Archiv Juni 2007

303

Samstag, 30. Juni 2007

Heute mal wieder knallharter Alltagscontent aus dem echten Leben. Der Lover von Frau Müller verbrachte gestern anderthalb Stunden damit, den Parkplatz vor dem Haus zuerst von Laub und anderem Müll zu befreien und dann die parkplatz- eigene Hecke zu stutzen mit einem Werkzeug, das von oben aussah wie eine Nagelschere. Beinahe hätten wir das Fenster geöffnet und ihn aufgefordert, die Reihenfolge doch noch einmal zu überdenken, aber das ließen wir dann doch bleiben, wegen Klugscheißerei. Danach malte er mit weißer Farbe die Markierungen nach. Sehr ordentlich. So sind sie, die Villagers – liebevoll bedacht auf Akkuratesse und stets bereit, sich selbstlos für das Gemeinwohl einzusetzen. Der Lover von Frau Müller duzt uns übrigens nach wie vor ungeniert, aber wir haben inzwischen aufgehört, uns darüber zu wundern. – Bei Stellplatz 303 ist eine Beule in der Hecke.

Satzung und Archiv

Freitag, 29. Juni 2007

Die offizielle Homepage des Vereins zur Huldigung des Meta-Limericks, Hamburg (VHMLH) findet man jetzt da oben rechts. Und hier ist noch einer, bevor wir uns wieder mit Ernsthaftigkeit der Betrachtung der Welt zuwenden:

A zoologist’s daughter of Zug
cried: “Papa, what is that on the rug?”
Said he: “Goodness gracious!
How very vexatious!
I very much fear it’s a blood-sucking insect of the cimex lectularius species!”

Limerick (20)

Donnerstag, 28. Juni 2007

An impromptu poet of Hibernia
rhymed himself into a hernia.
He became quite adept
at the practice except
for occasional anti-climaxes.

Aus Tom Stoppards Theaterstück Travesties. – Frau Isabo, gründen Sie mit mir den Verein zur Huldigung des Meta-Limericks Hamburg (VHMLH)?

Lebewohl

Mittwoch, 27. Juni 2007

Dreißig Jahre lang versah er treu seinen Dienst im Treppenhaus – jetzt ist er gestorben und begraben, der Gummibaum von Frau Müller. Zugegeben, schon als wir ihn im letzten Jahr kennenlernten, musste er sich altersschwach an die Treppenhauswand anlehnen, und seine Blätter waren nicht prall und glänzend, sondern matt und ein bisschen schrumpelig. In letzter Zeit wurden sie sogar braun und fielen ab. Dennoch wurde er geliebt – von Frau Müller, die mit seiner Installation im Treppenhaus als ganz junge Pflanze ihren Einzug in dieses Haus verbindet, und auch, wir geben es zu, von uns, obwohl wir Gummibäume sonst nicht leiden können. Er war aber kein normaler Gummibaum, er war ein Symbol, eine metaphorische Verkörperung vergehender Zeit, ein Muster für gleichmütig ertragenen Verfall im Alter. Jetzt ist er verschwunden, ersetzt durch ein blutjunges, gesundes und weit weniger imposantes Kraut, das sich eine vergleichbar präsentable Würde allenfalls durch jahrelanges Treppenhausstehen erarbeiten kann.
Wir vergießen eine Träne, entbieten ihm einen letzten Abschiedsgruß und rufen ihm nach: Möge es dir wohl ergehen im Himmel der Gummibäume!

Limerick (19)

Montag, 25. Juni 2007

There was a young lady called Jenny
whose limericks weren’t worth a penny.
Her technique was sound,
but she always found
that when she tried to write any
she’d end up with one line too many.

Falls Sie mal eine Band gründen wollen…

Samstag, 23. Juni 2007

…und keinen passenden Namen zur Hand haben, hier sind ein paar Vorschläge:

Famose Kotzfähre
Langzeit Hausgast
Robot Head in Mourning
Die kaputte Welt
The Pathetic Mistakes
The Mistake Hens
Idiot Tooth
The Boring Knifes
Pappmaché Band
The Surfaces
Die Taubstummen

Unser Favorit ist ja Idiot Tooth, das Gegenteil von Weisheitszahn. – Leider stammen diese schönen Namen nicht von uns, sondern aus dem neuesten Roman von Jonathan Lethem, den wir gerade lesen, um ihn zu rezensieren (Du liebst mich, du liebst mich nicht, Tropen Verlag, im Original You don’t love me yet, die Übersetzung stammt von Michael Zöllner). Da geht es unter anderem um eine Band, die ihren allerersten Gig bei einem Kunstevent hat, einer so genannten Aparty, bei der jeder Partygast mit Kopfhörern zu seiner eigens mitgebrachten Musik tanzt, während die Band nur so tut als ob sie spielt. Weil die Eventbesucher das aber nicht so richtig kapieren, muss die Band am Ende doch laut spielen, obwohl sie nur ungefähr zehn Songs und noch immer keinen Namen hat. Wir haben das Buch noch nicht durch, aber es sieht so aus, als sei dieses unfreiwillige Konzert ein durchschlagender Erfolg – auf Seite 133 jedenfalls drängeln sich Plattenfirmen-Vertreter mit vielversprechenden Namen wie Fancher Herbstbrust vor der Bühne.
Jonathan Lethem kann sich nicht nur tolle Bandnamen ausdenken, sondern auch Songtexte, die er auf seiner Website großzügig jedem Interessierten zur freien Verfügung stellt. Nur die Musik müssten Sie selber schreiben.

Nichts Neues

Freitag, 22. Juni 2007

Heute vor hundertneun Jahren kam Erich Maria Remarque zur Welt. Einunddreißig Jahre später veröffentlichte er einen unpolitischen Roman über die Schrecken des Ersten Weltkriegs mit dem Titel Im Westen nichts Neues, der sofort zum Bestseller wurde. Wiederum zehn Jahre später meldeten sich scharenweise Freiwillige für einen weiteren Weltkrieg, darunter reichlich Leute, die das Buch gelesen hatten. Soviel zur gesellschaftlichen Wirkung von Kunst.