Archiv Mittwoch, 25. April 2007

Der Mensch hinter dem Suchbegriff

Mittwoch, 25. April 2007

Wege zu mir – ein beliebtes Thema, wenn dem gemeinen Blogger nichts einfällt, und allemal besser als über das letzte Mittagessen zu schreiben. Der Reiz daran besteht im Rätsel über die Menschen hinter den Google-Suchausdrücken. Ohne sich bewusst zu sein, dass man sich selbst womöglich auch zuweilen verdächtig macht – aus Gründen suchten wir kürzlich mal nach den phantasievollen Ehrentiteln des rumänischen Diktators Ceauşescu (”großer Kommandant”, “Titan der Titanen”, “glorreiche Eiche aus Scorniceşti”, “Sohn der Sonne”, “unser irdischer Gott”) –, vermutet man hinter seltsamen Suchbegriffen sofort auch seltsame Menschen. Das muss nicht so sein.
Neulich zum Beispiel hatten wir es einmal mit einer älteren Dame zu tun, die… oder halt, nein, es war wohl doch ein etwas lebensfremder älterer Herr, ein Ingenieur vielleicht oder ein pensionierter Beamter. Einer, so stellen wir uns vor, der seine Arbeit zeitlebens mit großer Gewissenhaftigkeit erledigt hat und der es sich angelegen sein ließ, die Qualität seines Tuns nicht etwa dadurch zu mindern, dass er unausgeschlafen ins Büro kam. Jetzt ist das anders, jetzt ist er pensioniert und lebt in dem Gefühl, die langen Jahre der Erwerbsarbeit zwar anständig, rechtschaffen und zuverlässig absolviert zu haben, aber den wirklich wichtigen Fragen des Lebens noch nicht recht auf den Grund gegangen zu sein. Andere mögen sich als Seniorenstudenten im Fach Philosophie an der Universität einschreiben – dieser Herr kaufte sich einen Computer plus DSL-Flatrate und verbringt nun seine Nächte damit, den zentralen Ungewissheiten des menschlichen Daseins auf die Spur zu kommen. Und zwar mit Googles Hilfe. Nacht für Nacht stellt er der Suchmaschine eine brisante Frage und staunt über die Fülle an Informationen, die ihm zu deren Beantwortung aus den Tiefen des Internetzes entgegenwehen: Gibt es ein Leben vor dem Tod? Kann Seife dreckig sein? Ist Gott tot oder hat er nie gelebt?
An jenem Morgen nun, von dem wir reden, hatte dieser Herr wieder eine lange Nacht mit brennenden Daseinsfragen hinter sich. Er stand schon im Badezimmer und war gerade dabei, Zahnpasta auf seine Zahnbürste zu drücken, als er im Spiegel seinem eigenen Blick begegnete. Da ließ er die Zahnbürste Zahnbürste sein, kehrte zurück ins Wohnzimmer, schaltete den Computer noch einmal an und stellte dem weltweiten Netz da draußen die ultimative, die alles entscheidende, die Frage aller Fragen: „Warum hat man Ränder unter den Augen?“
Fast tut es uns ein bisschen Leid, dass er hier gelandet ist und wir so gar nichts zur Klärung dieses Problems beitragen konnten.