Die Mühen der Ebene (19. Dezember)

Palmström lobt

Palmström lobt das schlechte Wetter sehr,
denn dann ist auf Erden viel mehr Ruhe;
ganz von selbst beschränkt sich das Getue,
und der Mensch geht würdiger einher.

Schon allein des Schirmes kleiner Himmel
wirkt symbolisch auf des Menschen Kern,
denn der wirkliche ist dem Gewimmel,
ach nicht ihm nur, leider noch recht fern.

Durch die Gassen oder im Gefilde
wandert Palmström, wenn die Wolke fällt,
und erfreut sich an dem Menschenbilde,
das sich kosmologischer verhält.
Christian Morgenstern

Das klingt alles sehr schön, stimmt aber leider gar nicht. In den Gassen und im Gefilde rund um unsere Anstalt schritt niemand unter des Schirmes kleinem Himmel, sondern saß im Auto, um die armen Kinder zur Schule zu bringen und wieder abzuholen, die nicht im Dauerregen auf Busse warten müssen sollten. Nicht am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien.
Sogar ich fuhr heute mit dem Auto zur Arbeit, obwohl sich das Anlassen kaum lohnt, aber gestern war ich beim Fahrradfahren viermal nass geworden, dazu hatte ich heute keine Lust. Nur das Mädchen aus meiner Klasse, das eisern jeden Tag sechs Kilometer durch den Wald zur Schule und sechs Kilometer zurück fährt, kam natürlich mit dem Fahrrad.
Mir grauste ein wenig vor der zweistündigen Weihnachtsfeier mit meiner Klasse; zwar hatten wir uns grob über einen Verlauf geeinigt, aber eben nur grob. Im letzten Jahr, als Fünftklässler, hatten sie noch freiwillig Blockflöten und Gitarren mitgebracht und Weihnachtsgedichte vorgelesen – als ich dieses Jahr etwas in der Richtung vorschlug, wollten sie sich schier totlachen und verlangten nach Wichteln und Film. Nun gut.
Beim Wichteln wäre ich beinahe ausgetrickst worden, das ist mir auch noch nie passiert. Vorsichtshalber habe ich immer ein Ersatzgeschenk dabei, falls jemand seins vergisst, und danach sah es heute beinahe aus, allerdings nur beinahe: Eine Schülerin wollte ihre Klassenkameradin ein bisschen auf die Folter spannen, indem sie so tat, als hätte sie ihr Geschenk vergessen. Alles gut.
Dann Film. Das war schwieriger, denn man hatte sich vorher auf keinen einigen können. Die unendliche Diskussion hatte ich abgewürgt mit der Ansage: Bringt einfach mit, was ihr so habt, und dann stimmen wir ab. Mit der Altersbeschränkung ab sechs (und nicht etwa ab zwölf, weil der Klassenjüngste gerade mal elf geworden ist) gab es immerhin ein gutes Argument gegen die Filme, die die coolen Jungs gucken wollten.
Ich hatte Die Kinder des Monsieur Mathieu und Stand By Me dabei, hatte aber den Fehler gemacht, in deren Zusammenhang das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ fallen zu lassen, das umgehend in ein Schimpfwort verwandelt wurde – daraufhin hatten diese Filme keine Chance mehr, obwohl der coolste Junge von allen, der zu Hause angeblich Filme ab 18 sehen darf, nebenbei zu Stand By Me bemerkte: Ah, den kenn ich, der ist gut.
Letztlich war es ohnehin so, dass der DVD-Player im Computer den Film aussuchte. Er reagiert sehr empfindlich auf zerkratzte DVDs, und so mussten wir, ob wir wollten oder nicht, den unversehrtesten aller vorhandenen Filme sehen, das war Harry Potter I – sehr okay und von allen goutiert. Manchmal regeln sich die Dinge von selbst.
Am Ende bekam ich auch noch ein Geschenk, und die Schulbegleiterin, die wegen eines schwierigen Schülers immer dabei und mittlerweile so etwas wie die Klassenmama geworden ist, auch, und wir wünschten einander frohe Weihnachten oder schöne Ferien und gingen hinaus in den Regen. Ferien. Jetzt erstmal drei Tage schlafen.

PS: Mir hat heute jemand einen Gefallen getan und jetzt etwas gut, das wollen wir uns doch mal merken.

Die Mühen der Ebene (18. Dezember)

Weihnachtskonzert. Links neben mir Frau mit T und Husten, rechts neben mir Frau ohne T mit fröhlich vor sich hin erzählendem Baby. So richtig viel hab ich nicht gehört vom Konzert, aber schön wars trotzdem.
Noch einer.

Die Mühen der Ebene (17. Dezember)

Den heutigen Tag stellen wir am besten dem Vergessen anheim. Erstens regnete es den ganzen Tag lang, und da meine Laune bekanntlich durch ein unsichtbares Kabel direkt mit dem Wetter verbunden ist, war das schon einmal eine schlechte Voraussetzung.
Zweitens musste ich mich heute andauernd ärgern. Die Fünftklässler trieben mich in der Doppelstunde Englisch in den Wahnsinn, weil sie einfach nicht zuhörten: Ich weigere mich, die Seite im Buch und die Nummer der Übung mehr als zweimal zu nennen (geschweige denn an die Tafel zu schreiben), und nach jeder neuen Ansage gab es ungefähr fünf Kinder, die nicht wussten, was sie tun sollten, weil sie geistig abwesend waren. Gespielten Ärger beherrsche ich durchaus auch, aber das, was mich ob dieses Verhaltens ansprang, war richtige, echte Wut.
In der Bereitschaftsstunde hatte ich eine Vertretung in einer neunten Klasse und sollte einen Film zeigen, von dem sie im Politikunterricht schon die erste halbe Stunde gesehen hatten: Die fetten Jahre sind vorbei. Oh, schön, dachte ich, das wird mal ein Vergnügen. Weit gefehlt. Als ich den Film herausholte, hörte ich Kommentare wie „Müssen wir diesen Scheißfilm wirklich weitergucken?“, und als er lief, musste ich ihn dreimal stoppen, um klarzustellen, dass man während einer Filmvorführung nicht spricht. Was mich aber in wirkliche Rage versetzte, war, dass sie mich, kaum war die Stunde zu Ende, fragten, ob ich den Film nicht dalassen könne, so dass sie ihn in der nächsten Stunde weitergucken könnten. So eine Heuchelei. Nur um Unterricht zu vermeiden.
Es ärgert mich, dass ich mich von Schülern in Wut versetzen lasse. Die Frage ist nur, ob das Wetter an allem schuld war.

Die Mühen der Ebene (16. Dezember)

Deutsch, Klasse 6: Den Vorlesewettbewerb haben wir hinter uns, die zweite Klassenarbeit, das Diktat, auch, was machen wir in den verbleibenden drei Stunden bis zu den Weihnachtsferien? Wir beschäftigen uns mit dem Zauberlehrling. Den sollen sie in den Ferien auswendig lernen, und vorher muss geklärt sein, worum es geht und was den Zauberlehrling gefühlsmäßig umtreibt, denn das Lernziel ist ein angemessener Gedichtvortrag.
Immer wieder faszinierend, wie diese Ballade, über 200 Jahre alt, heutige geerdete Zwölfjährige in ihren Bann zu schlagen vermag. Natürlich gibt es ein paar Verständnisschwierigkeiten („verrucht“, „Ausgeburt der Hölle“), aber der Lauf der Handlung und die Lehre, die dieses Gedicht vermittelt, sind ihnen trotz Goethescher Sprache ganz und gar klar: „Wenn du es nicht bringst“, schreibt eine Schülerin in etwas anderer Rechtschreibung, „lass es.“
Sie sind sehr bei der Sache, sie gucken genau in den Text, und sie können sich ziemlich gut in den Zauberlehrling hineinversetzen. Das macht mir auch Spaß. Dass ihnen dieses Programm blüht, wissen sie noch nicht.

Die Mühen der Ebene (15. Dezember)

Am Abend traditionelles Kollegiums-Grünkohlessen, mit Glühweinerhitzen in der Lehrerzimmerküche, Wanderung mit Bollerwagen und Glühwein durch den dunklen, matschigen Wald ins Nachbardorf, mit trefflicher Personalratsrede über die Atmosphäre im Kollegium, die mit der Tatsache zusammenhängt, dass viele Leute Dinge tun, die ihnen nicht unmittelbar etwas nützen, und mit Bregenwurst. Hach.

Die Mühen der Ebene (14. Dezember)

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Die Mühen der Ebene (13. Dezember)

So ein schönes Papier. Zwiebeln und Mais gab’s nicht (oder der Strich beim Mais ist verrutscht). Das sind die Leute, die mit Kugelschreiber in der Hand einkaufen gehen.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18