Archiv März 2007

Der Mann ohne E

Sonntag, 4. März 2007

Heute vor fünfundzwanzig Jahren starb Georges Perec, der geniale französische Sprachakrobat. Als Mitglied der literarischen Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Werkstatt für potentielle Literatur) richtete sich sein ganzes Streben darauf, der Sprache künstliche Beschränkungen aufzuerlegen, um dadurch die Möglichkeiten der Literatur zu erweitern. So schrieb er im Jahr 1969 ein oulipistisches Meisterwerk, den lipogrammatischen Kriminalroman La Disparition, in der direkten Übersetzung „das Verschwinden“. Verschwunden ist aus diesem Text vor allem eins – der Buchstabe E. Der ist im Französischen wie im Deutschen der meistgebrauchte Buchstabe, und wer einmal versucht hat, ein paar Sätze ohne E zu schreiben, der weiß, wie schwer das ist. Perec jedoch hat mehr als nur ein paar Sätze geschrieben, der Roman umfasst rund 360 Seiten. Der Anfang liest sich so:
„Anton Voyl hat Schlaf nötig, doch Anton kommt nicht zum Schlaf und macht Licht. Auf Antons Uhr ists Null Uhr zwanzig. Anton ächzt laut, wälzt sich mal so rum und mal so rum – Antons Schlafcouch ist hart – stützt sich dann auf, griff sich ’n Roman, schlug ihn auf und las; doch lang ging das nicht gut, da Anton vom Inhalt nichts, absolut nichts schnallt und ständig auf ’n Wort stößt, wovon ihm Sinn und Signifikation total unklar ist. Also klappt Anton das Buch zu und ging ins Bad; dort macht Anton das Handtuch nass und fährt sich damit gründlich durchs Antlitz und auch Antons Hals kommt dran. Antons Puls schlug zu stark. Ihm war warm. Anton macht das Wandloch mit Glas davor auf und schaut durch Nacht und Wind zum Mond hinauf.“ (Georges Perec, Anton Voyls Fortgang)
Wie man leicht merken kann, stimmt da was mit dem Tempus nicht. Egal, Eugen Helmlé als Übersetzer gebührt ein beinahe ebenso großes Lob wie dem Autor. Der im übrigen noch weitere Kabinettstückchen verfasst hat. Das todkomische Hörspiel Die Maschine zum Beispiel, oder Edna D’Nilu, einen mehr als 1300 Wörter langen Text in Briefform, den man vor- oder rückwärts lesen kann, ganz wie man will. – Eine Gedenkminute für Georges Perec!

Seltsame Frisörnamen (2)

Samstag, 3. März 2007

kommhair.JPG
Hamburg, Neue Große Bergstraße, Februar 2007

Busfahren in Hamburg (3)

Freitag, 2. März 2007

Bahnhof Altona, Haltestelle des Busses Nummer 37. Der 37er ist ein Schnellbus mit erhöhtem Beförderungsentgelt, was der einsteigenden Frau – fünfundzwanzig Jahre alt, wie sie später öffentlich kundgeben wird – bekannt ist. Nicht bekannt ist ihr die Höhe des Zuschlags. Sie steigt ein, fragt den Fahrer nach der Summe, kommentiert den Preis, bittet um etwas Geduld, besetzt zwei Plätze im vorderen Teil des Busses mit dem Inhalt ihrer Handtasche, sucht ihr Portemonnaie heraus, drängelt sich durch die Einsteigenden hindurch zurück zum Fahrer und bezahlt. Auf einem der beiden besetzten Plätze liegen währenddessen diverse Schminkutensilien, eine Tüte Weingummi, ein Kuli und ein zerknittertes Blatt Papier. Auf dem anderen liegt ein Mobiltelefon und macht Musik. Die umsitzenden Fahrgäste gucken leicht erstaunt. Nun gut, denken sie, hat sie eben vergessen auszuschalten, kann mal passieren. Als der Bezahlvorgang abgeschlossen ist, setzt sie sich, schaltet allerdings die Musik keineswegs aus. Erste missbilligende Blicke treffen sie. Erst als jemand penetrant hinschaut und darum bittet, die Musik auszuschalten, das nerve nämlich ziemlich, sagt sie jovial: „Ich drehe es ein bisschen leiser, okay?“. Leiser heißt: immer noch im ganzen Bus vernehmbar. Die Fahrgäste finden sich damit ab, niemand äußert sich mehr hörbar. Die Fünfundzwanzigjährige bietet derweil dem ihr gegenübersitzenden Zehnjährigen Weingummi an, der lehnt ab mit der Begründung, er sei auf Diät. „Weingummi kannst du ruhig“, sagt sie, „das enthält überhaupt kein Fett.“ Das Kind bleibt standhaft.
Dann beginnt sie zu telefonieren. Zu diesem Zweck muss sie die Musik ausschalten, was die Fahrgäste zunächst mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen. Wenn sie gewusst hätten, in welcher Lautstärke das Telefonat geführt werden würde, hätten sie vielleicht doch die Musik vorgezogen. Nicht nur, dass die Frau für alle Fahrgäste vernehmlich in ihr Telefon spricht, sie hat auch den Lautsprecher eingeschaltet, so dass die Antworten des Gesprächspartners ebenfalls gut verständlich sind. So kann man nicht umhin zu begreifen, dass es sich um ein Telefongespräch zwischen Ehefrau und Ehemann handelt. Es geht um die Kinder, die ihnen weggenommen werden, wenn sie nicht bis Freitag etwas unterschreiben, und dass der Ehemann endlich aufhören muss, sie zu schlagen, und dass beide endlich mit dem Koksen und dem Alkohol aufhören müssen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, das Telefonat werde nur aus dem einen Grund geführt, dass der ganze Bus mithört. Als ein älterer Herr aus dem hinteren Teil des Busses ruft: „Bitte etwas leiser, uns interessiert das alles überhaupt nicht“, ist es um die Frau geschehen. Sie läuft zu großer Form auf und hält dem gesamten Bus eine flammende Rede: Fünfundzwanzig Jahre sei sie alt, in ihrer Kindheit sei sie vier Jahre lang von ihrem Vater missbraucht worden, sie und ihr Mann tränken und nähmen Kokain und könnten davon nicht loskommen, das Jugendamt drohe, ihr ihre beiden Kinder wegzunehmen, bis Freitag müsse sie etwas unterschreiben, ihr Mann schlage sie, und sie wünsche niemandem ein so verpfuschtes Leben wie das ihre. Von Anfang an verpfuscht sei ihr Leben, und das wünsche sie niemandem Den verschämten Einwand des älteren Herrn, er selbst sei elternlos im Heim aufgewachsen und trotzdem zu einem anständigen Bürger geworden, wischt sie mit einer erneuten Tirade hinweg: Bis Freitag müsse sie etwas unterschreiben, und sie wünsche niemandem, dass ihm die Kinder weggenommen würden, das sei das Schlimmste, was einem überhaupt passieren könne. Daraufhin befüllt sie ihre Handtasche, geht nach vorn zum Fahrer und entschuldigt sich bei ihm, sie sei im Moment etwas durcheinander, und da er der einzige Mensch in diesem Bus sei, der sie verstehe, solle er ihr bitte beim Elbe-Einkaufszentrum Bescheid sagen. Dort wolle sie aussteigen. Und während sich im ganzen Bus wildfremde Menschen erregt über diese bühnenreife Vorstellung austauschen, fährt der Fahrer seelenruhig weiter, weist die Frau keineswegs wegen der Ruhestörung zurecht, sondern kündigt wunschgemäß ihre Haltestelle an, öffnet die Tür, lässt sie aussteigen und fährt weiter. Fazit: Eine ziemlich souveräne Vorstellung – sowohl von der Frau als auch vom Busfahrer.
Busfahren in Hamburg (2)
Busfahren in Hamburg (1)

Unkomisch

Donnerstag, 1. März 2007



Gesehen in der Heckscheibe eines Autos im Wiesen- rautenstieg - einmal kurz gestutzt, einmal kurz gelacht, dann befunden: Is überhaupt nicht komisch.