Archiv Februar 2007

Prag, 28. Februar 1913

Mittwoch, 28. Februar 2007

„Spät, Liebste, spät. Ich habe eine Arbeit für das Bureau gemacht und dabei ist es spät geworden. Kalt ist mir auch. Sollte ich mich wieder verkühlt haben? Es ist recht widerlich; meine linke Seite wird ständig kalt angeweht. […]
Heute abend und auch während des Tages war ich ruhiger und sicherer als sonst, jetzt ist wieder alles dahin. Ich wollte übrigens den Menschen sehn, der ohne Schaden meine Lebensweise, vor allem diese abendlichen einsamen Spaziergänge aushalten würde. Zuhause spreche ich fast mit niemandem, die Verbindung mit meiner Schwester, die schließlich hauptsächlich auf meinem Schreiben beruhte, ist nun auch ganz locker. Du und ich, wir leben jetzt entgegengesetzt, Du hast immerfort Leute um Dich, ich niemanden fast, die Leute im Bureau sind kaum zu rechnen, gar jetzt, wo ich seit einigen Tagen mehr schlafe und die Arbeit mir nicht so schwer fällt. Sie ist gerade so gleichgültig wie ich, wir passen zusammen. In den nächsten Tagen werde ich sogar Vice-Sekretär, es geschieht mir ganz recht.“
Franz Kafka, Briefe an Felice

Limerick (7)

Dienstag, 27. Februar 2007

There was a young lady of Maine
who was horribly sick on the train.
Not once, I maintain,
but again and again
and again and again and again.

Müntefering und Frau Merkel

Montag, 26. Februar 2007

Wenn sich Frau Merkel und Herr Müntefering treffen, etwas besprechen und die Ergebnisse hinterher der Presse bekannt geben, berichtet das Radio so darüber: „Müntefering betonte dies und jenes. Frau Merkel legte besonderen Wert auf das und das.“ Wir finden, das ist eine diskriminierende Unsitte. Und das nicht, weil Frau Merkel schon im Wahlkampf dadurch auffiel, dass sie die Geschlechterfrage einfach außen vor ließ. Sondern weil es das Gleichheitsprinzip verletzt. Und weil sich aus der Ungleichbehandlung interpretatorisches Kapital schlagen lässt. Wir erinnern an einen berühmten Roman von Thomas Mann, in dem Hanno Buddenbrook und sein Freund Kai in der Schule den Brauch einführen, „von den Lehrern nur vermittelst ihres richtigen bürgerlichen Namens unter Hinzufügung des Wortes ‚Herr’ zu sprechen […]. Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Kälte, eine spöttische Distanz und Fremdheit.“ In der Wissenschaft ist diese Form der Diskriminierung zum Glück längst abgeschafft. Niemand würde schreiben: „Foucault sagt dies und jenes, Frau Butler hält das und das dagegen.“ Liebe Journalisten, nehmt euch daran ein Beispiel und schafft endlich das pseudo-höfliche ‘Frau’ ab. Es heißt: Merkel. Merkel. Merkel.

Freilaufende Bücher

Sonntag, 25. Februar 2007

Dass Hunde, Katzen oder Zwergkaninchen Rasse Rex gelegentlich die heimische Nahrungssicherheit zugunsten eines Survival-Trainings in der urbanen Weite aufgeben, ist ganz normal. Schon erstaunlicher finden wir, dass es Leute gibt, die auch Büchern diesen Freiheitsdrang zugestehen und ihn eigenhändig befeuern: Sie setzen Bücher an bestimmten, stark frequentierten Orten in der Stadt aus und machen sich einen Sport daraus, anhand eines Registrationscodes auf dem Titelblatt zu verfolgen, wer sie findet, liest und danach an einem anderen Ort wieder aussetzt. Bookcrossing heißt dieser Sport. Im Elbe-Einkaufszentrum beispielsweise laufen laut Liste derzeit fünfzig Bücher frei herum, darunter Klassiker wie Dantes Göttliche Komödie (ausgesetzt vor drei Jahren) oder Doktor Schiwago (vor drei Wochen in die Freiheit entlassen), aber auch Titel, unter denen wir uns weniger vorstellen können, wie zu Beispiel Mit dem Gongschlag ist es 6 Mark 30 oder, sehr passend, Flucht ist sinnlos. Die jüngsten Freilassungen liegen eine Woche zurück, und wenn wir morgen beim Einkaufen ein herrenloses Buch finden, werden wir es mitnehmen, melden, gewissenhaft lesen und wieder aussetzen. Übrigens besitzt das Village of Os noch einen weiteren Freilassungs-Punkt: den Baby-Markt an der Osdorfer Landstraße, gegenüber vom Elbe. Dort verstecken sich Bücher wie Ich wollte Hosen und Die Drei aus dem Hochhaus. Eigentlich haben wir im Baby-Markt nichts zu erledigen. Aber um des Jagdfiebers willen werden wir ihn demnächst einmal aufsuchen.

Seltsame Frisörnamen (1)

Samstag, 24. Februar 2007


Hamburg, Neue Große Bergstraße, Februar 2007

Typisch italienisch

Freitag, 23. Februar 2007

In Italien geht es drunter und drüber: Der Ministerpräsident tritt überraschend zurück, der Staatschef nimmt den Rücktritt nur unter Vorbehalt an, und auch zwei Tage später ist mitnichten klar, ob es eine neue Regierung geben wird, eine Vertrauensabstimmung oder sogar Neuwahlen. Wer hätte gedacht, dass diese Ereignisse auch die Stadt Hamburg entscheidend betreffen. Heute findet in Hamburg nämlich das Matthiae-Mahl statt, das älteste Festmahl der Welt, das seit 1356 von der Stadt ausgerichtet wird. Und in diesem Jahr sollte Romano Prodi Ehrengast und Hauptredner des Matthiae-Mahls sein. Laut Hamburger Abendblatt hat Herrn Prodis Rücktrittsgesuch im Hamburger Rathaus hektisches Bangen ausgelöst: “Was nun? Kommt er? Kommt er nicht?” Krisensitzungen wurden einberufen, die Staatsräte seien jetzt als Krisenmanager gefragt, womöglich müsse ein Ersatzredner gefunden werden. Also, Herr Prodi, das müssen wir Ihnen jetzt aber mal ganz deutlich sagen: Wenn Sie das nächste Mal zurücktreten, dann werfen Sie doch bitte vorher einen Blick in Ihren Terminkalender und denken Sie daran, dass es auch unaufschiebbare Verpflichtungen gibt im Leben!

Koscheres Handy

Donnerstag, 22. Februar 2007

Eine der Religionen, deren Regeln am deutlichsten in das Alltagsleben ihrer Anhänger eingreifen, ist die jüdische in ihrer ultra-orthodoxen Ausprägung. Besonders das Verbot, am Schabbat zu arbeiten, stellt die Gläubigen oft vor unlösbare Probleme. In Israel gibt es deshalb Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, die Verbote durch kleine Tricks, oft technischer Art, zu umgehen. Ein alter Hut ist ja der Fahrstuhl, der am Schabbat einfach auf Dauerbetrieb gestellt wird, so dass niemand einen Knopf drücken und damit einen Stromkreis herstellen muss. Ganz neu sind jetzt koschere Handys. Man tippt eine Nummer ein (zählt nicht als Arbeit), und ein elektronischer Sensor, der die Tastatur im Abstand von zwei Sekunden scannt, wählt automatisch selbst, ohne dass der Gläubige den Verbindungsknopf betätigen muss (zählt als Arbeit). Wenn das kein Selbstbetrug ist - komisch ist es allemal. (via SZ)