Archiv März 2007

Tramfotografie in Lissabon

Samstag, 24. März 2007


Die Tramfotografie ist eine der schwierigsten Aufgaben, die man sich in Lissabon stellen kann. Die Uralt-Straßenbahnen (aber mit neuen Motoren und vor allem: funktionierenden Bremsen) zuckeln tagsüber die sieben Hügel hoch und runter, und wir haben viele Fotos mit eingefrorener superscharfer Tram in eingefrorener superscharfer Straßenszene - langweilig. Nachts hingegen rasen diese Straßenbahnen plötzlich los wie verrückt, und man muss aufpassen, dass sie einem nicht aus dem Bild fahren.

Bücherstöckchen

Freitag, 23. März 2007

Fliegt anlässlich der Leipziger Buchmesse gerade herum, in diesem Fall geklaut bei Isabo.

Gebunden oder Taschenbuch?
Taschenbuch. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil gebundene Bücher beim Umziehen viel unpraktischer sind.

Amazon oder Buchhandel?
Beides. Amazon nur, wenn wir wissen, dass wir am nächsten Tag zu Hause sind, damit nicht Frau Müller das Päckchen annehmen muss. Buchhandel: In Berlin-Friedrichshain unterstützten wir ausschließlich die Kleinbuchhandlung Lesen und lesen lassen in der Wühlischstraße. Hier im Village of Os ist die nächste Buchhandlung (und die einzige auf weiter Flur) Thalia im Elbe-Einkaufszentrum. Da gehen wir jetzt immer hin, notgedrungen und nicht gerne. Denn dort müssen wir erstens doch alles bestellen, was wir haben wollen, und zweitens den Angestellten über die Schulter auf den Bildschirm schauen, damit sie das Richtige eintippen. „Johnson-Jahrbuch? Könnten Sie das mal bitte buchstabieren? Ach so, Johnson, ich weiß schon, das ist doch dieser Weinführer. Nicht? Na, dann buchstabieren Sie bitte noch mal ganz deutlich.“

Lesezeichen oder Eselsohr?
Eselsohr. Weil wir nie wissen, was wir beim Lesen mit dem Lesezeichen machen sollen.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?
Früher nach geliebten Büchern und nicht so gemochten, heute alphabetisch nach Autor. Leider haben wir die fatale Neigung, Autorennamen zu vergessen, so dass es zuweilen schwierig ist mit dem Wiederfinden.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?
Gute Bücher behalten wir, schlechte geben wir einer Freundin, die einen Freund hat, der sie für einen guten Zweck verkauft. Sind wir unentschieden, ob wir ein Buch gut oder schlecht finden, behalten wir es vorsichtshalber. Weshalb die Bücherregale überfüllt sind. Vor dem nächsten Umzug werden wir aber ganz viele aussortieren (das haben wir allerdings das letzte Mal auch gedacht). Ansonsten halten wir uns strikt an das elfte Gebot: Du sollst keine Bücher wegschmeißen.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?
Bei Wörterbüchern und Nachschlagewerken: wegwerfen. Bei Büchern, mit denen wir arbeiten, schneiden wir manchmal den Schutzumschlag auf Buchrückengröße zurecht und kleben ihn mit durchsichtiger Folie auf das Buch, so wie manche Bibliotheken das machen. Ansonsten: behalten, zum Lesen abmachen und hinterher wieder dran.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?
Ohne. Weil er stört, abfällt, verknickt oder zerreißt.

Kurzgeschichten oder Roman?
Eher Roman.

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?
Keine Ahnung. Nie drüber nachgedacht und auch jetzt keine Lust dazu.

Harry Potter oder Lemony Snicket?
Harry Potter in gedruckter Form, Lemony Snicket im Kino. Artemis Fowl noch nie.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?
Mitten im Satz, wenn die Augen zufallen. Beim Schreiben hören wir übrigens auch manchmal mitten im Satz auf – das gibt am nächsten Tag ein lustiges Ratespiel, wenn sich der Satz partout nicht zu Ende bringen lässt.

„Die Nacht war dunkel und stürmisch“ oder „Es war einmal“?
Seltsame Frage. Das kommt natürlich auf die Geschichte an. Märchen gehören allerdings nicht zu unserer Lieblingslektüre. Sind uns zu märchenhaft.

Kaufen oder Leihen?
Angesichts der Lektüremenge geht der Trend zum Leihbuch. Auch deshalb, weil in den Hamburger Bücherhallen der Jahresbeitrag so hoch ist, im Vergleich zu Berlin. Da denken wir immer, wir müssten besonders viel ausleihen, damit sich die Investition auch wirklich lohnt. Wenn man ab und an Literaturkritiken schreibt, eröffnet sich noch eine dritte Möglichkeit: sich ein Presseexemplar schenken lassen erarbeiten.
[Nicht zum Thema gehörige Nebenbemerkung, die wir schon lange mal loswerden wollten: Wir waren ziemlich sprachlos, als wir entdeckten, dass man in der Zentralbibliothek am Hühnerposten trotz des hohen Beitrags noch 20 Cent für die Toilette bezahlen muss. Inzwischen haben wir herausbekommen, dass oben im Goethe-Institut die Toiletten umsonst sind.]

Neu oder gebraucht?
Wenn gekauft, dann neu. Wenn uns jemand ein Buch schenkt, nehmen wir das auch gebraucht.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?
Bestsellerlisten lesen wir nur, weil wir es gern mögen, wenn aus den Titeln absurde Dialoge entstehen, so wie vor ein paar Monaten Platz eins und zwei beim Spiegel: „Ich bin dann mal weg“ (Hape Kerkeling) – „Ich nicht“ (Joachim Fest). Mit Empfehlungen sind wir vorsichtig, weil das auch bei guten Freunden mit ähnlichem Geschmack häufig in die Hose geht. Meistens also Rezensionen, und zwar mehrere zum selben Buch.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?
Die Frage verstehen wir nicht.

Morgens, mittags oder nachts lesen?
Und.

Einzelband oder Serie?
Wir mögen es, wenn dieselben Figuren in mehreren Büchern auftauchen, so wie bei Faulkner oder Uwe Johnson – je häufiger sie vom Autor benutzt werden, umso mehr Eigenleben entwickeln sie.

Lieblingsserie?
Hatten wir in früher Jugend: Die Rom-in-Britannien-Romane von Rosemary Sutcliff. Wir glauben, dass daher unsere Anglophilie stammt.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?
Ein Buch, das nicht viele kennen, nach dem es uns aber ungefähr einmal pro Jahr verlangt, ist L.P Hartley, The Go-Between. Eine psychologisch sehr einfühlsam erzählte Initiationsgeschichte mit katastrophalem Ende zum Thema Realität und deren Interpretation.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?
Antje Rávic Strubel, Tupolew 134

Welches Buch liest du gegenwärtig?
José Saramago, Geschichte der Belagerung von Lissabon. (Wir waren gerade in Lissabon.) Über einen Korrektor, der nicht mehr nur korrigieren, sondern selber schreiben will, wofür sein Verlag leider überhaupt kein Verständnis aufbringen kann.

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?
Mehrere. Viele. Unter anderen und wild durcheinander, was uns gerade einfällt: Uwe Johnson, Mutmassungen über Jakob, Ian McEwan, Atonement, Theodor Fontane, Unwiederbringlich, Thomas Mann, Der Zauberberg (allerdings unter Auslassung sämtlicher Diskussionen zwischen Naphta und Settembrini), A.S. Byatt, Possession, Astrid Lindgren, Die Brüder Löwenherz, W.G. Sebald, Austerlitz, Christa Wolf, Sommerstück, Goethe, Wahlverwandtschaften, Emily Brontë, Wuthering Heights, Hans Erich Nossack, Der jüngere Bruder… Und so weiter und so weiter.

Bedenkenswert fänden wir übrigens auch die folgenden Fragen:
Lesen Sie, um der Realität zu entfliehen, oder um sie besser zu verstehen?
Welche Bücher lesen Sie wieder und wieder?
Welche Bücher haben Ihr Leben verändert?
Bei welchen Büchern ist es Ihnen peinlich zuzugeben, dass Sie sie nicht gelesen oder nicht zu Ende gelesen haben?

Fargo

Freitag, 23. März 2007

Ich halte den Film Fargo der Cohen-Brüder für einen der besten Filme überhaupt. Nicht nur wegen der Bilder, auf denen man oft das Ende des Schnees vom Anfang des Himmels nicht unterscheiden kann. Auch nicht nur wegen der Geschichte, die die exakte Balance zwischen Komik und Tragik hält. Und nicht nur, weil die Polizistin Marge Gunderson eine Figur ist, die uns ob ihrer Eigenwilligkeit dauerhaft im Gedächtnis bleibt. Eine große Rolle spielt auch, dass der Film ein sehr genaues Porträt von Land, Leuten und Sprache Minnesotas zeichnet. Eine dialektale Eigenheit besteht (neben dem ausdauernden Gebrauch von “you betcha”) darin, statt dem breiten amerikanischen “yeah” ein eher skandinavisch geprägtes “yah” zu benutzen. Jemand hat sich die Mühe gemacht, alle Fargo-yahs zusammenzuschneiden:

Intertext

Donnerstag, 22. März 2007

“Die Post besteht heute aus einem Brief mit sehr großen Marken. Dargestellt ist darauf jeweils eine Eiche sowie ein Mensch mit einem Buch. Der Stempel hat darüber ein Jerichow ohne w gedrückt. Dort habe ich zehn Jahre gelebt. Wäre es möglich, dahin zurückzugehen?”
(Uwe Johnson, Jahrestage)

Dieser Brief, beschrieben im Tageskapitel vom 28. November 1967 in Uwe Johnsons Jahrestagen, hat zunächst einmal nichts Besonderes an sich. Er kommt aus der DDR, und wer sich noch an die DDR erinnert, weiß, dass es dort immer besonders große Briefmarken gab. Deren Motiv, eine Eiche und ein Mensch mit einem Buch, könnte man als besonders deutsche Symbolik bezeichnen und mit dieser Erkenntnis irgendetwas Interpretatorisches anstellen. Weiter kommt man jedoch, wenn man den Bezug erkennt - den literarischen Text, auf den die Eiche und der Mensch mit dem Buch anspielen. Das ist die Crux an der Intertextualität: Man erkennt nur, was man kennt. In diesem Fall ist es ein Gedicht von Christian Morgenstern. Durch den Bezugstext bekommt die zitierte Stelle eine erweiterte Bedeutung. Welche, kann sich jeder selbst überlegen.

Palmström

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

(Christian Morgenstern, 1910)

T-Saft

Mittwoch, 21. März 2007

Aus einem unerfindlichen Grund bestellt alle Welt beim Fliegen Tomatensaft. Vielleicht einfach deshalb, weil es ihn gibt - das Angebot bestimmt die Nachfrage. Die Swiss Air, eine eigenwillig-moderne Fluggesellschaft, bei der die Flugbegleiter ihre Gäste mit “Auf Wiederluagn” verabschieden, hat der Tomatensaft-Sucht der Lüfte jetzt einen Riegel vorgeschoben: Sie bietet keinen an. Bestellt ein Fluggast Tomatensaft, wird er freundlich aber bestimmt beschieden, es gebe keinen. Was zur Folge hat, dass bei Swiss Air alle Welt Orangensaft trinkt.

Portugiesen und Spanier

Dienstag, 20. März 2007


Lissabon, März 2007

Wellington, 19. März 1987

Montag, 19. März 2007

„Es war ein Fehler. Ich hätte nicht hierherkommen dürfen.
Weil ich nicht weiß, wie ich weiterleben soll in der Alten Welt. Du kennst meine Leidenschaft für die gute Luft, Gebirge, die See. Hier ist eine Stadt am Meer, das Wasser so sauber, daß mans trinken könnte. Wenn kein Salz drin wäre. Die Häuser sind um eine Bucht herum auf Bergen gebaut, so daß du von dort einen Blick auf Schiffe, die Landzungen gegenüber hast.
Das Licht ist hier anders. Klarer. Du mußt dir vorstellen, du würdest durch einen Fotoapparat alles scharf sehn. Aber die Skala in Richtung ‚Schärfe’ geht immer noch weiter. Die Konturen der Dinge sind nie so deutlich gewesen! […]
Ich gab den Rucksack und die Lacktasche unten in der Bibliothek ab, zog die Sandalen aus und lief barfuß über die Teppiche. Die Fenster waren geöffnet, Seeluft kam herein, und unter „Mans, Lit NZ“ fand ich Undiscovered Country. The New Zealand Stories of Katherine Mansfield. Herausgegeben von Ian A. Gordon. Mit insgesamt fünfzehn Geschichten von ihr, die ich noch nicht kannte. Nie gesehn! Ich lag auf dem Bauch (jemand neben mir tat das gleiche) und las About Pat. Nicht länger als drei Seiten, 1905 (da war sie siebzehn!) geschrieben: ‚In unserer Kindheit lebten wir in einem großen, weit abgelegenen Haus, das einsam inmitten riesiger Gärten, Obstgärten und Pferdeweiden stand.’…“
Christa Moog, Aus tausend grünen Spiegeln