmeter nach dem anderen. Hubschrauber und Rasenmäher sind interessanter. Wir trinken Bier im Wirtshaus, bewerfen die Enten mit Brot vom vorigen Jahr, fahren Moma, puzzeln, spielen Memory, trinken Malzbierschorle und hüpfen auf der Matratze. Runtada!
Und wir warten…

auf den gestrigen Tag,
auf längeres Haar,
auf den Sommer
und darauf, dass einer das Klo repariert

…aber nichts passiert.
Ist nicht schlimm; neun – acht – vierzehn hätte ohnehin zu sehr nach null – acht – fuffzehn geklungen. Dann trifft die Ablösung ein. Die Velare müssen wir noch üben, aber wenn das in dem Tempo weitergeht, dann ist Dilo beim nächsten Mal tot. Pardauz.

Hallo, Frau. Nase, Mund, Augen. Ohren? Nee. Haare. Herz! Kaputt. Tschüss, Frau.

Die Mühen der Ebene (30. Juli)

Ferien, und alle Feierei vorbei.
Jetzt den Schulschlüssel vom Schlüsselbund abmontieren und erstmal drei Tage schlafen.

Die Mühen der Ebene (29. Juli)

Besser als drei und drei auf der Matte sind allemal fünf auf dem Kopf.

Vorletzter Tag, Sportfest. Über dem Sportfest hängt drohend die Ansage, es finde normaler Unterricht statt, wenn es regne, und die Wettervorhersage sagte auch, es würde regnen, aber erst um 14 Uhr. Und so regnet es nicht, und das Sportfest íst gut organisiert und verläuft nahezu hervorragend, und als es dann um 18 Uhr endlich regnet, sitzen wir längst im Garten der Kollegin mit dem schönsten Garten und grillen. Es sind mehrere Babys anwesend, Mütter in Mutterschutz, diverse Kleinkinder, ältere und mittelalte Kollegen und ein fluffiger kleiner Hund, und einer der neuen Referendare wundert sich, wie viele Leute zu einem solchen Anlass („morgen gibt es Ferien, lasst uns feiern“) aufkreuzen.
Und an solchen Aussagen erkennen wir, dass unsere Zweckgemeinschaft ganz gut funktioniert. Und es ist auch längst nicht die einzige Feier zum Ferienbeginn; morgen nach der Zeugnisausgabe gibt es noch ein Frühstück im Lehrerzimmer („jetzt haben die Ferien wirklich und tatsächlich begonnen, wir können es kaum glauben, lasst uns feiern“), und am Abend gehen wir in kleinem Kreis essen („an diesem Tag sind die Ferien am längsten, das müssen wir aus vollstem Herzen genießen, lasst uns feiern“).
Einer noch.

Die Mühen der Ebene (28. Juli)

Wandertag.
Wo waren wir?

Die Mühen der Ebene (27. Juli)

Ich Dödel hab hier ja tatsächlich noch etwas zu Korrigierendes rumliegen. Die Tatsache ausnutzend, dass Fünftklässler noch nicht kapieren, wann die Notenlisten ausgefüllt sein müssen und wann die Zeugniskonferenzen sind, habe ich meine Klasse in der Woche, in der ich auf Kursfahrt in London war, ein Lesetagebuch zu einem Jugendbuch herstellen lassen. Das waren bestimmte Aufgaben, die sie in den Vertretungsstunden und zu Hause bearbeiten mussten, und die Androhung schrecklicher Noten bei Nichtbefolgung war das einzige Druckmittel, das ich hatte. Es wirkte, aber jetzt liegen diese Lesetagebücher hier herum und wollen bewertet werden – das zählt schon fürs nächste Schuljahr, wie ihnen dann auch mit erheblicher Verspätung klar wurde.
Nur leider habe ich nicht die geringste Lust, diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Ich weiß ganz genau, dass Sommerferien die einzigen korrekturfreien Ferien sind, und dass es pietätlos wäre, das zu untergraben. Trotzdem konnte ich mich an diesem total freien Wochenende mit null Verpflichtungen nicht aufraffen, die Restarbeit noch schnell mal eben zu erledigen. Statt dessen habe ich Urlaub geplant, auch zu spät.
Aber, was soll ich sagen, das war eigentlich im Moment viel wichtiger.