Archiv Mai 2007

Ach, Glasgow

Donnerstag, 31. Mai 2007

Als ich mal ein Jahr in Glasgow studierte, wohnte ich im Murano Street Student Village, einer Art Gefängnis für Studenten, eingezäunt, vergittert und überwacht von allerhand Kameras. Immerhin hatte jedes Haus mehrere Waschmaschinen im Keller, die auch von Nicht-Insassen gern genutzt wurden. Was streng verboten war. Ich hatte da aber einen lohnenden Deal mit J., die mehrgängige Menüs für mich kochte, während unten ihre Wäsche sauber wurde.
Dort in der Nähe ist das Stadion des schottischen First-Division-Fußball-Clubs Partick Thistle. Der Schriftsteller Alasdair Gray, der auch in Glasgow lebt (aber sicher nicht im Murano Street Student Village), hat sich in einer Erzählung mit diesem Club beschäftigt, genauer: mit seiner Hymne.

„Do you know about Partick Thistle? It is a non-sectarian Glasgow football club. Rangers FC is overwhelmingly managed and supported by Protestant zealots, Celtic FC by Catholics, but the Partick Thistle supporters anthem goes like this:
We hate Roman Catholics,
We hate Protestants too,
We hate Jews and Muslims,
Partick Thistle we love you…

My friend Miss Mackenzie is looking distinctly disapproving. I suspect that Miss Mackenzie dislikes my singing voice. Or maybe she’s religious. Are you religious Miss Mackenzie? No answer. She’s religious.“

Diese Passage ist große Kunst. Erstens gehört sie in die Kategorie ahnungsloser Erzähler: Natürlich guckt Miss Mackenzie nicht deshalb missbilligend, weil sie den Gesang nicht mag oder religiös ist, sondern weil die Hymne eine intolerante, ja hasserfüllte rassistische Botschaft enthält. Der Leser blickt das sofort, der Erzähler leider nicht.
Zweitens ist hier ein abstraktes Thema ziemlich genial in Handlung übersetzt: Alasdair Gray hätte ja auch zwei Figuren über die Hymne streiten lassen können oder einen allwissenden Erzähler verwenden können, der kommentiert hätte: Obacht, Leser! Die Hymne ist keineswegs so harmlos wie dir dieser Typ weismachen will! Statt dessen begnügt sich der Autor mit dem Monolog eines Erzählers, der berichtet und bewertet, was passiert. Aus der Diskrepanz zwischen der Bewertung des Erzählers und der des Lesers ergibt sich der Gehalt der Geschichte.
Das ist natürlich auch komisch. Vor allem, wenn man dazu noch weiß, dass die Erzählung The Trendelenburg Position heißt – das ist jene Position, in der man sich befindet, wenn man in einem Zahnarztstuhl liegt – und dass der Erzähler der Zahnarzt ist, der während der Behandlung ununterbrochen redet, während die Patientin mit geöffnetem Mund daliegt und kein Wort sagen kann. Das ist ein schönes Bild für das Lesen selbst: Man kann sich über ein Buch ärgern, man kann es kritisieren, aber man kann nicht in einen Text eintreten und ihn kommentieren oder gar ändern. Buch 2.0 quasi, aber Buch ist immer 1.0.
Alasdair Gray ist auch sonst immer eine Empfehlung wert. The Trendelenburg Position entstammt einem Erzählungsband mit dem Titel Ten Tales Tall & True, der die Leser mit der Mitteilung begrüßt: „This book contains more tales than ten so the title is a tall tale too.“ Wie in allen seinen Büchern finden sich neben Texten auch Zeichnungen des Autors, der an der Glasgow School of Art Malerei studierte, bevor er Schriftsteller wurde. Nach einer Katze, einem Fisch, einem Biber und einer Eule verabschiedet sich auf der letzten Seite Alasdair Gray himself von seinen Lesern.
In Glasgow war ich seitdem nur noch ein einziges Mal. Da fand ich im Cul de Sac, einem Pub im West End off Byres Road, eine Fünf-Pfund-Note auf dem Fußboden. Das werte ich als Zeichen: This city pays off.

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Die Form der Birne

Mittwoch, 30. Mai 2007

“Welche Form hat die Birne?” befragt uns jemand via Google. - Ganz sicher sind wir nicht, aber wir vermuten, dass die Birne eine birnenförmige Form besitzt.

Die Katastrophe und ihre Formel

Montag, 28. Mai 2007

Wir hatten mal eine Bekannte, die im September 2001 gerade im Auswärtigen Amt in Berlin arbeitete. Dort musste sie das Notfall-Telefon bedienen und geschockte Anrufer beraten, die zum Beispiel wissen wollten, ob man nach dem 11. September überhaupt noch in die USA reisen könne. So war es gedacht, aber es riefen auch Leute an, die ihrerseits Beratungs-
dienstleistungen anboten.
Unübertroffen war der Herr, der ernstlich behauptete, die ultimative Formel zu kennen, anhand derer man, hätte man sie vorher gewusst, den Verlauf der Katastrophe hätte voraussehen können. Die Formel lautete: QU33NY.
In der Symbolschrift Wingdings nämlich sieht das so aus:

Das in der Mitte sind eindeutig die Twin Towers.


Sehr schön, lobte unsere Bekannte den Anrufer, aber noch schöner wäre es, wenn Sie uns die Formel für die nächste Katastrophe auch gleich nennen könnten, dann können wir schon vorher geeignete Maßnahmen ergreifen. Da müsse er leider passen, entgegnete der Herr. Denn es liege in der Natur von Katastrophenformeln, dass man sie immer erst hinterher entdecke. Ätsch.

Sprachlos

Samstag, 26. Mai 2007

(für Kristina)

Eines Tags geschah es Kant,
dass er keine Worte fand.
Ihm fiel überhaupt nichts ein,
drum ließ er das Denken sein.
Erst als man zum Essen rief,
wurd’ er wieder kreativ.
Und er sprach die schönen Worte:
Gibt es hinterher noch Torte?

1 Vorteil

Freitag, 25. Mai 2007

Was ein Glück, das Village of Os steht nicht auf der Liste suspekter Hamburger Stadtteile. Wir gehören nämlich zu den Leuten, deren Lieblingsbeschäftigung darin besteht, haufenweise verdächtige Post zu verschicken - Drohungen, Bekennerbriefe, verschlüsselte Botschaften und solche Sachen. Gut zu wissen, dass wir das auch weiterhin tun können, ohne dass das BKA mitliest.
Nur ein Beispiel dafür, was euch alles entgeht, liebe Kripo. Letzte Woche haben wir eine Postkarte mit dem folgenden kryptischen Text auf den Weg gebracht: „Liebe Tante Marlis, wir kommen Pfingsten gerne zum Familientreffen“. Obacht! Da braut sich was zusammen!

Doping, au ja!

Donnerstag, 24. Mai 2007

Alle schreiben über Doping, wir auch. Wir finden Doping ja schon lange toll. Warum sich alle darüber so aufregen, können wir überhaupt nicht verstehen. Lässt man mal diesen ganzen moralischen Schnickschnack weg, den olympischen Eid und das ganze Zeug, dann hat Doping eigentlich nur Vorteile, für alle.
Die Sportler macht es schneller und ausdauernder, und je schneller und ausdauernder einer Rad fährt, umso mehr Geld kann er damit verdienen. Das kann er dann in Homestories auf seiner Website wieder herzeigen, und wir können es bestaunen. Davon wiederum profitieren die Sponsoren, zwar bezahlen die einen Haufen Geld für ihre Mannschaft, aber ihr Name ist in aller Munde. Und alle wechseln wieder zurück zur Telecom.
Und wir sind doch ganz wild auf die Tour der Leiden, oder? Wir gucken fremden Männern sehr gerne dabei zu, wie sie ihre Leistungsgrenzen austesten, weil wir so etwas selbst nie tun würden. Neben den allzeit zitierfähigen Wortblümchen, die dabei für uns abfallen („Quäl dich, du Sau!“), ist der unbestrittene Höhepunkt einer jeden Tour der Monstergipfel, auf dem einer der tapferen Kombattanten erst Schlangenlinien fährt und dann tot vom Rad kippt. Ob aus Entkräftung oder weil er den vorher geschlürften Cocktail nicht vertragen hat, ist doch wohl egal. Hauptsache dass.
Und weil Millionen Menschen auf der ganzen Welt diesen Moment auf keinen Fall verpassen möchten, muss das Fernsehen berichten, das geht gar nicht anders. Das wäre ja Publikumsbeleidigung, Verweigerung des Sendeauftrags oder so etwas. Das ist wie mit der Bild-Zeitung: Die Leute wollen das, deshalb muss es das geben.
Davon mal abgesehen: Männer, die vor Fernsehkameras weinen, finden wir unästhetisch. Und die Frisur von diesem Herrn Zabel können wir ohnehin nicht leiden, da gehört einfach ein Fahrradhelm drauf. Also Schluss mit dem ganzen Gerede, macht einfach weiter wie immer, Jungs. Doping ist super!

Hühnergott

Donnerstag, 24. Mai 2007

Neues Mitglied in unserem Vokabularium. Schon öfter in Romanen gelesen, immer gewundert, nie ein Internetz zur Hand gehabt. Der Duden hilft da nicht weiter. Wir geloben, das Wort fürderhin fleißig zu gebrauchen, jetzt, da wir wissen, was es bedeutet. Hühnergott, Hühnergott, Hühnergott. Wenn wir das nächste Mal einen finden, werden wir kalauernd ausrufen: Mein Gott, ein Hühnergott!