Gedöns
Als ich vor den Ferien überlegte, was ich mit meiner Klasse am Wandertag unternehmen könnte, schlug Frau L. – originell wie immer – vor, zur Kultstätte des Heidedichters zu pilgern und dort seine Gedichte zu rezitieren. Ich verwarf das umgehend, mit Verweis auf den eher geringen, für elfjährige Kinder überhaupt gar nicht erkennbaren Spaßfaktor.
Allerdings plagte mich die Erinnerung an dieses Gespräch so lange, bis ich die traurige Wahrheit endlich zugeben konnte: Schon im dritten Jahr bin ich Heidegermanistin, und noch immer habe ich keine Ahnung von Hermann Löns.
Darum war ich, als derletzt ein Ausflugsziel gesucht wurde, sofort dafür, seinen Gedenkstein zu besichtigen. Wäre Frau L. mitgekommen, sie hätte uns aus dem Stegreif zehn Löns-Gedichte auswendig aufsagen können, und nach ein bisschen Nachdenken nochmal zehn. So mussten wir uns damit begnügen, die Informationstafel neben dem Stein zu lesen. Sie war ernüchternd. Offensichtlich hat Löns nur ein einziges Jahr in der Lüneburger Heide gelebt. Weder wurde er hier geboren, noch ist er hier begraben. Seinen Ruf als Heidedichter hat er wohl eher eingefordert als erarbeitet.
Das machte mich nun doch neugierig, deshalb guckte ich zu Hause im Kindler nach. Was dort stand, war ebenfalls wenig schmeichelhaft, ich zitiere mal ein paar Halbsätze: „Hermann Löns, ein verspäteter Romantiker, der seine schwärmerischen Neigungen in der Pose männlicher Härte bekämpfte…“ – „Löns, der sich gern als Dichter der Lüneburger Heide feiern ließ…“ – „Löns’ lyrisches Werk verweigert sich den Entwicklungen der Moderne und schließt an die Texte seiner literarischen Vorbilder an […]. Strophenbau und Reimschemata folgen vom Frühwerk an konventionellen Mustern des Volkslieds, die Metaphorik schöpft immer wieder aus dem gleichen Bildvorrat. […] Nach 1945 gerieten die Texte weitgehend in Vergessenheit.“
Als ordentliche Heidegermanistin sollte ich mir nun ein Gedicht vornehmen und es nach allen Regeln der Kunst analysieren, um das mittlerweile entstandene Vorurteil zu stützen oder zu widerlegen, je nachdem. Nur habe ich dazu keine Lust. Lyrik ist ohnehin nicht meine Gattung, ich lese Gedichte wie ich Musik höre – willkürlich, emotional, rein geschmacksorientiert. Ich habe jetzt eine Ahnung von Hermann Löns, und ich zitiere einfach mal ein Löns-Gedicht und vertraue darauf, dass Sie das schon beurteilen können. Und ich werde mal Frau L. fragen, was sie an Löns gut findet.
Sommer
Über die Heide ziehen Spinneweben
Von Halm zu Halm ihr silberweißes Tuch,
Am Himmelsrande weiße Wölkchen schweben
Und weißes Wollgras wimpelt überm Bruch.Es glüht die Luft wie ein Maschinenofen,
Kein Menschenleben regt sich weit und breit,
Der Baumpieper nur schmettert seine Strophen
Und hoch im Blau der Mäusebussard schreit.In rosa Heidekraut den Leib ich strecke,
Das Taschentuch ich auf die Augen breit’,
Weit von mir ich die schlaffen Glieder recke
Und dehne mich in süßer Müdigkeit.O Grabesschlaf, wollüstiges Genießen!
Wenn dieser müde Menschenleib verwest,
Wenn die Atome auseinanderfließen
Und Glied an Glied sich reckend, dehnend löst.