Archiv Freitag, 2. März 2007

Busfahren in Hamburg (3)

Freitag, 2. März 2007

Bahnhof Altona, Haltestelle des Busses Nummer 37. Der 37er ist ein Schnellbus mit erhöhtem Beförderungsentgelt, was der einsteigenden Frau – fünfundzwanzig Jahre alt, wie sie später öffentlich kundgeben wird – bekannt ist. Nicht bekannt ist ihr die Höhe des Zuschlags. Sie steigt ein, fragt den Fahrer nach der Summe, kommentiert den Preis, bittet um etwas Geduld, besetzt zwei Plätze im vorderen Teil des Busses mit dem Inhalt ihrer Handtasche, sucht ihr Portemonnaie heraus, drängelt sich durch die Einsteigenden hindurch zurück zum Fahrer und bezahlt. Auf einem der beiden besetzten Plätze liegen währenddessen diverse Schminkutensilien, eine Tüte Weingummi, ein Kuli und ein zerknittertes Blatt Papier. Auf dem anderen liegt ein Mobiltelefon und macht Musik. Die umsitzenden Fahrgäste gucken leicht erstaunt. Nun gut, denken sie, hat sie eben vergessen auszuschalten, kann mal passieren. Als der Bezahlvorgang abgeschlossen ist, setzt sie sich, schaltet allerdings die Musik keineswegs aus. Erste missbilligende Blicke treffen sie. Erst als jemand penetrant hinschaut und darum bittet, die Musik auszuschalten, das nerve nämlich ziemlich, sagt sie jovial: „Ich drehe es ein bisschen leiser, okay?“. Leiser heißt: immer noch im ganzen Bus vernehmbar. Die Fahrgäste finden sich damit ab, niemand äußert sich mehr hörbar. Die Fünfundzwanzigjährige bietet derweil dem ihr gegenübersitzenden Zehnjährigen Weingummi an, der lehnt ab mit der Begründung, er sei auf Diät. „Weingummi kannst du ruhig“, sagt sie, „das enthält überhaupt kein Fett.“ Das Kind bleibt standhaft.
Dann beginnt sie zu telefonieren. Zu diesem Zweck muss sie die Musik ausschalten, was die Fahrgäste zunächst mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen. Wenn sie gewusst hätten, in welcher Lautstärke das Telefonat geführt werden würde, hätten sie vielleicht doch die Musik vorgezogen. Nicht nur, dass die Frau für alle Fahrgäste vernehmlich in ihr Telefon spricht, sie hat auch den Lautsprecher eingeschaltet, so dass die Antworten des Gesprächspartners ebenfalls gut verständlich sind. So kann man nicht umhin zu begreifen, dass es sich um ein Telefongespräch zwischen Ehefrau und Ehemann handelt. Es geht um die Kinder, die ihnen weggenommen werden, wenn sie nicht bis Freitag etwas unterschreiben, und dass der Ehemann endlich aufhören muss, sie zu schlagen, und dass beide endlich mit dem Koksen und dem Alkohol aufhören müssen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, das Telefonat werde nur aus dem einen Grund geführt, dass der ganze Bus mithört. Als ein älterer Herr aus dem hinteren Teil des Busses ruft: „Bitte etwas leiser, uns interessiert das alles überhaupt nicht“, ist es um die Frau geschehen. Sie läuft zu großer Form auf und hält dem gesamten Bus eine flammende Rede: Fünfundzwanzig Jahre sei sie alt, in ihrer Kindheit sei sie vier Jahre lang von ihrem Vater missbraucht worden, sie und ihr Mann tränken und nähmen Kokain und könnten davon nicht loskommen, das Jugendamt drohe, ihr ihre beiden Kinder wegzunehmen, bis Freitag müsse sie etwas unterschreiben, ihr Mann schlage sie, und sie wünsche niemandem ein so verpfuschtes Leben wie das ihre. Von Anfang an verpfuscht sei ihr Leben, und das wünsche sie niemandem Den verschämten Einwand des älteren Herrn, er selbst sei elternlos im Heim aufgewachsen und trotzdem zu einem anständigen Bürger geworden, wischt sie mit einer erneuten Tirade hinweg: Bis Freitag müsse sie etwas unterschreiben, und sie wünsche niemandem, dass ihm die Kinder weggenommen würden, das sei das Schlimmste, was einem überhaupt passieren könne. Daraufhin befüllt sie ihre Handtasche, geht nach vorn zum Fahrer und entschuldigt sich bei ihm, sie sei im Moment etwas durcheinander, und da er der einzige Mensch in diesem Bus sei, der sie verstehe, solle er ihr bitte beim Elbe-Einkaufszentrum Bescheid sagen. Dort wolle sie aussteigen. Und während sich im ganzen Bus wildfremde Menschen erregt über diese bühnenreife Vorstellung austauschen, fährt der Fahrer seelenruhig weiter, weist die Frau keineswegs wegen der Ruhestörung zurecht, sondern kündigt wunschgemäß ihre Haltestelle an, öffnet die Tür, lässt sie aussteigen und fährt weiter. Fazit: Eine ziemlich souveräne Vorstellung – sowohl von der Frau als auch vom Busfahrer.
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