Archiv Sonntag, 6. Mai 2007

Hamburg: Hassliebe

Sonntag, 6. Mai 2007

Hans Erich Nossacks Prosa zählt nicht unbedingt zum literarischen Kanon; in germanistischen Seminaren begegnet man ihr so gut wie nie – mit einer Ausnahme, dem Untergang. Nossacks Bericht über die verheerenden alliierten Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 gilt gemeinhin als der Text im Zentrum der „Stunde Null“ und, obwohl mitten im Krieg geschrieben, als Ausgangspunkt der Nachkriegsliteratur.
Der Text ist ein Phänomen, nicht nur, weil sein Autor einer der wenigen war, die „bei Ausgang des Krieges über das Thema der Zerstörung der Städte und das Überleben in einem Ruinenland schrieben“, wie es in W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur heißt (die beiden anderen sind laut Sebald Peter de Mendelssohn und Hermann Kasack, wobei gerade vor ein paar Tagen die SZ monierte, Sebald habe Gisela Elsner vergessen, und wer weiß, vielleicht findet sich ja beim genaueren Hingucken noch jemand).
Wie dem auch sei, der Untergang ist auch als Zeugnis eines persönlichen Befreiungsschlages ein Phänomen. Mit der Schilderung einer neuen, bis dahin unvorstellbaren und auch im Nachhinein nur schwer beschreibbaren Qualität des Grauens und des Leidens, des „eigentlich Nicht-Möglichen“, wie Nossack es nennt, verbindet sich seine Geburt als freier Schriftsteller. Nossack war Jahrgang 1901, also zum Zeitpunkt der Bombardierung Hamburgs schon 42 Jahre alt. Zufällig machte er Ende Juli 1943 Urlaub in dem kleinen Heideort Horst bei Maschen und konnte von dort aus die Fliegerverbände und die brennende Stadt beobachten. Als er Anfang August zurückkam nach Hamburg, entdeckte er, dass er obdach- und besitzlos geworden war. Auch der größte Teil seiner Manuskripte – Lyrik und Dramen, keine längere Prosa – war verbrannt.
Nossack hatte bis dahin nur „nebenbei“ geschrieben; hauptberuflich leitete er die väterliche Kaffeefirma und führte ein großbürgerliches Hamburger Kaufmannsleben. Seinen Hass auf diese Existenz übertrug er auf die Stadt: „ In solchen alten Stadtstaaten mit einer Familien-Oligarchie herrscht ein verborgenes, aber übermächtiges Matriarchat. Leo Frobenius hat 30 Jahre in Afrika nach Beweisen für seine matriarchalischen Theorien gesucht. Acht Tage in Hamburg hätten genügt, um ihm den untrüglichen Beweis zu erbringen. Man hätte dort sofort gefragt: ‚Frobenius? Nie gehört. Was ist seine Frau für eine Geborene?’” (Jahrgang 1901), so wie man ihn selbst ständig fragte: „Nossack? Nie gehört. Was ist deine Mutter für eine Geborene?“ Neben dem Dünkel störte Nossack vor allem die Feindschaft gegenüber allem Geistigen. Dass er die Übernahme des elterlichen Unternehmens ausschlagen und statt dessen Gedichte schreiben könnte, wäre in dieser Umgebung nicht möglich gewesen.
Nach dem Bombardement allerdings war das anders. Nossacks großbürgerliche Wohnung war vollkommen zerstört, das Kontor in der Speicherstadt zu großen Teilen, und anstatt in die leerstehende elterliche Villa in Harvestehude zu ziehen, ließ er sich in einer Notwohnung in der Isestraße 69 einquartieren, wo er im November 1943 den Untergang schrieb, sein erstes längeres Prosastück.
Vor dem Haus sind heute 15 ‚Stolpersteine’ in den Gehweg eingelassen, für die deportierten jüdischen Hausbewohner. Obgleich der kausale Zusammenhang unverkennbar ist – Nossack kam in einer der zwangsgeräumten Wohnungen unter – sind diese Zivilisten ebenso unschuldige Kriegsopfer wie diejenigen, die im Untergang beschrieben sind. Letztere sind sich im Übrigen der Gründe für die Zerstörung ihrer Stadt sehr wohl bewusst, mehr noch: Nossack hätte seine Verhaftung fürchten müssen, wäre der Untergang vor Ende des NS-Regimes publik geworden. Er nutzte hier die Chance, klar und unverstellt gegen ein Regime Partei zu ergreifen, das die Stadt mitten im Bombardement aufgab, die Zahl der Toten kleinrechnete, den Alliierten die Schuld am Ausmaß der Zerstörung zuschrieb und weiterhin den „Endsieg“ propagierte. Auch in dieser Hinsicht war der Text ein Befreiungsschlag.
Von diesem Zeitpunkt an führte Hans Erich Nossack das Leben eines freien Schriftstellers. Als Suhrkamp-Autor erarbeitete er sich zwar einigen Respekt, bekam auch 1961 den Büchner-Preis, aber richtig berühmt wurde er nie. Materielle Not veranlasste ihn sogar, Mitte der fünfziger Jahre zuerst nach Bayern und dann nach Hessen zu ziehen – nur um festzustellen, dass er sich außerhalb von Hamburg zutiefst unglücklich fühlte. Bezeichnenderweise beschrieben ihn alle, die ihn kannten, auch immer als Hanseaten: zurückhaltend, vornehm, ausgestattet mit hintergründigem Witz.
Den Hass auf seine Heimatstadt kompensierte er, indem er sein Herkunftsmilieu mied und sich viel auf St. Pauli aufhielt, gern in Schwulen- und Lesbenkneipen. In der „Bar Celona“ in der Wohlwillstraße zum Beispiel, die es heute nicht mehr gibt, die es aber in den fünfziger Jahren zu einem eigenen Lied gebracht hatte:

„In der Bar Celona brennt noch Licht,
doch alle Türen sind schon dicht,
dort sitzt die ganze Hautevollee,
Karten gibts nur schwarz beim Portier.
Dort tanzen Damen sehr modern,
doch diese Damen, das sind Herren.
Sie tragen Kleider raffiniert,
und wo was fehlt, wird hübsch präpariert.“

In Nossacks Roman Der jüngere Bruder und in der Erzählung Der Nachruf findet sich etwas von diesem Milieu. Gegen Ende seines Lebens war Nossacks bevorzugter Ort in Hamburg der Wartesaal des Bahnhofs Dammtor. In einem Selbstinterview von 1970 heißt es: „Wo fühlen Sie sich am wohlsten hier in Hamburg, Herr Nossack? Im Wartesaal des Dammtor-Bahnhofs bei einer Tasse Kaffee und die Zeitung lesend. Ich wüsste nicht, was ich mir Besseres wünschen könnte.“
Hamburg ist auch heute noch eine Stadt, in der Hockey, Lacrosse und Polo gespielt wird, und auch wenn sich das Kaufmännische und die Kunst mittlerweile etwas angenähert haben, dann gilt das nicht für Hans Erich Nossack. Sein Name fehlt in Friedhofsführern, die die Grabstellen noch der unbedeutendsten Hamburger Autoren registrieren. Die Planquadrat-Koordinaten seines Grabes auf dem Ohlsdorfer Friedhof lauten U/22-22.