Archiv Januar 2007

Busfahren in Hamburg (2)

Mittwoch, 31. Januar 2007

Dieselbe Bushaltestelle, dieselbe Buslinie, aber zwei verschiedene Richtungen - eine seltsame Einrichtung am S-Bahnhof Elbgaustraße. Dort dreht der 186er eine Schleife, deshalb fährt er von derselben Straßenseite nach Othmarschen wie auch nach Schenefeld. Wenn man sich dieser Tatsache nicht bewusst ist, sondern nur auf die Nummer achtet, kann es passieren, dass zwanzig Minuten später hinter einem eine Großmutter zu ihrem Enkel sagt: “Siehst du das Schild? Hier hört Hamburg auf.” Hamburg oder nicht Hamburg, am Straßenbild jedenfalls erkennt man den Unterschied nicht. Das Village of Os, wo man hinwill, liegt jedoch in Hamburg, das ist ganz sicher. Also ausgestiegen, Schleife in die andere Richtung befahren und ins Village gelangt. Fazit: Schon als Tourist gehört das Erlebnis, sich mit Bus und Bahn zu verfahren, zu den eher peinlichen Erfahrungen. Kann man sich nicht auf den Touristen-Status berufen, steigert sich die Peinlichkeit um ein Vielfaches.

Die Parkfamilie

Dienstag, 30. Januar 2007

Der HSV übt derzeit sehr eifrig im Altonaer Volkspark, schließlich geht es gegen den Abstieg. Der Trainer ist immer noch derselbe - er ist aber auch sehr gefällig anzuschauen , wenn er seine Schutzbefohlenen über den Trainingsplatz scheucht, unter den Augen der kritischen Rentnerschaft am Rand. Diese vertraute Attraktion bietet der Park den in ihm Joggenden - aber es gibt noch andere. Läuft man um 8:15 Uhr im Wiesenrautenstieg los, begegnet man um 8:23 Uhr am Eingang des berühmten Dahliengartens einer drahtigen älteren Dame, die sich auf die quälend langsamen Bewegungen einer fernöstlichen Meditationssportart konzentrieren muss und deshalb von ihrer Umgebung nichts wahrnimmt. Zwei Minuten später biegt eine jüngere Frau um die Ecke, die stets freundlich grüßt. Überhaupt ist es im Park üblich, dass die Läufer einander einen guten Morgen wünschen. Ebenso die Hundeausführer. Niemals aber grüßen Läufer Hundeausführer oder umgekehrt. Anders liegt der Fall bei der Frau, der man um 8:35 Uhr auf einem der Hügel begegnet. Sie besitzt einen großen alten Hund, der – aus Trotteligkeit oder aus Durchtriebenheit, man weiß es nicht – Läufern in einer Weise vor die Füße wankt, die sie zwingt, innezuhalten oder einen Bogen zu laufen. Das ist der Dame immer ein bisschen peinlich, deshalb sagt sie guten Morgen, bevor sie den Hund mild ermahnt. Der guckt schuldbewusst, lacht sich aber wahrscheinlich innerlich kaputt. Um 8:45 begegnet man oben an der Grillwiese einem nordisch gehenden älteren Herrn mit Skistöcken. Läufer und Walker verachten einander normalerweise noch mehr als Läufer und Hundeausführer, aber hier liegt der Fall anders: Weil der Herr stets lächelt und grüßt, lächelt und grüßt man zurück. Im Herbst war der Park voll mit Angestellten des Bezirksamtes Altona, die damit beschäftigt waren, das Laub von den Wegen zu pusten, und die nicht selten ihre lauten Geräte ausschalteten, um Läufer oder Hundeausführer durchzulassen. Jetzt begegnet man um kurz nach neun nur noch zwei älteren Damen in grellgelben Leuchtwesten, die zwar ihre Fahrräder mit sich führen, aber nie darauf fahren. Sie gehören nicht zu den gegrüßten Personen, aber eines Tages wird man sie einmal fragen, ob es nicht schlauer wäre, die Fahrräder zu Hause zu lassen, wenn sie sowieso nicht benutzt werden. Nach einer Stunde im Volkspark hat man also eine ganze Parkfamilie getroffen und begrüßt. Das ist nett. Wählt man allerdings eine andere Stunde als gerade diese, ist schon wieder alles anders.

Die Unhöflichkeit der Katze

Montag, 29. Januar 2007

Die Nachbarn im Erdgeschoss rechts besitzen eine Katze - langhaarig, die personifizierte Arroganz in Tierkörperform. Oft sitzt sie reglos am Fenster, stellt ihre Augen auf Fernsicht und blinzelt selbst dann nicht, wenn man ihren Blick kreuzt. Diese Art, einfach durch einen hindurchzusehen, empfindet jede Nicht-Katze als grobe Unhöflichkeit. Die bestbeobachteten Katzenbeschreibungen der Weltliteratur stammen von Uwe Johnson. Zum Beispiel dieser Satz: “Als er zurückkam, lag die Katze auf seinem Stuhl wie ein Burgwall: mit höherem Rückenwulst und dem niedrigeren Halbring von Hals und Kopf und sämtlichen Pfoten und Schwanz; den Kopf hatte sie fast gänzlich umgeben mit sich.” (Uwe Johnson, Mutmassungen über Jakob)

Kehrwoche

Montag, 29. Januar 2007

Jeder neue Mieter wird von Frau Müller in das Prinzip Kehrwoche eingewiesen. Sie erklärt, wie man die Treppe zu machen habe, womit sie meint: zu putzen. Keineswegs muss das ganze Haus geputzt werden, sondern nur der eigene Treppenabsatz und die dazugehörigen zwei Treppen bis zum nächstunteren Absatz. Einmal im Monat muss gefegt werden, ein weiteres Mal gefegt und gewischt. “Außerdem”, sagt Frau Müller streng, “sollten auch noch die Treppenhausfenster geputzt werden.” Das alles teilt man sich mit dem Mieter im selben Stockwerk, so dass man nur alle zwei Monate dran ist. Frau Müller wacht darüber, dass die Kehrwoche ordnungsgemäß eingehalten wird. Wie sie das tut, ist ungewiss, aber man kann sicher sein, dass sie die Vernachlässigung der Pflichten mitbekommt. Man tut also gut daran, sie zu erfüllen.

Der Autostreichler

Sonntag, 28. Januar 2007

Wie Frau Müller ihren Gummibaum, so liebt der Autostreichler sein Auto. Der Autostreichler ist ein älterer Herr, der einmal pro Tag mit dem Auto zum Einkaufen fährt, am Wochenende ist er auch mal länger weg. Er hat für 17 € im Monat einen der reservierten Parkplätze vor dem Haus gemietet. Leider hat er Pech gehabt und ihm ist ausgerechnet der Platz unter dem Baum mit den kleinen roten Beeren zugefallen. Wenn die im Herbst reifen, dann fallen sie herunter – genau auf das Auto des Autostreichlers. Dort hinterlassen sie hässliche rote Flecke, die wahrscheinlich sogar den Lack nachhaltig schädigen, so ähnlich wie Vogeldreck. Was unternimmt nun der Autostreichler dagegen? Er geht täglich mehrmals um das Auto herum und streicht die fiesen roten Beeren vom Lack, bevor sie sich hineinfressen. Wer allerdings das mit den Beeren noch nicht weiß, muss sich erheblich über die seltsamen Verrichtungen dieses Mannes wundern. Man könnte versucht sein zu glauben, hier im Village seien die Leute eben merkwürdig. Aber, das demonstriert dieser Fall sehr anschaulich: Merkwürdiges Verhalten, das durch eine logische Erklärung nachvollziehbar wird, ist auf der Stelle unmerkwürdig. Dass es trotzdem komisch aussieht, wenn der Autostreichler sein Auto streichelt, hat damit gar nichts zu tun.

Von Frau Müller geliebt

Sonntag, 28. Januar 2007

Im Haus gibt es eine Mieterin, nennen wir sie Frau Müller, die sich wahlweise als “Wachhund des Hauses“ oder als “Mutter des Hauses“ bezeichnet – selbstverliehene Ehrentitel, die sie mit Stolz trägt. Sie hält den Gemeinschaftssinn hoch (”Zum Glück sind Sie nicht nach nebenan gezogen, da wohnt ein Pole, der schlägt seine Frau. Hier passiert so was nicht, hier wohnen anständige Leute.“) und fühlt sich zuständig, neue Mieter in das Prinzip Kehrwoche einzuweisen. Als einzige Mieterin im ganzen Haus hat Frau Müller ihren Treppenabsatz individuell gestaltet und zwar mit Hilfe eines Gummibaums. Mit diesem Gummibaum hat es eine besondere Bewandtnis. Er ist genau neunundzwanzig Jahre alt, und (Achtung, Symbolik!) neunundzwanzig ist auch die Anzahl der Jahre, die Frau Müller in diesem Haus wohnt. Zwar ist der Gummibaum bedeckt vom Treppenhausstaub der Jahre, und er ist so altersschwach, dass er an die Wand gelehnt werden muss, damit er nicht umkippt. Aber egal. Er wird durchhalten, solange er von Frau Müller geliebt wird.

Bauwerke oder Grünflächen

Sonntag, 28. Januar 2007

Hamburger Hafen, Speicherstadt, Schanzenviertel, Övelgönne – alles schön und gut. Wir wollen uns nicht beklagen, wenn die Hamburg-Touristen an diese Orte zuerst eilen. Sie stehen in ihren Reiseführern nun einmal an erster Stelle. Irgendein parteiischer Reiseführerverfasser, wahrscheinlich Herr Baedecker, hat sie für besichtigenswerter gehalten als das Village of Os. Aber das ist falsch, ganz falsch. Denn auch Hamburg-Osdorf hat seinem Touristen einige Perlen der Hochkultur zu bieten. Der gequälte Tourist steht sogar vor der Wahl: Möchte er lieber bedeutende Bauwerke besichtigen oder bedeutende Grünflächen? Für den Architektur-Interessierten bietet das Village erstens den Heidbarghof in der Langelohstraße und zweitens die Osdorfer Mühle in der Osdorfer Landstraße 142. Diejenigen, die sich eher für die Natur interessieren, besuchen den Botanischen Garten oder die Wiesen der Osdorfer Feldmark, die sich zwischen Schenefeld, Osdorf und Iserbrook erstrecken. “Beide Grünflächen“, so verkündet der entsprechende Wikipedia-Artikel in einer Mischung aus Sachlichkeit und Stolz, “sind für die Verhältnisse eines Stadtteils in einer Millionen-Metropole als groß zu bezeichnen.“