40 Jahre Konsequenz
Ende Oktober 1967 wurde über Hanoi ein US-amerikanischer Pilot namens John Sidney McCain III abgeschossen. Der Erzähler in Uwe Johnsons Roman Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl berichtet via New York Times mit den folgenden Worten darüber:
„Im Juli hatte er den Brand des Flugzeugträgers ‚Forrestal’ miterlebt. Nachdem er gesehen hatte (seine Worte:) ‚was die Bomben und das Napalm den Menschen auf unserem Schiff antaten, bin ich nicht so sicher, daß ich noch irgend etwas von dem Zeug auf Nord Viet Nam abwerfen will’. Aber er hat es getan, und Radio Hanoi meldet seine Gefangennahme.“
Was Johnson hier macht, ist viel mehr als bloß aus der New York Times abzuschreiben. Die Kombination aus wörtlichem Zitat und scheinbar berichtendem Abschlusssatz lässt sich unschwer als Kausalkette und damit als Kritik verstehen: Hätte der Soldat Konsequenzen aus seiner Einsicht gezogen, wäre er nicht in Gefangenschaft geraten.
Wenn man will, kann man diese Kritik problemlos bis in die Gegenwart verlängern. Denn zufällig handelt es sich um denselben John McCain, der sich im Moment für die republikanische Partei als US-Präsidentschaftskandidat bewirbt (und der mit Sicherheit nichts davon ahnt, dass seine Person Teil der Weltliteratur ist). Er wurde in Gefangenschaft gefoltert und kam als hochdekorierter Veteran, aber nicht unbedingt als überzeugter Krieger aus Vietnam zurück. Lange Zeit galt er als nicht konservativ genug für die Republikaner, zum Beispiel als er seinen Präsidenten wegen des Krieges im Irak kritisierte. In letzter Zeit allerdings sieht er seine Felle davonschwimmen und schießt sich auf eine Bush-getreue Linie ein, und neuerdings hat er auch gar nichts mehr gegen den Irak-Krieg.
Und was können wir von diesem Menschen lernen? Dass Denken und Handeln zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Dass es kein Problem ist, Überzeugungen zu vertreten, die der eigenen Erfahrung aufs Heftigste widersprechen. Und dass offensichtlich das, wovor sich die meisten Menschen am meisten fürchten, die körperliche Bedrohung, ihn nicht davon abhält, seine Prinzipien zu ändern. Das alles wäre bewundernswert – wenn es nicht so abstoßend wäre.