Archiv Mai 2007

Seltsame Frisörnamen (4)

Montag, 14. Mai 2007


Berlin-Kreuzberg, am Südstern

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Von Äpfeln und Birnen

Samstag, 12. Mai 2007

Wir hatten mal eine Freundin, die glaubte als Kind jahrelang, es heiße Maul- und Clown-Seuche und wunderte sich immer, was wohl die Kühe im Zirkus zu suchen haben. Selbige Freundin warf vor Jahren einmal eine Frage auf, die seitdem unaufhörlich an uns nagte und fraß, und deren Beantwortung wir jetzt vermelden können: Wieso eigentlich soll man Äpfel und Birnen nicht vergleichen können? Beides ist Kernobst, beides hat einen Stiel, der Apfel ist rund, die Birne nicht ganz. Geht doch, oder etwa nicht?
Wer vergleicht, muss dazusagen, ob er nach Gemeinsamkeiten oder nach Unterschieden sucht. Der philologische Gebrauch des Begriffs fragt nach Gemeinsamkeiten – literarische Vergleiche wie Metaphern, Gleichnisse und Parabeln funktionieren nach dem Prinzip des Tertium Comparationis, einem Analogiepunkt, an dem sich die zu vergleichenden Elemente oder Sphären berühren.
Der umgangssprachliche Gebrauch indes zielt auf die Unterschiede: Eben weil sich Äpfel und Birnen in einigen Punkten unterscheiden, sollen wir sie nicht vergleichen. Ähnlich war das übrigens im Historikerstreit in den 90er Jahren, in dem immer zu hören war, nationalsozialistischen und stalinistischen Terror dürfe man nicht vergleichen. Genaugenommen ist hier gleichsetzen gemeint, nicht vergleichen. Insofern kann man Äpfel und Birnen sehr wohl vergleichen, nur eben nicht gleichsetzen.
Diese beiden Vergleichsstrategien markieren übrigens verschiedene Zeitebenen. Der Bedeutungswandel ist schon im Grimmschen Wörterbuch dokumentiert: „früher ist es mehr die gleichheit, welche bei vergleichen hervorgehoben wird, heute mehr das unterscheidende neben dem gleichen“.
Ha, damit hätten wir dieses Problem abgearbeitet.
(filed under: Anti-Eurovision-Song-Contest-Content)

Hannover, 11. Mai 1997

Freitag, 11. Mai 2007

„Liebe Carola!
(…) Was mich anbelangt, so gibt es leider nicht viel Gutes zu berichten. Seit Wochen schon befinde ich mich in einer akuten Krisis. Dieser Zustand okkupiert sowohl mein geistiges Schaffen als auch mein soziales Leben. Der nahende Studienabschluß erfüllt mich mit paralysierender Furcht. Eigentlich bin ich ja von Arbeiten verschiedenster Art geradezu umstellt (also Artikel und Interviews für die Zeitung, Magistraarbeit, Erwerbsarbeit, das erwähnte Romanprojekt), aber außer der Sicherung meines Lebensunterhalts will mir nichts so recht gelingen. Über alles legt sich schwer die Frage nach dem Sinn und Wert meiner Arbeit, meiner Pläne. Wozu das Studium beenden (wohl nicht zum Zwecke akademischer Profilierung), wie sinnvoll über Bachmann schreiben, für wen oder was die Zeitung fertig stellen u.s.w., u.s.w.? Außerdem würgen mich Existenzängste. Schon studentische Hilfskraftstellen zu bekommen, erweist sich als immer schwieriger. Nach meiner Exmatrikulation werden auch diese Arbeitsstellen für mich wegfallen. Ich sehe mich in naher Zukunft einem regelrechten sozialen Elend ausgeliefert.
Natürlich stehe ich nicht alleine da, und meine FreundInnen und auch meine Eltern werden mich zu unterstützen suchen. Aber auf Dauer wäre das natürlich kein tragbarer Zustand, und außerdem haben wir ja alle nur das finanziell Notwendigste. Da ich als Nicht-EG-Ausländerin keinen Anspruch auf Sozialhilfe habe, müßte ich also über kurz oder lang wieder irgendwelche Scheißjobs machen und wäre am Ende wohl noch gezwungen, darüber froh zu sein. Ich erlange nur sehr schwer Abstand von dieser fatalistischen Perspektive, die sicher von intensiver Furchtsamkeit durchdrungen ist. Fest steht, daß mich diese Ängste nachhaltig beeinflussen und auch einer der Gründe für mein Schweigen Dir gegenüber sind. Wir befinden uns ja doch in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Ich bin sicher, daß Du meine Ängste verstehst, aber Du teilst sie eben nicht. Deine gutbürgerliche Herkunft ermöglicht Dir, von diesen pragmatischen Notwendigkeiten noch verschont zu bleiben. Dir steht Zeit zur Verfügung, die mir bitterlich fehlt.
Ich könnte diese Rede noch fortsetzen, aber in ihr klingt zuviel Vorwurf und Selbstveredelung der Mittellosen an. Das gefällt mir gar nicht und ist zudem moralisierend. (…)
Mein Brief gefällt mir eigentlich nicht besonders – er scheint mir nachgerade oberflächlich. Aber alles andere, was ich sagen könnte, ist in einem Brief nicht gut aufgehoben. Wenn Du noch Interesse an mir und Gesprächen miteinander hast, dann melde Dich doch bitte und wir treffen uns bald, am besten in Hannover.
Über einen Brief Deinerseits würde ich mich natürlich auch sehr freuen.
Ich grüße Dich“
Brankica Becejac, Ich bin so wenig von hier wie von dort

Primreim

Donnerstag, 10. Mai 2007

Die Riesenmaschine reimt neuerdings. Wir nicht. Wir spucken eine Liste aus mit Primreimen - Wörtern, die sich auf nichts als sich selber reimen:

Mönch
Pfirsich
Kanzel
Monster
Öffner
Mensch
Tennis

Wer den Gegenbeweis antreten will, bitteschön. (Aber nix Fremdsprache, nix Phantasiewörter, nix Dialekt.)
Primreimen, das war vor Jahren mal eine Aktion der Berliner Verallgemeinerten in der Zitty, vielleicht erinnert sich jemand. Ein Freund von uns und dessen armer alter Vater waren wochenlang mit nichts anderem beschäftigt als damit, Reime auf Wörter zu finden, auf die es keine Reime gibt. Inzwischen gibt es nicht mal mehr die BeVau, sondern nur die Domain zum Kauf. Wie schade.

Ein Wundärrrrr

Mittwoch, 9. Mai 2007

Berlin, Mitte der 30er Jahre. Da hatte der umtriebige Herr Goebbels gerade kapiert, dass sich das Medium Film ganz hervorragend dazu eignet, propagandistische Botschaften zu transportieren und wie man das am geschicktesten macht (nicht zu aufdringlich nämlich), und dann das: Marlene Dietrich wandert nach Hollywood ab, Marika Rökk und Lilian Harvey können leider nicht schauspielern, Kristina Söderbaum taugt allenfalls als Reichswasserleiche und Greta Garbo weigert sich beharrlich, in deutschen Filmen mitzumachen. Schnepfen, allesamt. Was also tun, wenn unbedingt ein neuer Star gebraucht wird? Ersatz heißt das Zauberwort, Ersatz wie Ersatzkaffee und Ersatzschokolade.
Auftritt Zarah Leander. Leider hat auch sie eine ganze Reihe von Nachteilen – für eine echte Diva ist sie viel zu groß und zu kräftig, Ausländerin (gottlob wenigstens „arisch“), ein für Naziohren doch irgendwie ziemlich jüdisch klingender Vorname und dann auch noch diese ultratiefe Stimme – aber was soll man machen.
Es genügen ein aufwändiger Reklamefeldzug, ein paar Legenden und Homestories über den neuen Star, Pressetermine in der Manier von Weltereignissen – und zack, schon wird Frau Leander vom Publikum wunschgemäß hymnisch verehrt. Dabei singt sie gern öfter mal daneben, die Ausleuchtung ihres großflächigen Gesichts vor der Kamera ist eine Geheimwissenschaft und ihre Filmpartner müssen beim Drehen auf Kisten stehen, damit die Größenverhältnisse stimmen.
„Die große Liebe“ von 1942 ist der größte deutsche Kinoerfolg der Kriegsjahre, und das Lied „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ der größte Hit Zarah Leanders. Der Text beginnt so:

Wenn ich ohne Hoffnung leben müsste,
wenn ich glauben müsste,
dass mich niemand liebt,
dass es nie für mich ein Glück mehr gibt,
ach, das wär schwer…
Wenn ich nicht in meinem Herzen wüsste,
dass du einmal zu mir sagst: Ich liebe dich!
Wär das Leben ohne Sinn für mich,
doch ich weiß mehr…

Das Perfide und Geniale an diesem Schlager ist, dass er als Durchhaltelied für restlos alle herhalten konnte: Für die kriegsmüden und vergnügungssüchtigen Deutschen genauso wie für den schwulen Texter Bruno Balz, der das Lied im Gefängnis schrieb, und den KZ-Häftling Jorge Semprun, in dessen Buch Was für ein schöner Sonntag es heißt: „Die Lautsprecher verbreiten leise Musik. Der SS-Mann auf dem Wachturm musste eine Schwäche für die Lieder von Zarah Leander haben. Er spielte unentwegt Platten von ihr. […] Alle Lautsprecher des Lagers verbreiteten die tiefe, zuweilen metallisch vibrierende Stimme, diese Stimme, die nur von Liebe spricht.“
Der Herr am Dirigentenpult ist übrigens Paul Hörbiger, im Film natürlich unsterblich in Zarah verliebt. Und die menschliche Pyramide weiß gekleideter Elfen am Anfang setzt sich aus Mitgliedern der SS-Leibstandarte Hitlers zusammen – Männer mit Gardemaß, und alle gleich groß, wie praktisch.

Limerick (15)

Montag, 7. Mai 2007

There was an old lady from Skye
who was baked by mistake in a pie.
To the household’s disgust
she emerged through the crust
and exclaimed with a yawn: “Where am I?”

Hamburg: Hassliebe

Sonntag, 6. Mai 2007

Hans Erich Nossacks Prosa zählt nicht unbedingt zum literarischen Kanon; in germanistischen Seminaren begegnet man ihr so gut wie nie – mit einer Ausnahme, dem Untergang. Nossacks Bericht über die verheerenden alliierten Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 gilt gemeinhin als der Text im Zentrum der „Stunde Null“ und, obwohl mitten im Krieg geschrieben, als Ausgangspunkt der Nachkriegsliteratur.
Der Text ist ein Phänomen, nicht nur, weil sein Autor einer der wenigen war, die „bei Ausgang des Krieges über das Thema der Zerstörung der Städte und das Überleben in einem Ruinenland schrieben“, wie es in W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur heißt (die beiden anderen sind laut Sebald Peter de Mendelssohn und Hermann Kasack, wobei gerade vor ein paar Tagen die SZ monierte, Sebald habe Gisela Elsner vergessen, und wer weiß, vielleicht findet sich ja beim genaueren Hingucken noch jemand).
Wie dem auch sei, der Untergang ist auch als Zeugnis eines persönlichen Befreiungsschlages ein Phänomen. Mit der Schilderung einer neuen, bis dahin unvorstellbaren und auch im Nachhinein nur schwer beschreibbaren Qualität des Grauens und des Leidens, des „eigentlich Nicht-Möglichen“, wie Nossack es nennt, verbindet sich seine Geburt als freier Schriftsteller. Nossack war Jahrgang 1901, also zum Zeitpunkt der Bombardierung Hamburgs schon 42 Jahre alt. Zufällig machte er Ende Juli 1943 Urlaub in dem kleinen Heideort Horst bei Maschen und konnte von dort aus die Fliegerverbände und die brennende Stadt beobachten. Als er Anfang August zurückkam nach Hamburg, entdeckte er, dass er obdach- und besitzlos geworden war. Auch der größte Teil seiner Manuskripte – Lyrik und Dramen, keine längere Prosa – war verbrannt.
Nossack hatte bis dahin nur „nebenbei“ geschrieben; hauptberuflich leitete er die väterliche Kaffeefirma und führte ein großbürgerliches Hamburger Kaufmannsleben. Seinen Hass auf diese Existenz übertrug er auf die Stadt: „ In solchen alten Stadtstaaten mit einer Familien-Oligarchie herrscht ein verborgenes, aber übermächtiges Matriarchat. Leo Frobenius hat 30 Jahre in Afrika nach Beweisen für seine matriarchalischen Theorien gesucht. Acht Tage in Hamburg hätten genügt, um ihm den untrüglichen Beweis zu erbringen. Man hätte dort sofort gefragt: ‚Frobenius? Nie gehört. Was ist seine Frau für eine Geborene?’” (Jahrgang 1901), so wie man ihn selbst ständig fragte: „Nossack? Nie gehört. Was ist deine Mutter für eine Geborene?“ Neben dem Dünkel störte Nossack vor allem die Feindschaft gegenüber allem Geistigen. Dass er die Übernahme des elterlichen Unternehmens ausschlagen und statt dessen Gedichte schreiben könnte, wäre in dieser Umgebung nicht möglich gewesen.
Nach dem Bombardement allerdings war das anders. Nossacks großbürgerliche Wohnung war vollkommen zerstört, das Kontor in der Speicherstadt zu großen Teilen, und anstatt in die leerstehende elterliche Villa in Harvestehude zu ziehen, ließ er sich in einer Notwohnung in der Isestraße 69 einquartieren, wo er im November 1943 den Untergang schrieb, sein erstes längeres Prosastück.
Vor dem Haus sind heute 15 ‚Stolpersteine’ in den Gehweg eingelassen, für die deportierten jüdischen Hausbewohner. Obgleich der kausale Zusammenhang unverkennbar ist – Nossack kam in einer der zwangsgeräumten Wohnungen unter – sind diese Zivilisten ebenso unschuldige Kriegsopfer wie diejenigen, die im Untergang beschrieben sind. Letztere sind sich im Übrigen der Gründe für die Zerstörung ihrer Stadt sehr wohl bewusst, mehr noch: Nossack hätte seine Verhaftung fürchten müssen, wäre der Untergang vor Ende des NS-Regimes publik geworden. Er nutzte hier die Chance, klar und unverstellt gegen ein Regime Partei zu ergreifen, das die Stadt mitten im Bombardement aufgab, die Zahl der Toten kleinrechnete, den Alliierten die Schuld am Ausmaß der Zerstörung zuschrieb und weiterhin den „Endsieg“ propagierte. Auch in dieser Hinsicht war der Text ein Befreiungsschlag.
Von diesem Zeitpunkt an führte Hans Erich Nossack das Leben eines freien Schriftstellers. Als Suhrkamp-Autor erarbeitete er sich zwar einigen Respekt, bekam auch 1961 den Büchner-Preis, aber richtig berühmt wurde er nie. Materielle Not veranlasste ihn sogar, Mitte der fünfziger Jahre zuerst nach Bayern und dann nach Hessen zu ziehen – nur um festzustellen, dass er sich außerhalb von Hamburg zutiefst unglücklich fühlte. Bezeichnenderweise beschrieben ihn alle, die ihn kannten, auch immer als Hanseaten: zurückhaltend, vornehm, ausgestattet mit hintergründigem Witz.
Den Hass auf seine Heimatstadt kompensierte er, indem er sein Herkunftsmilieu mied und sich viel auf St. Pauli aufhielt, gern in Schwulen- und Lesbenkneipen. In der „Bar Celona“ in der Wohlwillstraße zum Beispiel, die es heute nicht mehr gibt, die es aber in den fünfziger Jahren zu einem eigenen Lied gebracht hatte:

„In der Bar Celona brennt noch Licht,
doch alle Türen sind schon dicht,
dort sitzt die ganze Hautevollee,
Karten gibts nur schwarz beim Portier.
Dort tanzen Damen sehr modern,
doch diese Damen, das sind Herren.
Sie tragen Kleider raffiniert,
und wo was fehlt, wird hübsch präpariert.“

In Nossacks Roman Der jüngere Bruder und in der Erzählung Der Nachruf findet sich etwas von diesem Milieu. Gegen Ende seines Lebens war Nossacks bevorzugter Ort in Hamburg der Wartesaal des Bahnhofs Dammtor. In einem Selbstinterview von 1970 heißt es: „Wo fühlen Sie sich am wohlsten hier in Hamburg, Herr Nossack? Im Wartesaal des Dammtor-Bahnhofs bei einer Tasse Kaffee und die Zeitung lesend. Ich wüsste nicht, was ich mir Besseres wünschen könnte.“
Hamburg ist auch heute noch eine Stadt, in der Hockey, Lacrosse und Polo gespielt wird, und auch wenn sich das Kaufmännische und die Kunst mittlerweile etwas angenähert haben, dann gilt das nicht für Hans Erich Nossack. Sein Name fehlt in Friedhofsführern, die die Grabstellen noch der unbedeutendsten Hamburger Autoren registrieren. Die Planquadrat-Koordinaten seines Grabes auf dem Ohlsdorfer Friedhof lauten U/22-22.