Archiv März 2007

Raddatz

Samstag, 31. März 2007

Ein ganz eigenes journalistisches Genre scheint die Textsorte “Wie ich einmal gemeinsam mit einem Prominenten reiste” zu sein - eine Mischung aus Porträt, Glosse und Huldigung. Neulich war in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung eine ganze Seite über eine Zugfahrt mit Elfriede Jelinek zu lesen. Dort ging es auch um die Frage: Fühlen sich prominente Mitreisende geschmeichelt, wenn man sie anspricht, oder wollen sie nicht viel lieber in Ruhe gelassen werden?
Über diese Frage haben wir neulich auch nachgedacht, als wir von Lissabon nach Hamburg flogen und in Zürich Fritz J. Raddatz zustieg. Wir sahen ihn schon beim Warten auf dem Flughafen. Er sah genauso dandyhaft aus, wie wir ihn von Bildern kannten: Lange Haare, Vollbart, Brille, weicher Filzhut, Tweedanzug, Lederschuhe, Einstecktuch und - daran erinnern wir uns genau - orangefarbene Socken. Er sah nicht aus wie fünfundsiebzig. Obschon (oder vielleicht gerade weil) er in seinem Leben viel geflogen sein muss, konnte man ihm ansehen, dass ihn das Warten nervös machte. Neidisch betrachtete er den Mann neben sich, der so in sein Buch vertieft war, einen Krimi, wie wir später sahen, dass ihm der Leerlauf nichts auszumachen schien. Dabei hatte Herr Raddatz selbst ein Buch in der Hand, ein kleines Insel-Bändchen, nach dem wir uns ziemlich den Kopf verrenkten, um zu sehen, was es war: George Meredith.
Wenn wir erwartet hatten, Fritz J. Raddatz fliege Business Class und lasse sich Champagner kredenzen, hatten wir uns getäuscht. Er saß mit seiner viktorianischen Lektüre in Reihe zwölf und achtete lediglich darauf, seinen hellen Kamelhaarmantel und seinen Hut sorgsam in der Gepäckablage unterzubringen. Wir saßen weiter hinten und verloren ihn aus den Augen. Hinterher ärgerten wir uns, dass wir ihn in den zehn Minuten ungeduldigen Wartens in Zürich nicht angesprochen haben. Wir hätten ihn gerne nach seinem Verhältnis zu Uwe Johnson gefragt.
Was wir darüber aus dem Briefwechsel Johnson - Raddatz (im letzten Jahr erschienen) erfahren, gefällt uns eigentlich gar nicht. Eine Freundschaft jedenfalls war das nicht, obgleich gerade Raddatz diesen Begriff oft geradezu hymnisch beschwört. Eher eine ungleiche Beziehung - auf Johnsons Seite oft herablassend, auf Raddatz’ Seite manchmal unterwürfig - mit dem Zweck, Klatsch und Tratsch aus dem Literaturbetrieb auszutauschen. Johnsons Briefe sind zuweilen eiskalte Abfuhren, verpackt in scheinbare Höflichkeit, Raddatz schreibt oft gefühlig-überschwänglich und etwas geschwätzig.
Es gibt aber auch sehr schlichte, unverstellte Briefe von ihm, zum Beispiel dieser, geschrieben in Hamburg-Winterhude im März 1969:
“lieber gross-uwe:
schade, dass ich nicht da war, als Sie im hotel lysia hausten; ich fand den zettel erst wochen später und Sie waren, natürlich, schon abgereist, als ich anrief. gern hätte ich Sie gesehn und gesprochen.
tja, Sie sind nu schon ziemlich lang wieder da, und wir haben garkeine worte mehr gewechselt. das liegt wohl eher an mir: bei aller berufsmässigen beredtheit, um nicht zu sagen geschwätzigkeit verstumme ich innen eher. ich finde mich in vielem nicht mehr zurecht. vornweg, traurig das zu sagen, die persönlich malaise. Sie rieten mir ja mal, drüber zu schreiben (in die schublade) ums los zu werden. aber es funktioniert nicht. für mich war das zu wichtig, als dass ichs ‘los’ werden könnte; es war wohl auch ein schuss wahn in dieser beziehung - und das macht sie so definitiv unauflösbar. es bohrt und schmerzt weiter und ich sitze fast jeden abend hier zuhause, ganz komfortabel, wie Sie wissen, und lebe vor mich hin, manchmal, gar nicht so manchmal, frage ich mich inzwischen, wozu eigentlich, und ob man das nicht auch ändern sollte.” (Uwe Johnson / Fritz J. Raddatz: “Liebes Fritzchen”, “Lieber Groß-Uwe” - Der Briefwechsel)
Wir sind froh, dass Herr Raddatz das nicht geändert hat, und wenn wir ihn das nächste Mal treffen, dann quatschen wir ihn einfach an - das haben wir uns fest vorgenommen.

Klang Bild

Freitag, 30. März 2007


Sørup, Dezember 2006

Auf der Fotobank

Donnerstag, 29. März 2007

Das Elbe-Einkaufszentrum betreibt eine eigene Publikation, Elbe-Einkaufszentrum Aktuell, die klassische Werbebroschüre im Gewandt von Pseudo-Nachrichten. Sieht aus wie eine Zeitung mit Artikeln und Fotos, ist aber keine. Ein typischer Beitrag in der aktuellen Ausgabe beginnt zum Beispiel so: “Vom 2. bis 4. April können Sie Ihre Liebsten auf der Lindt-Fotobank bei Karstadt im Erdgeschoss auf der Themenfläche ‘die Stadt blüht auf’ fotografieren lassen. In Kooperation mit Kodak gibt es das Foto gleich im schönen Passepartout. Wer dann Appetit auf die leckeren Lindt-Häschen bekomen hat, sollte am Sonderstand von Karstadt vorbeischauen.” Wer ein bisschen Abstand hat, weiß natürlich, dass es sich um reine Reklame handelt. Und wer darauf keine Lust hat, der liest das Blättchen eben nicht.
Was uns immer wundert, sind die so genannten Besucherumfragen, die sich in jeder Ausgabe finden. Da werden jedes Mal Kunden zu einem bestimmten Thema gefragt und antworten immer im Sinne des Elbe-Einkaufszentrums. Aktuell beispielsweise finden alle Befragten die Ausstellungen im Elbe-Einkaufszentrum ganz toll und fahren extra hin, um sie zu fotografieren oder so. Die Befragten sind dabei mit vollem Namen und Foto vertreten, und auf den Fotos sehen sie nicht so aus als seien sie dazu gezwungen worden. Wir haben uns vorgenommen: Wenn uns mal jemand befragen sollte, werden wir genau das Gegenteil von dem sagen, was sie hören wollen. Und dann eine Wette darauf abschließen, dass wir nicht in die Zeitung kommen.

DSDS

Mittwoch, 28. März 2007

Wir besitzen keinen Fernseher, müssen wir vorausschicken, und das schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Als wir neulich für ein paar Tage in Lissabon waren, sah es die Pension, in der wir wohnten, als besonderen Service an, uns einen ins Zimmer zu stellen. Um den Sonnabend zu beschreiben, um den es geht, nehmen wir das böse L-Wort nur ungern in den Mund – nennen wir ihn also einen Tag der Unentschlossenheit. Immerhin, er wurde begonnen mit Frühsport, dem Aufstieg auf den höchsten Miradouro Lissabons. Es ist der „Miradouro Nossa Senhora do Monte“, und man fühlt sich dort als „schwebe man in einem Raumschiff über der Stadt“ (Zitat aus dem Reiseführer). Das können wir bestätigen. Danach waren wir unentschlossen. Wir suchten halbherzig verschiedene Kachel-Shops auf, deren Ware aber entweder unschön oder zu teuer war, und um drei Uhr nachmittags waren wir wieder zurück in der Pension. Die Suche nach einem Kino für den Abend fruchtete auch nicht – in der Innenstadt gibt es kaum welche, das einzige, das wir fanden, zeigte eine Fado-Doku auf Portugiesisch. So kam es, dass wir fernsahen. Deutschland sucht den Superstar. Das heilte uns im Handumdrehen von jeder Unentschlossenheit, und wir befanden einstimmig und entschlossen: Nie wieder.

Prag, Ende März 1922

Dienstag, 27. März 2007

„Nun habe ich Ihnen schon so lange nicht geschrieben Frau Milena, und auch heute schreibe ich nur infolge eines Zufalls. Entschuldigen müßte ich mein Nichtschreiben eigentlich nicht, Sie wissen ja, wie ich Briefe hasse. Alles Unglück meines Lebens – womit ich nicht klage, sondern eine allgemein belehrende Feststellung machen will – kommt, wen man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreiben her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer undzwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. […] Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern undzwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst […]. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Autor, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.“
Franz Kafka, Briefe an Milena

Lesen aus dem Kaffeesatz

Montag, 26. März 2007

Gestern waren wir zum ersten Mal, seit wir nach Hamburg umgezogen sind, beim Kaffee.Satz.Lesen in der Baderanstalt. Jetzt verstehen wir nicht, warum wir da nicht schon früher waren. Die Atmosphäre war locker, obwohl mehr Leute in die Baderanstalt hineinwollten als es Stühle gab, der Kaffee floss reichlich, der Kuchen war lecker, obgleich er sonst angeblich noch besser ist. Das Publikum, darunter viel Hamburger Bloggerprominenz, verteilte die Ware Aufmerksamkeit genau wie im Internet: Wer gut war, bekam viel Applaus, wer nicht so gut war, weniger. Unmut wurde nicht bekundet, auch nicht bei langweiligen Geschichten und steigender Temperatur im Raum.
Unbestrittene Höhepunkte des Nachmittags waren die beiden Riesenmaschinen-Autoren Tex Rubinowitz und Kathrin Passig - ein begnadeter Spontanformulierer der eine, die andere eine Meisterin darin, Witz in Understatement zu verpacken und auf diese Weise die Absurdität dieser Welt noch absurder erscheinen zu lassen.
Da werden wir in Zukunft öfter hingehen - jeden letzten Sonntag im Monat um 16 Uhr in der Baderanstalt, Hammer Steindamm 62. Lohnt sich.

Limerick (10)

Sonntag, 25. März 2007

There was a young lady from Riga
who fancied a ride on a tiger.
They came back from the ride
with the lady inside
and a smile on the face of the tiger.