Archiv April 2007

Sommer im Village of Os

Montag, 30. April 2007


So sieht der Sommer aus hier im Village of Os. In anderen Hamburger Stadtteilen haben Sonne, Wärme und laue Nächte ganz andere Folgen – überfüllte Straßencafés, massenhafte Zurschaustellung der Sommermode, Sichtungen von berühmten Leuten, – im Detail nachzulesen zum Beispiel drüben beim Herrn Paulsen. Hier dagegen sieht es nicht merklich anders aus als winters, außer dass eben die Sonne scheint und die Bäume mit grünen Blättern behängt sind. Kann es auch nicht, denn Straßencafés gibt es keine, Berühmtheiten wohnen hier nicht, und modemäßig ist der Durchschnitts-Villager auch nicht sonderlich hip; Ballerinas sieht man hier nur an Kleinmädchenfüßen auf dem Weg zum „Ballettstudio Preuße-Schüßler“ im Blomkamp Ecke Akeleiweg. Der Sommer äußert sich hier anders, subtiler. Sprachlich, um genau zu sein, in einer Art graziös-respektloser verbaler Grenzüberschreitung, die von uns Zugezogenen bestaunt und nur mühsam entschlüsselt werden kann.
Da begegneten wir vor ein paar Tagen dem Lover von Frau Müller an der Haustür, den wir anfangs für ihren Sohn gehalten hatten, weil sie wie Mitte sechzig, er aber wie Mitte vierzig aussah – aber da haben wir wohl nicht richtig hingeguckt. Weil er vom Einkaufen kam und einen Karton trug, sprangen wir hilfsbereit hinzu, schlossen ihm die Tür auf und sagten in unserer freundlichen Art etwas, was uns jetzt entfallen ist. Er antwortete etwas, was uns ebenfalls entfallen ist, und fuhr dann fort: „Wohnst du im ersten Stock rechts?“ Nun muss man wissen, dass wir zwar jünger aussehen als wir sind, aber wie vierzehn oder fünfzehn denn nun doch nicht mehr. Und dass wir Leute in ungefähr unserem Alter und in ähnlichen Lebensumständen prinzipiell duzen, aber siebenundfünfzigjährige (denn so alt sah er bei näherer Betrachtung aus) Schichtarbeiter denn doch nicht. Zu unserer Verblüffung trug außerdem bei, dass wir schon mehrmals Pakete für Frau Müller angenommen haben, die jedes Mal er abholte, weil sie nur ungern die Treppe in die höheren Etagen erklimmt – dass er also erstens wissen müsste, wo wir wohnen, und sich zweitens erinnern könnte, dass er uns bei diesen Gelegenheiten nicht geduzt hatte.
Wir waren so verdattert, dass wir lediglich die korrekte Position unserer Wohnung murmelten und dann die Treppe hinauf sprinteten, um den Vorfall in Ruhe zu bedenken.
Das ist das Spießer-Du, vermuteten wir zuerst, die duzen sich hier alle, und jetzt gehören wir also auch dazu, oh Gott. Dieser Verdacht bestätigte sich allerdings nicht, denn am nächsten Tag, als er wieder einmal ein Paket für Frau Müller abholte, sagte er laut und deutlich: „Danke, dass Sie das Paket angenommen haben.“ Dann andersherum, dachten wir, das Du als sprachlicher Beleg für das mutige Abwerfen des Spießertums, das Codewort für den Wunsch, nicht mehr die Tage in der Fabrik zu verbringen und die Abende auf dem Balkon: Ich will auch freiberuflich tätig sein, so wie du du du, die Nächte auf dem Balkon, die Tage im Bett (wie sich diese Leute das eben so denken). Das war es aber auch nicht, denn er wies nach wie vor deutliche Anzeichen von Spießigkeit auf, etwa als er seine (und nur seine) Parkbox auf dem hauseigenen Parkplatz mit frischer weißer Farbe markierte und auch die verblasste Parkbox-Nummer (es ist die Nummer 303) wieder auffrischte, die fast gar nicht mehr lesbar war, so dass er jetzt im Besitz der schönsten Parkbox von allen ist (wir würden ein Foto machen, aber das Auto steht drauf, deshalb sieht man die unbefleckten Markierungen nicht).
Bleibt nur noch eine Möglichkeit: Es war das Sommer-Du, Zeichen einer unbeschränkten, zügellosen Begeisterung über das Licht, die Wärme und die Farben der Jahreszeit, das vor sozialen Grenzen ebensowenig Halt macht wie vor Konventionen der Höflichkeit. So also sieht der Sommer aus hier im Village of Os.

Filmtipp

Sonntag, 29. April 2007

Heute legen wir uns mal die Frage vor: Was eigentlich ist ein Engel?
Mangels persönlicher Erfahrung müssen wir zu ihrer Beantwortung auf eine schmale und willkürliche Auswahl aus dem kulturellen Kanon zurückgreifen. In der Bibel: Vermittler zwischen Gott und dem Rest der Welt, wissen mehr, wollen mehr und können mehr als die dummen Menschen. In Tarkowskij-Filmen: Leute mit weißen Haarsträhnen. In Hans Erich Nossacks Roman Der jüngere Bruder: Ein scheinbar gewöhnlicher Mensch namens Carlos Heller (Achtung, sprechender Name!), dem aber alle Eigenschaften abgehen, die die Menschen sonst daran hindern, friedlich und freundlich miteinander zu leben. Im Himmel über Berlin: Wesen mit Erdendrang, na gut, aber doch auch mit der Befähigung, menschliche Sorgen und Nöte zu erhören und zu lindern.
Robert Altmans letzter Film A Prairie Home Companion fügt diesem Bild eine weitere Facette hinzu. Dort sind Engel zwar auch höhere Wesen, denen die Aufgabe zufällt, Sterbende auf der Erde abzuholen und in den Himmel zu begleiten, so wie sie selbst zum Zeitpunkt ihres eigenen Todes auch von einem Engel begleitet wurden. Aber sie sind mitnichten allwissende Geschöpfe. Der Hauptengel des Films zum Beispiel, eine Dame mit blondem lockigem Haar im weißen Trenchcoat, hadert ganz heftig mit dem eigenen Tod. Oder vielmehr: mit der Ursache ihres Sterbens. Sie fuhr nämlich gegen einen Baum, weil sie so unbändig über einen Witz lachen musste, dass sie die Kontrolle über ihr Auto verlor. Und jetzt, im Zustand des Engelseins, fragt sie sich (und andere), ob dieser Witz überhaupt lustig genug war, um an ihm zu sterben.
Das macht diesen Engel menschlicher und sympathischer als andere Engel, das weckt das Mitleid für einen womöglich gänzlich überflüssigen Tod, das kratzt ein bisschen an der Engelhaftigkeit des Engels. Denn der Witz (über den wir, nebenbei bemerkt, grübeln, seit wir den Film gesehen haben) geht so: Sagt ein Pinguin zum anderen: Du siehst aus als trügest du einen Frack. Sagt der andere Pinguin: Wie kommst du darauf, dass ich keinen trage?
Wenn man sieht, wie inbrünstig, verzweifelt und selbstquälerisch der Engel darüber nachdenkt, ob das ein lustiger, ach was, ob das überhaupt ein Witz ist, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss: Engel sind auch nur Menschen.

Albern

Samstag, 28. April 2007

Bei der Lektüre dieses Artikels aus dem gestrigen SZ-Magazin über die Babysprache, in der sich Liebespaare oft miteinander unterhalten, mussten wir sofort an Tucholsky denken, Rheinsberg:

“‘Claire?’
‘Wolfgang?’
‘Jetzt weiß ich nicht, sollte ich den Kofferschlüssel zu Hause vergessen haben…?’
‘My honey-suckle’, und sie drückte ihm einen heftigen Kuß auf den Mund, während ihr Gesicht rachsüchtig und boshaft erglänzte, und stieß ihn von sich:
‘Och, der kleine Jungchen muß ja alles vergessen - psch, psch, psch…’ Und man wußte nicht, ob diese Töne eine wiegende Mutter nachahmten oder ganz etwas anderes.
‘Pack aus, mein Hulle-Pulle!’”

Im Kindler steht dazu: “Das stark umgangssprachlich geprägte Kauderwelsch der beiden, besonders der kindlich kapriziösen Claire, gleicht eher einem Stück Unsinnspoesie als empfindsamer Schwärmerei.”
Das ist uns viel zu freundlich. Wir konnten das Buch noch nie leiden, und diese alberne Babysprache gehört leider zu den Dingen, für die wir uns fremdschämen.

Gedenkminuten

Freitag, 27. April 2007

Jetzt legen wir mal achteinhalb Gedenkminuten (plus Ladezeit) ein für Mstislav Rostropovich, den großen Cellisten, der heute gestorben ist. Hier spielt er den dritten Satz aus Brahms’ Doppelkonzert, zusammen mit David Oistrach. Sehr schön kann man beobachten, dass Musikmachen nicht nur mit hören, sondern auch mit gucken zu tun hat.

Limerick (14)

Freitag, 27. April 2007

To a gentleman entering Heaven
St. Peter said: “Dinner’s at seven,
breakfast at eight,
don’t mind if you’re late,
there’s biscuits and milk at eleven.”

In der Zeitung gelesen

Donnerstag, 26. April 2007

Über den gekonnten Umgang mit Sprache können wir uns begeistern, und wir freuen uns immer sehr, wenn wir irgendwo einen poetischen, komischen oder sonstwie bemerkenswerten Satz entdecken. So wie den folgenden aus einem Bericht auf der Medienseite der gestrigen Süddeutschen Zeitung über die RTL-Fernsehserie Deutschland sucht den Superstar: „Selbst Bild war wieder mit im Boot und entsandte einen Dauerreporter, der quasi aus dem Bauch des Formats heraus berichtete und laue Windmeldungen wunderbar zu großen Pupsgeschichten aufblies.“ Geschrieben von Hans Hoff.
Auf derselben Seite weiter unten gibt die Landeshauptstadt München offiziell bekannt, wen sie am Mittwoch, dem 25. April 2007 auf ihren städtischen Friedhöfen bestattet. Das sind Leute mit Namen wie Anna Laub und Otto Fuchs und so handlichen Berufen wie Baggerführer, kfm. Angestellte, Portier oder Soldat. Ach, bald sind sie vorbei, die Zeiten, in denen auf eine Person genau eine signifikante Berufsbezeichnung passt. Und wer weiß, vielleicht lesen wir, wenn das soweit ist, auch keine papierne Zeitung mehr.

Der Mensch hinter dem Suchbegriff

Mittwoch, 25. April 2007

Wege zu mir – ein beliebtes Thema, wenn dem gemeinen Blogger nichts einfällt, und allemal besser als über das letzte Mittagessen zu schreiben. Der Reiz daran besteht im Rätsel über die Menschen hinter den Google-Suchausdrücken. Ohne sich bewusst zu sein, dass man sich selbst womöglich auch zuweilen verdächtig macht – aus Gründen suchten wir kürzlich mal nach den phantasievollen Ehrentiteln des rumänischen Diktators Ceauşescu (”großer Kommandant”, “Titan der Titanen”, “glorreiche Eiche aus Scorniceşti”, “Sohn der Sonne”, “unser irdischer Gott”) –, vermutet man hinter seltsamen Suchbegriffen sofort auch seltsame Menschen. Das muss nicht so sein.
Neulich zum Beispiel hatten wir es einmal mit einer älteren Dame zu tun, die… oder halt, nein, es war wohl doch ein etwas lebensfremder älterer Herr, ein Ingenieur vielleicht oder ein pensionierter Beamter. Einer, so stellen wir uns vor, der seine Arbeit zeitlebens mit großer Gewissenhaftigkeit erledigt hat und der es sich angelegen sein ließ, die Qualität seines Tuns nicht etwa dadurch zu mindern, dass er unausgeschlafen ins Büro kam. Jetzt ist das anders, jetzt ist er pensioniert und lebt in dem Gefühl, die langen Jahre der Erwerbsarbeit zwar anständig, rechtschaffen und zuverlässig absolviert zu haben, aber den wirklich wichtigen Fragen des Lebens noch nicht recht auf den Grund gegangen zu sein. Andere mögen sich als Seniorenstudenten im Fach Philosophie an der Universität einschreiben – dieser Herr kaufte sich einen Computer plus DSL-Flatrate und verbringt nun seine Nächte damit, den zentralen Ungewissheiten des menschlichen Daseins auf die Spur zu kommen. Und zwar mit Googles Hilfe. Nacht für Nacht stellt er der Suchmaschine eine brisante Frage und staunt über die Fülle an Informationen, die ihm zu deren Beantwortung aus den Tiefen des Internetzes entgegenwehen: Gibt es ein Leben vor dem Tod? Kann Seife dreckig sein? Ist Gott tot oder hat er nie gelebt?
An jenem Morgen nun, von dem wir reden, hatte dieser Herr wieder eine lange Nacht mit brennenden Daseinsfragen hinter sich. Er stand schon im Badezimmer und war gerade dabei, Zahnpasta auf seine Zahnbürste zu drücken, als er im Spiegel seinem eigenen Blick begegnete. Da ließ er die Zahnbürste Zahnbürste sein, kehrte zurück ins Wohnzimmer, schaltete den Computer noch einmal an und stellte dem weltweiten Netz da draußen die ultimative, die alles entscheidende, die Frage aller Fragen: „Warum hat man Ränder unter den Augen?“
Fast tut es uns ein bisschen Leid, dass er hier gelandet ist und wir so gar nichts zur Klärung dieses Problems beitragen konnten.