Archiv April 2007

Das wars gewesen

Sonntag, 15. April 2007

Das Plusquamperfekt ist eine Zeitform, die im Alltag eher selten vorkommt – vom Ultra-Perfekt („das hab ich mir fast schon gedacht gehabt“) einmal abgesehen. Die vollendete Vergangenheit interessiert nur mäßig, ist ja vorbei. Viel spannender sind allemal Gegenwart und Futur, das nächste große Ding. Es gibt aber Situationen im Leben, da ist der Gebrauch des Plusquamperfekts unausweichlich, um auszudrücken: Die Sache ist vorbei, die Chance vertan, die Gelegenheit kommt nicht wieder.
Eine solche Situation haben wir mal beim Busfahren in Berlin erlebt. In Berlin-Friedrichshain, wo wir damals wohnten (”keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer”), gibt es eine Bushaltestelle mit Namen Wismarplatz. Der Busfahrer war nun nicht ganz bei der Sache und fuhr an dieser Haltestelle vorbei, obwohl eine Frau auf den Knopf gedrückt hatte und aussteigen wollte. Die rief daraufhin nach vorn: „Dit war der Wismarplatz jewesen.“ Das rief sie weder aufgebracht noch vorwurfsvoll, sondern lakonisch-resignativ in dem Wissen: Das mit dem Wismarplatz kann ich vergessen, das ist ein für allemal vorbei.
Dem war aber gar nicht so, denn der Busfahrer reagierte schnell, entschuldigte sich (sehr ungewöhnlich bei Berliner Busfahrern), hielt an und ließ die Frau aussteigen, zwanzig Meter hinter der Haltestelle und gegen alle Vorschriften. Was uns zeigt: Selbst wenn wir glauben, etwas ist unwiderruflich vorbei, kann es noch eine zweite Chance geben.

(Bestechende empirische Beweisführung, aber, ehrlich gesagt, so ganz überzeugt davon sind wir selbst nicht. Wir könnten mehr als eine Situation aufzählen, wo wir die erste Chance vergeigt haben und nie eine zweite bekamen, vor allem in Liebesdingen. Also: Es lebe das Plusquamperfekt!)

Limerick (12)

Samstag, 14. April 2007

There was an old man of Blackheath
who sat on his set of false teeth.
Said he, with a start:
“Oh Lord, bless my heart,
I’ve bitten myself underneath!”

A duty-dance with death

Freitag, 13. April 2007

Heute legen wir eine Gedenkminute ein für Kurt Vonnegut, den großen amerikanischen Schriftsteller des Jahrgangs 1922, der vorgestern in New York gestorben ist. Sein bekanntestes Buch ist Slaughterhouse-Five von 1969 (die alliterationsreiche Überschrift ist einer der beiden Untertitel, der andere ist The Children’s Crusade), ein Roman mit einem eigentlich deutschen Thema, das hierzulande aber erst seit ein paar Jahren Konjunktur hat: die Bombardierung Dresdens im Februar 1944. Der Autor, einer in Indianapolis lebenden Familie deutscher Herkunft entstammend, war als amerikanischer Soldat in deutscher Gefangenschaft bei diesem Ereignis dabei und reiste 1967 zu Recherchezwecken noch einmal mit einem Guggenheim-Stipendium nach Dresden. Das Buch beginnt mit einer typischen Das-ist-alles-wahr-Behauptung eines Erzähler-Autors namens „Vonnegut“ – einer der Tricks, die Literaturwissenschaftler immer in arge Erklärungsnöte hinsichtlich der Grenze zwischen Fiktion und Realität bringen. Hier sind die ersten beiden Absätze:

„All this happened, more or less. The war parts, anyway, are pretty much true. One guy I knew really was shot in Dresden for taking a teapot that wasn’t his. Another guy I knew really did threaten to have his personal enemies killed by hired gunmen after the war. And so on. I’ve changed all the names.
I really did go back to Dresden with Guggenheim money (God love it) in 1967. It looked a lot like Dayton, Ohio, more open spaces than Dayton has. There must be tons of human bone meal in the ground.”

Glühende Landschaften

Donnerstag, 12. April 2007


Sonnenuntergang im Village of Os,
11. April 2007
(Filed under: Alle reden über re:publica. Wir nicht.)

40 Jahre Konsequenz

Mittwoch, 11. April 2007

Ende Oktober 1967 wurde über Hanoi ein US-amerikanischer Pilot namens John Sidney McCain III abgeschossen. Der Erzähler in Uwe Johnsons Roman Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl berichtet via New York Times mit den folgenden Worten darüber:
„Im Juli hatte er den Brand des Flugzeugträgers ‚Forrestal’ miterlebt. Nachdem er gesehen hatte (seine Worte:) ‚was die Bomben und das Napalm den Menschen auf unserem Schiff antaten, bin ich nicht so sicher, daß ich noch irgend etwas von dem Zeug auf Nord Viet Nam abwerfen will’. Aber er hat es getan, und Radio Hanoi meldet seine Gefangennahme.“
Was Johnson hier macht, ist viel mehr als bloß aus der New York Times abzuschreiben. Die Kombination aus wörtlichem Zitat und scheinbar berichtendem Abschlusssatz lässt sich unschwer als Kausalkette und damit als Kritik verstehen: Hätte der Soldat Konsequenzen aus seiner Einsicht gezogen, wäre er nicht in Gefangenschaft geraten.
Wenn man will, kann man diese Kritik problemlos bis in die Gegenwart verlängern. Denn zufällig handelt es sich um denselben John McCain, der sich im Moment für die republikanische Partei als US-Präsidentschaftskandidat bewirbt (und der mit Sicherheit nichts davon ahnt, dass seine Person Teil der Weltliteratur ist). Er wurde in Gefangenschaft gefoltert und kam als hochdekorierter Veteran, aber nicht unbedingt als überzeugter Krieger aus Vietnam zurück. Lange Zeit galt er als nicht konservativ genug für die Republikaner, zum Beispiel als er seinen Präsidenten wegen des Krieges im Irak kritisierte. In letzter Zeit allerdings sieht er seine Felle davonschwimmen und schießt sich auf eine Bush-getreue Linie ein, und neuerdings hat er auch gar nichts mehr gegen den Irak-Krieg.
Und was können wir von diesem Menschen lernen? Dass Denken und Handeln zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Dass es kein Problem ist, Überzeugungen zu vertreten, die der eigenen Erfahrung aufs Heftigste widersprechen. Und dass offensichtlich das, wovor sich die meisten Menschen am meisten fürchten, die körperliche Bedrohung, ihn nicht davon abhält, seine Prinzipien zu ändern. Das alles wäre bewundernswert – wenn es nicht so abstoßend wäre.

Nachruf

Dienstag, 10. April 2007

Vor zwanzig Jahren existierte er noch, der Mann, der mit einem Handkarren durch die Bögen der theoretischen Führerscheinprüfung rumpelte und die Vorfahrtsverhältnisse durcheinander brachte. Zugegeben, er war schon damals anachronistisch - die Situationen, in denen er eine Rolle spielte, waren in der Wirklichkeit nicht anzutreffen, schon gar nicht in der Stadt. Aber jetzt gibt es ihn gar nicht mehr, und das ist auch irgendwie schade. Ein Hoch auf den Mann mit dem Handkarren!

Ostern

Montag, 9. April 2007

Pünktlich zu den christlichen Festtagen des Jahres führt Frau Müller rituelle Verhübschungen des Hauses durch, genauer: des Treppenabsatzes, den sie ihr Eigen nennt. Weihnachten waren es vor allem Abziehbilder auf den Fensterscheiben – auf der einen ein Weihnachtsmann (lustig auf einem Bein stehend, pralle rote Bäckchen, drollig-drohend eine Rute schwenkend) und auf der anderen ein grinsender Schneemann. Der entpuppte sich schnell als Wunschdenken und wurde noch vor Ende des Winters klammheimlich wieder entfernt.
Jetzt, zu Ostern, wartet Frau Müller erneut mit bunten Abziehbildchen auf den Fenstern auf. Darauf ist aber weder ein Kreuzigungsmartyrium zu sehen noch das Erscheinen Christi vor seinen Jüngern nach erfolgter Auferstehung. Nein, auf Frau Müllers Fensterscheiben prangen Osterhasen in verschiedenenerlei Posen und bei allen möglichen Verrichtungen – natürlich keinen peinlichen wie etwa dem Zeugen von Ostereiern, sondern beim fröhlichen Hoppeln über Gras, beim Bemalen und Verstecken der Eier und beim Vorzeigen der oberen Schneidezähne. Besser noch als die Fensterbilder ist aber die Einbindung der Treppenabsatz-Bepflanzung in die feierliche Verschönerung. Ausnahmslos alle von Frau Müllers Pflanzen haben Ostereier aus Plastik umgehängt bekommen und künden nunmehr stolz vom Gestaltungswillen ihrer Besitzerin. Was uns besonders freut: Auch Frau Müllers neunundzwanzigjähriger Gummibaum, unser Favorit unter den Treppenhauspflanzen, ist Träger österlicher Kleinodien. Zwar schwebt er schon ohne Beschmückung täglich in Gefahr, vor Altersschwäche die Treppe hinunterzukippen. Aber ob der zusätzlichen demütigenden Herausforderung wird er sein Kreuz geduldig und im Wortsinn ertragen, bis er, vom Leiden befreit und erlöst von allem Übel, dem irdischen Dasein eine weitere Gnadenfrist abgetrotzt haben wird. Darauf hoffen wir und dafür wollen wir ein Ostergebet sprechen.