Grünes Band (2) – Grenzen

Weil das Zählen von Wanderern so unerquicklich war, zählten wir auch noch Grenzübertritte: Insgesamt passierten wir 19 Mal die ehemalige innerdeutsche Grenze, davon drei Mal per Elbfähre, und kamen durch fünf Bundesländer. Besonders kurios war die fünftägige Strecke auf dem Elbdeich, da kommt man, rechtselbisch und ohne den Fluss zu überqueren, nicht nur durch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, sondern auch durch Niedersachsen, obgleich die Elbe eigentlich Niedersachsens natürliche Grenze bildet. Das liegt daran, dass die Bleckeder Ortsteile Neu Bleckede und Neu Wendischthun sowie das gesamte Amt Neuhaus nach dem Zweiten Weltkrieg aus praktischen Gründen der DDR zugeschlagen wurden, davor aber seit Ewigkeiten zum Königreich Hannover gehört hatten und deshalb 1992 wieder niedersächsisch wurden. Unsere Gastgeberin in Neu Wendischthun („Dies ist eine Herberge, Sie müssen die Betten selbst beziehen“) berichtete aus eigener Erfahrung, dass manche Familien jahrzehntelang getrennt waren, nur weil ein Teil auf der anderen Seite der Elbe wohnte.

Auf derselben Seite der Elbe, nur 15 km auseinander, Partnerstädte seit 1990, davor eine Westen, die andere Osten: Lauenburg und Boizenburg.

Was sieht man noch von der Grenze, außer dem Kolonnenweg und einem Haufen Straßen, die „Grenzstraße“ heißen? Denkmäler für geschleifte Dörfer oder gegen die Teilung Deutschlands ganz allgemein, Grenzpfähle und -türme, Grenzzaun (teilweise als Gartenzaun umfunktioniert), mehrere Freilichtmuseen, Schilder. In Schnackenburg gibt es ein Grenzlandmuseum mit Außenstelle, und in Hitzackers Stadtmuseum, dem Alten Zollhaus, ist gerade ein Raum Fluchtgeschichten gewidmet (ein anderer Prins Claus – eifrig besichtigt von niederländischen Reisegruppen). Wenn man vorher gesehen hat, wie die Grenze gesichert war, dann wundert man sich, wie viele Fluchten doch erfolgreich waren (Flugblatt für westliche Grenzbesucher: „Drüben leben auch Deutsche“).

Grenzturm in Neu Bleckede.

Zwei mal zwei Meter, mehr Platz war in den meisten Türmen nicht. Hier auf dem Deich bei Lenzen kann man ja noch die Elbe angucken, aber an anderen Standorten muss es unglaublich langweilig gewesen sein. Auch erstaunlich: Wie viele Leute nur damit beschäftigt waren, die Grenze zu bewachen, und wie viel Territorium die DDR für den Grenzstreifen opferte.

Grenzpfahl – nicht am originalen Standort, deshalb noch mit DDR-Emblem.

Gedenkstein für das geschleifte Dorf Stresow, das ist die erwähnte Außenstelle des Grenzlandmuseums Schnackenburg. Eine weitere Gedenktafel haben wir weiter nördlich gesehen, im Landkreis Ludwigslust-Parchim, für Lenschow – beide Dörfer waren seit Jahrhunderten besiedelt.

Von diesen Schildern gibt es viele, jedes mit einem anderen Datum. Manchmal hat es anscheinend Monate oder Jahre gedauert, bis eine Brücke gebaut oder eine Fähre eingerichtet war.

Niemals wieder kann ja höchstens ein frommer Wunsch sein.

Grenzlandmuseum in Schnackenburg. Ziemlich vollgestopft mit allem möglichen Kram, Ost wie West. Etwas überraschend in Niedersachsens kleinster Stadt, in der es noch nicht einmal ein Geschäft gibt. „Zu uns kommen manchmal Wagen“, pries man uns das Einkaufsparadies an. Das Museum machte extra für uns Überstunden und fungierte außerdem als Treffpunkt für alle, denen am Sonntagnachmittag langweilig war – obwohl es sehr wohl eine Kneipe gibt in Schnackenburg.

Übrigens heißt es [ˈʃnaːkənbʊʁk] und [ˈbleːkədə], das ist dieses komische Dehnungs-c in manchen norddeutschen Ortsnamen mit ck: Mecklenburg, Beckedorf…
Zum Schluss kommt noch einmal die Herbergsmutter in Neu Wendischthun zu Wort, die einen weiteren denkwürdigen Satz sprach, nämlich: „Heute Abend sind Sie ganz alleine im Haus, und morgen kommen 36 Kinder.“ Da verteilten wir Wanderschuhe und stinkende Socken im ganzen Haus und machten drei Kreuze, dass wir am nächsten Morgen schon wieder unterwegs waren.

Grünes Band (1) – Sie wandern, oder?

GB steht diesmal nicht für Großbritannien, sondern für Grünes Band. Der Mitwanderer ist aber derselbe wie letztes Jahr.

In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal – ein guter Anlass, um ein Stück an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlangzuwandern. Was aussieht wie perfekte Planung, ist in Wirklichkeit purer Zufall, und das Grüne Band ist auch mehr als eine frühere Grenze; es ist gleichzeitig ein Naturschutzprojekt einmal längs durch ganz Deutschland hindurch. Denn weil außer den Grenzsoldaten auf der Ostseite niemand den Grenzstreifen betrat, konnten sich dort in aller Ruhe seltene Pflanzen und Tiere ansiedeln, die zu schützen sich die betroffenen Bundesländer nach der Wende schnell einigten. Auch dass dort Leute zum Spaß und in ihrer Freizeit entlangwandern oder -radeln würden, ahnte man bald. Einige Regionen, z.B. der Harz und Thüringen, vermarkten den Weg sehr offensiv und geschickt, andere finden, es reiche, wenn man ab und zu mal ein Schild aufstellt.

Das Schild zeigt es schon: Radfahrer sind die bevorzugte Klientel.

Wir suchten uns also die rund 300 Kilometer zwischen Lübeck und Wittingen aus und rechneten dafür 15 Tage plus zwei Reisetage (das ist ja nicht weit von uns, wir nahmen aber extra langsame Bummelzüge und stiegen möglichst oft um, um schon mal das Tempo zu reduzieren) – warum ausgerechnet dort, weiß ich nicht mehr, und warum ausgerechnet von Norden nach Süden, weiß ich auch nicht mehr. Als die Grobplanung fertig war, erschien dieses Buch, das den Weg von Süden nach Norden beschreibt, das nahmen wir mit und übten uns im Rückwärtslesen.

Alle Übernachtungsstationen: Lübeck, Römnitz am Ratzeburger See, Roggendorf, Zarrentin, Langenlehsten, Lauenburg, Neu Wendischthun, Hitzacker, Dömitz, Lenzen, Schnackenburg (die sechs letzten alle an der Elbe), Zießau am Arendsee, Wustrow, Dahrendorf, Wittingen. Die Quartiere haben wir vorher gebucht, das wäre aber meist nicht nötig gewesen.

Auch war uns nicht klar, dass in Norddeutschland fast niemand wandert, weshalb wir von Kindern mit großen Augen und offenen Mündern angestarrt und von Erwachsenen in seltsame Dialoge verwickelt wurden:

Tag 2, neben uns auf der Straße hält eine Frau im Auto.
Sieso: Hallo! Sie wandern, oder?
Wirso: Jo.
Sieso: Kann ich Sie ein Stück mitnehmen? Ich fahre auch in diese Richtung.
Wirso: Nö.
Sieso: Ach so, Sie wandern, oder?
Wirso: Jo. Aber danke für das Angebot.

Tag 14, neben uns auf der Straße hält ein Mann im Auto.
Erso: Hallo! Geht’s noch oder soll ich euch ein Stück mitnehmen?
Wirso: Geht noch. Wir gehen mit Absicht zu Fuß.
Erso: Ach so.
Wirso: Aber danke für das Angebot.

Im letzten Jahr in England haben wir gates und stiles gezählt, die gibt es hier nicht, aber irgendwas müssen wir zählen, also zählten wir Fernwanderer und -radfahrer. Ergebnis: Radfahrer gab es „überabzählbar viele“ (Ausdruck des Mitwanderers, stammt angeblich aus der Mathematik) und Wanderer trafen wir genau zwei. Weil wir uns auch jeden Tag trafen, zählten wir uns mit und kamen dann auf vier. Vier!
Dabei ist das Zu-Fuß-Gehen viel besser mit einer Besonderheit des Grünen Bandes vereinbar – dem Kolonnenweg. Der Kolonnenweg war eine Art Behelfsstraße, parallel zum Grenzzaun, auf der sich die DDR-Grenzer fortbewegten. Er existiert nicht mehr überall, aber an vielen Stellen ist er das einzig sichtbare Überbleibsel der Grenze.

Kolonnenweg, gut erkennbar an den gelochten Betonplatten. Zu Fuß kein Problem, mit dem Fahrrad schwierig. Diese Löcher sind nämlich manchmal richtig tief.

Unrechtschreibung

Im Celler Bomann-Museum kann man im Moment eine sehenswerte Ausstellung anlässlich Arno Schmidts hundertstem Geburtstag besichtigen – einhundert Stationen, einhundert Themen, die für Leben und Werk bedeutsam sind.

Arno Schmidt liest Zettel’s Traum.

Darunter sind Objekte und Fotos, die ich aus Bargfeld kenne – die grüne Lederjacke, Zettelkästen, Schreibmaschinen (ausschließlich mechanische; elektrische lehnte er ab, weil man darauf nicht „wütend herumhämmern“ konnte) – aber auch andere Dinge, die ich noch nicht gesehen habe: selbstgezeichnete Jahreskalender mit Punktevergabe für besonders schöne Ereignisse, die umfangreiche Tablettensammlung späterer Jahre (aus der er sich „nach eigenem Gutdünken“ bediente), Filme und Interviews (darunter ein sehr komisches, in dem er den Fragensteller mit seinen Theorien zu Bergen und Tälern bei Karl May total verwirrt), selbstgebastelte Modell-Traumhäuser, geschnitzte Holzquirle für die Küche, Rezensionen („eine Sprachverhunzung sondergleichen“) und Spielereien mit Texten auf Wänden.

Film mit Arno Schmidt. Handlung: Er geht durch die Lüneburger Heide, bückt sich, um ein Gänseblümchen anzugucken, dreht sich um und schaut in die Kamera. Dann in die Ferne.

Spielerei mit Text auf Wand. Ich mag sowas ja sehr gerne.

Arno Schmidt kommt in dieser Ausstellung in seiner ganzen Kauzigkeit zur Geltung, und selbst wenn man, wie mein Begleiter, noch nie etwas von ihm gelesen hat, fühlt man sich gut unterhalten. Wer sich ein bisschen auskennt, wundert sich stets aufs Neue über die Mitglieder der Reihe Christoph Martin Wieland – Friedrich de la Motte Fouqué – Karl May – James Joyce, die man partout nicht überein bekommt.
Am Ende der Ausstellung gibt es ein Tütchen mit Gänseblümchensamen; hinten drauf ist ein Zitat aus Abend mit Goldrand:

“Du; Wir legen Jedes 1 Stein hier hin; eng nebm’nander: die finden Wir dann, und erkennen Uns daran.“; (Sie bückt sich. Spricht zu dem tapfren Gänseblümchen daneben): „Du mußt aber auch wieder komm’m. –“

Arno Schmidt – das ist jetzt ein total eleganter Übergang – hat ja viel übersetzt, er nannte das seinen „Brotberuf“, weil er vom Schreiben lange nicht leben konnte, unter anderem einen Band mit frühen Erzählungen von William Faulkner. Nun ist vor knapp einem Monat Frank Heiberts Neuübersetzung von Faulkners The Sound and the Fury erschienen, und ich habe die positiven Besprechungen zum Anlass genommen, diesen Roman endlich mal zu lesen. Und, was soll ich sagen – es lohnt sich.
Er ist sperrig und kompliziert und schwierig, und allein im ersten Kapitel gibt es zehn verschiedene Zeitebenen, die alle irgendwie nebeneinander stattfinden, und man versteht Sachen nicht, und man ärgert sich. Gleichzeitig aber finde ich die Spielart von Realismus sehr bewundernswert, die Uwe Johnson (großer Faulkner-Fan) so beschreibt:

Das hier wirksame Zeitgefühl ist aber das eigentlich Natürliche und scheint mir in der literarischen Darstellung nicht weniger berechtigt als das übliche Nacheinander einzelner Stücke von Handlung. Das Nacheinander ist der von außen überpersönlich gesehene eingerichtete und notdürftig unterstellte Ablauf eines erzählten Geschehen, hier das Nacheinander hingegen ist die wirkliche natürliche Zeit des Bewusstseins; des ganz durchschnittlichen gewöhnlichen Bewusstseins von der erlebten Wirklichkeit, das die vergangenen aber aufbewahrten Erlebnisse auch nicht in ordentlicher (mechanischer) Chronologie, sondern nach eigener Willkür mit kaum begriffenen Ähnlichkeiten Anklängen assoziiert.

Was Faulkner und Johnson gemeinsam haben, ist, dass sich ihre Texte dem Verständnis nicht unbedingt direkt erschließen, dass es aber nichts gibt, was sich nicht letztlich erklären ließe, auch wenn die Forschung dafür Jahrzehnte braucht. Sie sind einfach in sich logisch.
Und Frank Heiberts Beschreibung seiner Vorstudien zeigt, finde ich, dass Übersetzung auch mit Literaturwissenschaft zu tun hat, dass der Forschungsstand durchaus eine Rolle spielt – das sage ich mit Vorbehalt, ohne Kenntnis der ersten Übersetzung von Helmut Braem und Elisabeth Kaiser.

So, und jetzt muss ich meinen Rucksack packen. Ich mache hier für eine Weile die Schotten dicht – vielen Dank fürs Mitlesen, und bleiben Sie mir gewogen. Bis demnächst.

Einkaufslyrik (16)

Einkaufszettel eines Unentschlossenen. Frischer oder gefrorener Spargel? Mal gucken. Lasagne ja oder nein? Entscheiden wir spontan. Haarlack zwischen Selter und Milch ist auch – speziell. Und was „Bonny Lift“ sein soll, ist ein Rätsel.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15

Und wir warten

Ein paar Sommertage in Berlin. Wir essen zum Frühstück Müsli mit zwei Löffeln und nachmittags gelbes Eis. Wir lesen Bücher, die wir schon gestern gelesen haben, und vorgestern auch. Wir spielen Fußball in der Hasenheide, aber es gibt einen Handelfmeter nach dem anderen. Hubschrauber und Rasenmäher sind interessanter. Wir trinken Bier im Wirtshaus, bewerfen die Enten mit Brot vom vorigen Jahr, fahren Moma, puzzeln, spielen Memory, trinken Malzbierschorle und hüpfen auf der Matratze. Runtada!
Und wir warten…

auf den gestrigen Tag,
auf längeres Haar,
auf den Sommer
und darauf, dass einer das Klo repariert

…aber nichts passiert.
Ist nicht schlimm; neun – acht – vierzehn hätte ohnehin zu sehr nach null – acht – fuffzehn geklungen. Dann trifft die Ablösung ein. Die Velare müssen wir noch üben, aber wenn das in dem Tempo weitergeht, dann ist Dilo beim nächsten Mal tot. Pardauz.

Hallo, Frau. Nase, Mund, Augen. Ohren? Nee. Haare. Herz! Kaputt. Tschüss, Frau.

Die Mühen der Ebene (30. Juli)

Ferien, und alle Feierei vorbei.
Jetzt den Schulschlüssel vom Schlüsselbund abmontieren und erstmal drei Tage schlafen.

Die Mühen der Ebene (29. Juli)

Besser als drei und drei auf der Matte sind allemal fünf auf dem Kopf.

Vorletzter Tag, Sportfest. Über dem Sportfest hängt drohend die Ansage, es finde normaler Unterricht statt, wenn es regne, und die Wettervorhersage sagte auch, es würde regnen, aber erst um 14 Uhr. Und so regnet es nicht, und das Sportfest íst gut organisiert und verläuft nahezu hervorragend, und als es dann um 18 Uhr endlich regnet, sitzen wir längst im Garten der Kollegin mit dem schönsten Garten und grillen. Es sind mehrere Babys anwesend, Mütter in Mutterschutz, diverse Kleinkinder, ältere und mittelalte Kollegen und ein fluffiger kleiner Hund, und einer der neuen Referendare wundert sich, wie viele Leute zu einem solchen Anlass („morgen gibt es Ferien, lasst uns feiern“) aufkreuzen.
Und an solchen Aussagen erkennen wir, dass unsere Zweckgemeinschaft ganz gut funktioniert. Und es ist auch längst nicht die einzige Feier zum Ferienbeginn; morgen nach der Zeugnisausgabe gibt es noch ein Frühstück im Lehrerzimmer („jetzt haben die Ferien wirklich und tatsächlich begonnen, wir können es kaum glauben, lasst uns feiern“), und am Abend gehen wir in kleinem Kreis essen („an diesem Tag sind die Ferien am längsten, das müssen wir aus vollstem Herzen genießen, lasst uns feiern“).
Einer noch.