Archiv Juni 2007

Titelei

Montag, 11. Juni 2007

Als Uwe Johnson seinen dritten Roman fertig hatte, gab er ihm einen Titel, der sofort seinen Verleger Siegfried Unseld auf den Plan rief: „Gegen Beschreibung einer Beschreibung wehrt sich mein verlegerischer Instinkt“, schrieb Unseld am 25. Mai 1961 an Johnson. „Für die Wirkung des Buches ist der Titel entscheidend. Ich bin sicher, daß der Titel Beschreibung einer Beschreibung von vornherein einen Teil der Wirkung abwürgt“. Die Diskussion ging noch eine Weile hin und her, Johnson sträubte sich ein bisschen, aber schließlich einigte man sich auf Das dritte Buch über Achim. Dabei war Beschreibung einer Beschreibung ein viel genauerer Titel, weil er nicht nur den Inhalt des Romans, sondern auch seinen Bauplan benennt: Es geht, kurz gesagt, um die Beschreibung des (fehlgeschlagenen) Versuches eines Journalisten, das Leben eines Radrennfahrers zu beschreiben, um die Erforschung der Ursachen des Misslingens. Allerdings würde vermutlich niemand, der in einer Buchhandlung wahllos nach Lesestoff sucht, einen Roman mit dem Titel Beschreibung einer Beschreibung kaufen – klingt dröge, irgendwie wissenschaftlich und macht garantiert keine Lust aufs Lesen.
Was ist ein Titel? Er steht vorne, also sozusagen über einem Buch (aber warum tragen Gemälde ihre Namen unten oder seitwärts?); er verweist auf das, was folgt. Er ist eine Konvention (wer sagt eigentlich, dass ein Roman einen Titel tragen muss?), eine Höflichkeit gegenüber dem Leser, der soll wissen, wohin die Reise geht. Soll er uns den Mund wässrig machen? Ja, solche Schriftsteller gibt es auch. Ein Titel ist ein Meilenstein am Wege, eine Ortstafel, eine Warnung. Das mag sein; was jedoch ist das: ein Titel?
Don Quijote heißt eigentlich Der sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha, Tristram Shandy The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, Simplicissimus gar Der abentheurliche Siplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen. An Tag gegeben von German Schleifheim von Sulsfort. Die Länge ist vielleicht eine Mode, das Prinzip hinter diesen Beispielen aber kein anderes als das hinter Jane Austens Emma: Die Benennung der Hauptfigur.
Dann gibt es noch die Kategorie Handlungsort: In a German Pension (Katherine Mansfield), Tannöd (Anna Maria Schenkel) oder, sehr viel mehrdeutiger und anspielungsreicher, Middlesex (Jeffrey Eugenides). Und die Kategorie Kurz-Inhaltsangabe: A Passage to India (E.M. Forster), Timoleon kehrt zurück (Dan Rhodes), Nachdenken über Christa T. (Christa Wolf), Flucht in den Norden (Klaus Mann).
Das alles sind Titelvarianten, die man mit Thomas Mann als ‚ehrlich’ bezeichnen könnte – sie nehmen kein Urteil vorweg und lassen den Leser relativ unabhängig. Steht man aber im Buchladen und will sich inspirieren lassen, dann sind die besseren Titel diejenigen, die eine freche These aufstellen, die mit einer Ankündigung die Neugier wecken auf das, was kommt, oder die zwei fremde Dinge unter einen Hut bringen, so dass man sich fragt, wie das wohl zusammen passt. Carson McCullers’ The Heart is a Lonely Hunter ist ein Beispiel dafür, ebenso Kim Novak badete nie im See von Genezareth von Håkan Nesser, A History of the World in 10 ½ Chapters (Julian Barnes), Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht oder Platon im Striptease-Lokal von Umberto Eco. Sehr schön finden wir auch Everything is Illuminated (Jonathan Safran Foer), Wunschloses Unglück (Peter Handke), Oranges are not the Only Fruit (Jeannette Winterson) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee (Peter Hoeg).
Unser unübertroffener Favorit bleibt aber nach wie vor Milan Kundera mit Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Warum? Weil man damit alberne Wortspiele treiben kann: Die unverträgliche Seichtigkeit des Scheins, die unsägliche Dreistigkeit des Schweins, die unmögliche Feistigkeit des Beins…
Übrigens gibt es einen Roman, dessen Titel gleichzeitig benennt, wovon das Buch handelt und was es ist, und das sehr viel sinnlicher als Johnsons Beschreibung: Atonement von Ian McEwan – eins unserer Lieblingsbücher.

(Das Guardian LitBlog hat seinerseits einen schönen Titel zum Thema gefunden: The Name of the Prose.)

Limerick (17)

Samstag, 9. Juni 2007

There was a young man in Peru
who found he had nothing to do.
So he sat on a chair
and counted his hair
and found he had seventy-two.

Iceland calling

Donnerstag, 7. Juni 2007

Inga was the second person I met in Glasgow (the first one was my flatmate) and the only one from Iceland. She had never seen an underground railway before, but in the first few weeks she exclusively journeyed by taxi because it was so cheap compared to Iceland – as almost everything else. Well, Glasgow underground isn’t very impressive, it’s just one single line going round and round in a circle. And I got very wet at least twice a day riding the second-hand bike I had bought for £20 – luckily it was stolen soon.
Even then, Inga knew much more about Scottish literature than I ever will, she later wrote her Ph.D. thesis on Robin Jenkins (by whom I’ve read only a single novel), and she could do something I won’t achieve in my whole life: a proper Scottish accent (only after a few glasses of whisky, though).
Inga once told me the story about the old Icelandic telephone system which I find so amazing I’ll never forget it, even if I get very old. The system worked like this: A whole village was connected by one single telephone line, so theoretically, everybody could talk to everybody else at the same time. Each household had its own call sign, so you knew when a call was for you – but you never knew if anybody was listening to your conversation. So you better refrained from making nasty remarks about your neighbours or telling secrets about yourself. The telephone was rather a means of public information than a private communication instrument. When it was going to be replaced by a ‘normal’ telephone system, people feared they wouldn’t be up-to-date on anything important any more. And this wasn’t the 19th century, it was the 1960s or 70s.
Meanwhile, in Iceland like everywhere else, the protection of privacy is a larger problem than the lack of information. – Inga, correct me if I got it wrong.

…nicht verloren

Mittwoch, 6. Juni 2007

A propos Polen. Ein halbes Jahr haben wir auch mal in Polen verbracht, in Lublin, einer Stadt in Polen B, wie die Polen selber sagen, also im schlechten Teil von Polen, im Osten. Lublin ist so weit östlich, dass sich Deutsche dort nicht meiden wie sonst fast überall auf der Welt, sondern sich freudig bekannt machen, wenn sie einander als Deutsche erkennen. Außer ein paar Touristen gibt es dort ohnehin nur zwei Sorten von Deutschen – die Lektoren an den beiden Unis und die Aktion-Sühnezeichen-Zivis in Majdanek.
Im Juni 1999 reiste Papst Johannes Paul II. nach Polen – alle dachten, es sei die letzte Reise in sein Herkunftsland, war es aber dann doch nicht –, und eine der befremdlichsten Erfahrungen war es zu sehen, wie sich Polen bei diesem Papstbesuch verhielt. Die Reisestationen sieht man auf diesem abfotografierten Plakat:

Unter anderem fuhr der Papst auch nach Sandomierz, das war die von Lublin aus nächstgelegene Station. Zufällig waren wir dort zwei oder drei Wochen vor dem großen Ereignis und konnten die Vorbereitungen beobachten: Nicht nur wurde der Bahnhof komplett verlegt – ob näher zur Stadt oder weiter weg, ist uns jetzt entfallen, es hatte jedenfalls etwas mit dem Massenansturm zu tun – sondern auf der Route, die, vorher genau festgelegt, das Papamobil befahren sollte, wurden die Straßen neu gepflastert, die Häuserfassaden neu gestrichen, die Dächer neu gedeckt und neue Bäume gepflanzt – mal abgesehen von den kleineren Privatverschönerungen, die jeder Bürger selber vornahm, so wie diese Dame auf ihrer wackligen Leiter:

Man brauchte keine drei Schritte abseits der offiziellen Papst-Jubel-Route zu tun, schon sah die Stadt so grau und heruntergekommen aus wie sie zu der Zeit eben aussah. Wir sind sicher, das war kein Einzelfall, und wir haben uns immer gefragt, ob es nun schlimm war oder nicht, dass Johannes Paul zeitlebens mit einem solch gefälschten Heimatbild im Kopf herumgelaufen ist.
Die Leute waren alle verrückt in der Zeit. Die Kollegen, sämtlich vernünftige, intelligente Menschen, mussten weinen, wenn sie den Papst im Fernsehen sahen. Als er in Krakau einen Schwächeanfall erlitt, schliefen sie nächtelang nicht, weil sie für ihn beteten. Und ein Kollegiumsausflug musste unterbrochen werden, eben weil der Gottesdienst in Sandomierz nicht versäumt werden durfte.
Da waren wir nicht mit. Vielleicht wäre auch das sehr spannend gewesen.

Noch ist Polen…

Dienstag, 5. Juni 2007

Nach dem Willen des polnischen Bildungsministers sollen Goethe, Dostojewski und Kafka demnächst von den Leselisten polnischer Gymnasiasten verschwinden. Wir finden das im Prinzip gut und richtig. In welcher deutschen Schule steht wohl Mickiewicz auf dem Stundenplan? Allerdings empfehlen wir anstelle der Schriften des polnischen Papstes, die der Minister ersatzweise lesen lassen möchte, eine große Portion Mrozek – und das am besten nicht nur für die Schüler, sondern gleich als Pflichtlektüre für die gesamte Regierung. Der Blick in einen satirischen Spiegel täte ihr ganz gut. Komisch, dass sich die Polen, seit sie dürfen, immer Führungsfiguren wählen, die sie hinterher vor der ganzen Welt blamieren.

Buchtitel-Lyrik

Montag, 4. Juni 2007


(via Alpha)

Setzen Sie Vorgänge in Gang!

Samstag, 2. Juni 2007

Fast tun sie uns ein bisschen Leid, die Leute, die sich mit Suchbegriffen wie „Elbe Einkaufs“, „EEZ“ oder auch mit schönen ganzen Sätzen wie „Liebe Suchmaschine, kannst du mir bitte sagen, was es im Elbe Einkaufs Zentrum alles gibt?“ auf unsere Seite googeln und dann nur auf Abschriften poetischer Einkaufszettel oder auf seltsame Phänomene im Umgang mit Büchern stoßen. Deshalb wollen wir heute mal was Richtiges über das Elbe-Einkaufszentrum schreiben.
Also: Im Elbe-Einkaufszentrum sind dieselben Ketten vertreten wie in allen anderen Einkaufszentren auch. Welche das sind, lässt sich sehr einfach auf der Homepage des Elbe- Einkaufszentrums nachlesen. Wir benutzen zuweilen den Supermarkt, den Bioladen und die Buchhandlung – leider auch Ableger einer großen Kette, aber die einzige weit und breit.
Um Kunden anzulocken, veranstaltet das Elbe-Einkaufszentrum regelmäßig Events – meist Ausstellungen, neulich gab es mal eine Schachwoche, bei der zwanzig Kinder gleichzeitig gegen einen Weltmeister spielten oder so ähnlich.
Das alles interessiert uns für gewöhnlich nur mäßig, aber das aktuelle Event finden wir toll, denn es spricht das Kind in uns an. Es heißt Phänomenta, jawohl, da klingt Dokumenta an, aber es geht nicht um Kunst, sondern um „Exponate aus Wissenschaft und Technik“, die man anfassen und benutzen darf. Nun sind wir ja bedauerlicherweise technisch andersbegabt und haben demzufolge auch Probleme, über Technik zu schreiben. Aber wir versuchen es mal: Also, das ist total super, da gibt es zum Beispiel diese Kugeln, da lässt man dann eine fallen, und klack klack klack, und dann die letzte, und nicht alle, wie man vielleicht vermuten könnte. Oder so eine Scheibe und da rotiert dann so eine Spule, immer rundrum wie eine Schallplatte, und dann ist da noch ein Magnet, und das heißt dann Induktion – oder vielleicht rotiert auch der Magnet, da sind wir nicht ganz sicher. Und dann diese Platten mit einem Loch drin, die muss man dann so umschichten, dass sie nach oben immer kleiner werden, aber das ist total schwer, ehrlich.
Das verstehen Sie nicht? Das tut uns Leid, wir können nichts dafür. Glücklicherweise unterhält das Elbe-Einkaufszentrum eine eigene Publikation (sie trägt den sinnigen Namen Elbe- Einkaufszentrum Aktuell), aus der wir ersatzweise zitieren können. Dort nähert man sich dem Phänomen Phänomenta abgeklärt-abstrakt, aber nicht minder enthusiastisch: „Setzen Sie Vorgänge in Gang!“ „Verändern Sie Einflussgrößen!“ „Lassen Sie sich von einer Fragestellung einfangen!“
Genau das wollten wir sagen. Also: Auf ins Elbe- Einkaufszentrum!