Archiv September 2007

Sommermärchen

Sonntag, 30. September 2007

Ach Quatsch, ist ja kein Sommer mehr. Und auch kein Märchen wie bei den Männern.

Bücherstöckchen

Freitag, 28. September 2007

Auch ich habe das Gefühl, das schon zu kennen. Aber okay, weil Sie es sind, Frau Isabo. Und es macht ja auch immer Spaß, über Bücher zu schreiben.

Liest Du gerne?

Öh – ja.

Welches Genre?

Alles. Aus Weltfluchtgründen am liebsten Romane. Seltener Erzählungen, weil die vorbei sind, wenn man die Figuren gerade kennen gelernt hat. Bei Krankheit die alten Kinderbücher, die haben so was Tröstliches. Krimis müssen, um mich zu reizen, neben der Krimihandlung noch etwas sprachlich Besonderes haben – entweder sie sind auf Englisch oder von Wolf Haas. Literaturwissenschaftliche Fachbücher und alles, was über Uwe Johnson erscheint. Zu den Lieblings-Sachbüchern gehören ein paar Biografien, Wörterbücher und unbedingt der Reibert.

[Werbepause für den Reibert: Der Reibert ist das Handbuch für den deutschen Soldaten. Heer, Marine, Luftwaffe und enthält Sätze wie: „Bewegungen bei Dunkelheit werden wie folgt ausgeführt: Beim Gehen das Knie höher als sonst heben, Schwergewicht mit leicht zurückgebeugtem Oberkörper auf das rückwärtige Standbein verlagern.“ Eins der komischsten Bücher, die es gibt.]

Vorzugsweise im Winter die dicken 19.-Jahrhundert-Wälzer – George Eliot, die Brontës, Fontane, weiter zurück eher selten. Von drei deutschsprachigen Autoren kaufe ich unbesehen jedes neue Buch: Norbert Gstrein, Ingo Schulze, Antje Rávic Strubel. Ich lese aber auch zwanghaft Gebrauchsanweisungen, Texte auf Cornflakespackungen und was Leute an Hauswände schreiben.

Wie hieß dein letztes Buch?

Simon Borowiak, Wer Wem Wen. Eine Sommerbeichte.

Würdest du es weiterempfehlen?

Aber hallo. Ich zitiere mal ein bisschen, das empfiehlt sich dann selbst:
„Das Bad war so durchgängig besetzt, daß ich mich schließlich wieder ungewaschen und voll bekleidet ins Jugendbett legte. Hörte Türen und Holzboden, Knacken und Tapsen. Da draußen brachten vier Leute ihre Biografie zu Bett. Legten ihr Hirn aufs Kissen und stellten es auf stand-by. Überließen es der Nacht, die neuen Eindrücke und Gedanken zu sortieren. Ich stellte mir vor, daß sie die Augen schlossen, auf ihrer Stirn zeigte ein schwach erleuchtetes Display das Signal ‚Nachtstrom’, und sobald sie eingeschlafen waren, würden neuronale Heinzelmännchen damit beginnen, die Festplatte zu putzen, die Erlebnisse des Tages zu defragmentieren. Daten ablegen und abbuchen, auf Kompatibilität prüfen, mit Bekanntem abgleichen, Unbekanntes verschieben. Die Normalen in den Speicher, die Verstörenden in den Traum.“

Warum hast du dir genau dieses Buch zugelegt?

Der Name Borowiak steht für höchste sprachliche Qualität. Und ich bewundere sehr, wie komisch der über ernste und todtraurige Dinge schreiben kann. Nebenbei muss ich das Buch rezensieren. Natürlich werde ich es in den höchsten Tönen loben.

Welches war das miserabelste Buch, das du je in der Hand hattest?

Mittlerweile höre ich ja auf zu lesen, wenn ich mit einem Buch nicht warm werde und das Gefühl habe, das liegt am Buch und nicht an mir. Das letzte, was ich richtig doof fand und trotzdem zu Ende gelesen habe, war Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon. Das ist der Gipfel an Eitelkeit: Da schreibt jemand sei-ten-lan-ge philosophische Abhandlungen und erfindet sich dann eine Romanfigur, die diese Traktate hem-mungs-los bewundert. Also wirklich. Warum ich es trotzdem zu Ende gelesen habe? Weil mich die Passagen über Lissabon interessiert haben. Die philosophischen Abhandlungen habe ich geflissentlich überblättert. (So sehen übrigens auch Bibiotheksexemplare von Vom Winde verweht aus: Die Liebesgeschichte zerlesen bis zum Zerfall, die Seiten, die vom Krieg handeln, weiß und wie neu.)

Bist du ein Bücherquäler? Entsorgst du z.B. die Schutzumschläge, machst Eselsohren oder besudelst die Seiten?

Yep. Ich finde ja, es gereicht beiden – Büchern wie Lesern – zur Ehre, wenn die Lesetätigkeit sichtbare Spuren hinterlässt. Das Buch soll nicht vor mir geschützt, sondern von mir gelesen werden, deshalb rupfe ich als erstes den Schutzumschlag ab (nach dem Lesen kommt er dann aber wieder dran). Lesezeichen kann ich nicht leiden, also wird das Buch kopfüber abgelegt oder mit einem dezenten Eselsohr markiert. Was ich allerdings nicht mache: Schokoladenflecken und zynische Randbemerkungen mit Kugelschreiber.

Was machst du mit den Büchern, wenn du sie gelesen hast?

Sind sie gut, kommen sie ins Regal. Weiß ich noch nicht, ob ich sie wirklich behalten will, bleiben sie auf meinem Büchertisch liegen, der vermutlich demnächst unter der Last zusammenbrechen wird. Was ich loswerden will, gebe ich einer Freundin, die einen Freund hat, der Bücher für einen guten Zweck verkauft. Im Übrigen lese ich auch viele Bibliotheksbücher, die gebe ich dann beizeiten wieder ab. Gegen das elfte Gebot zu verstoßen (Du sollst keine Bücher wegschmeißen), käme mir nicht in den Sinn.

[Nachtrag: Zufällig habe ich gerade heute ein sehr schönes Buch von meiner Wunschliste geschenkt bekommen, Maters rückläufiges Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Da liest man Wortreihen und fragt sich, was die eigentlich miteinander zu schaffen haben, wie Roda Roda hier:

Es gibt Tiere, Kreise und gibt Ärzte
es gibt Tierärzte, Kreisärzte und Oberärzte
es gibt einen Tierkreis und einen Ärztekreis
es gibt auch einen Oberkreistierarzt
ein Oberkreistier aber gibt es nicht.

Danke, Mechthild, hat mich sehr gefreut!]

Wer das Stöckchen haben will – bitteschön.

Missgeschicke in Orchestern

Freitag, 28. September 2007

Orchesterkonzerte sind Echtzeit-Live-Veranstaltungen, da kann schon mal was schiefgehen, genau wie im Theater. Von falschen Tönen und verpassten Einsätzen wollen wir hier gar nicht reden, uns geht es um außermusikalische Dramatik im musikalischen Kontext. Das Folgende ist ein Sammelsurium aus Geschichten, die eines gemeinsam haben: Sie sind wirklich passiert.
Selbst erlebt allerdings ist nur die Geschichte vom Dirigenten, der auf dem musikalischen Höhepunkt des vierten Satzes von Dvoraks Sinfonie Aus der Neuen Welt von der Bühne kippte, weil er aus Versehen einen Schritt zu weit nach hinten trat. Das ist eigentlich gar nicht komisch, im Film wäre das reiner Slapstick, und der arme Kerl hätte sich sonstwas brechen können. Komisch war nur die Verblüffung der Musiker, die nach ein paar Takten äußerster Konzentration wieder von ihren Noten aufblickten – und weg war er, der Chef.
Noch jahrzehntelang werden die tragischen Unglücksfälle der Kammeroper Hannover Gegenstand begeisterter Erzählungen sein. Das war ein Muckenensemble, bestehend aus Mitgliedern des Opernchors, die auch mal Solo singen wollten, und Studenten der Musikhochschule, die jung genug waren, für wenig Geld anstrengende Reisen auf sich zu nehmen. Die Kammeroper tourte vorzugsweise in Kurorten und Seebädern und gab dort leichte Muse zum Besten, meistens Operetten wie Gräfin Mariza oder Wiener Blut. Sie war damals schlecht organisiert und schlecht geprobt, und unübertroffen ist das Bild des wütenden musikalischen Leiters, der sich nicht enthalten konnte, während der Aufführung beim Dirigieren mit hochrotem Kopf deutlich hörbar vor sich hin zu schimpfen: Studentenpack! Studentenpack!
Kein Wunder, dass es Vorstellungen gab, in denen das Publikum – wohlwollende Urlauber in fortgeschrittenem Alter ohne höhere Ansprüche – unruhig wurde und zu protestieren begann. Das ist ja unerhört! riefen die Zuhörer bei solchen Gelegenheiten dann etwa, oder: So schlecht haben wir das noch nie gehört, aufhören, aufhören! Legendär ist auch die Vorstellung auf einer Nordseeinsel, bei der die wichtigste Solistin das Schiff verpasst hatte und das Publikum sich vor die Wahl gestellt sah: Anderthalb Stunden auf das nächste Schiff warten oder Geld zurück. (Wer sich fürs Warten entschieden hatte, bereute das hinterher zutiefst.)
Oder, das ist jetzt doch wieder selbst erlebt, das Konzert des berühmten Berliner Ärzteorchesters, in dem der Solo-Gitarrist sein Gitarrenkonzert so vergeigt hatte (höhö), dass er glaubte, dem Publikum eine extralange Zugabe schuldig zu sein. Was er nicht wusste, und das Orchester auch nicht: Der Dirigent musste unmittelbar nach dem Konzert unbedingt einen Zug nach Prag erreichen, den letzten an dem Abend. Alle, Musiker wie Zuhörer, wunderten sich deshalb, dass der anschließende eigentliche Höhepunkt des Abends – seltsamerweise war das auch die Neue Welt, diese Sinfonie scheint das Unglück anzuziehen – ohne Wiederholungen und in einem Affentempo durchexerziert wurde. Wir wussten kaum, wie uns geschah, wir wussten nur: Wir spielen gerade die schnellste Neue Welt der Aufführungsgeschichte. (Das Tragische daran war, dass der Dirigent dann doch nicht nach Prag reisen konnte, weil er seinen Reisepass vergessen hatte.)
In all ihrer Dramatik am komischsten finden wir eine Geschichte, die sich im Orchester der Medizinischen Hochschule Hannover zutrug, einem Laienorchester, das seine Konzerte im größten Hörsaal der MHH zu spielen pflegte. Zehn Minuten vor Beginn, die Musiker waren auftrittsbereit hinter der Bühne versammelt, wurde da der Paukist ohnmächtig. Ob vor Aufregung oder weil er krank war, ist nicht bekannt, jedenfalls verdrehte er die Augen, taumelte und: klonk – da lag er und rührte sich nicht mehr. In blanker Panik stürzte einer der Geiger auf die Bühne und brüllte: Ist hier ein Arzt? Woraufhin der gesamte Hörsaal aufstand wie ein Mann und rief: Hier!

Mehr von solchen Geschichten gibt es im Blog der Orchestermusikerin.

Stay Gold

Donnerstag, 27. September 2007

The Outsiders (S.E. Hinton, 1967) – vierzig Jahre alt, auch in den 80ern heißgeliebt, Buch inzwischen verschollen, Film nie gesehen, alles nur geklaut, trotzdem gut.

Lieber unbekannter Googler

Dienstag, 25. September 2007

ob Sie einen Brief schreiben sollen, um Ihre Frau zurück zu gewinnen, wollten Sie gestern von uns wissen. Wir halten das für eine gute Idee. Die Macht der Worte entfaltet sich schriftlich doch sehr viel erfolgversprechender als mündlich – Briefe stottern nicht rum, werden nicht rot und vergessen nicht, was sie sagen wollten. Freundlicherweise haben wir Ihnen schon mal einen Entwurf verfertigt, Sie müssen nur noch das Nichtzutreffende streichen.

Liebe Brigitte / Gabriele / Babsi,
nach reiflicher Überlegung / nachdem ich gestern eine Münze geworfen habe / nach Konsultation einiger anerkannter Expertinnen im Internet bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass auch ich einen großen / einen riesengroßen und sehr idiotischen / einen kleinen Fehler gemacht habe. Ich hatte dir ja schon gesagt, dass ich es saublöd / extremst beknackt / nicht besonders toll von dir fand, wie du dich neulich bei Aggis und Mannis Hochzeitsfeier / beim Besuch von Tante Lisbeth / beim Aldi sehr blamiert / zum Affen gemacht / etwas verkehrt benommen hast. Und jetzt wollte ich noch sagen, dass meine Reaktion auf die diesbezüglichen mitleidigen Blicke / fiesen Kommentare / Erpresserbriefe vielleicht doch total daneben / ein bisschen überzogen / nicht ganz angebracht war. Anstatt mit der Hochzeitstorte zu werfen / dir den Kinnhaken zu verpassen / mit dem Schaufelbagger zu der Amokfahrt aufzubrechen, hätte ich doch eher meinen Rechtsanwalt aufsuchen / zum Fußball gehen / das Gespräch mit dir suchen sollen. Es tut mir unendlich / unbeschreiblich / tatsächlich Leid. Es ist alles / fast alles / auch ein bisschen meine Schuld. Bitte überlege dir noch einmal, ob du nicht doch zurückkommen willst / bitte erwäge doch, wieder bei mir einzuziehen, es wäre auch billiger / bitte komm zurück. Ich liebe / mag / brauche nur dich.

So, das sollte genügen. Nicht einfach ausdrucken, sondern mit der Hand abschreiben und Unterschrift nicht vergessen. Nichts zu danken. Masel tov.

Flasche in Elbe

Sonntag, 23. September 2007


Flasche in Elbe

Övelgönne, Elbstrand, Samstagnachmittag, Sonne. Im Fluss schwimmt große blaue Plastikflasche. Stört entschieden den idyllischen Blick. Findet Hundebesitzer auch, der seinen Hund mit Hilfe von kleinen Steinchen dazu bewegt, sich in den Fluss zu stürzen und die Flasche zu apportieren. Hund schwimmt gut und hat Flasche alsbald im Maul. Rückweg aber Problem: Hund kann nicht mehr richtig atmen. Kommt nicht voran, verliert Orientierung, japst, liegt tiefer und tiefer im Wasser. Menschen am Strand gucken besorgt. Hundebesitzer dreht sich um und geht schon mal weiter. Menschen am Strand tuscheln empört. Hund gerät in Panik. Schwimmt weiter raus statt zurück zum Ufer. Riesen-Containerschiff naht. Menschen am Strand befürchten Riesen-Unglück. Hund bräuchte nur die Flasche loszulassen, dann könnte er ungehindert zurückschwimmen. Macht er aber nicht. Herrchen hat befohlen, also wird gehorcht. Und wenn es das eigene Leben kostet. Menschen am Strand rufen und winken, Hund hört und sieht nichts. Ist mit Ertrinken beschäftigt.
Da naht Rettung.


Rettung: Wriggende Männer

Zwei Männer in einem Boot mit einem Ruder hinten dran (wriggen heißt das Tuwort dazu). Hund in Panik befürchtet weitere Gefahr. Dreht sich um und schwimmt erbittert in die andere Richtung. Wriggende Männer holen ihn ein. Hund dreht wieder ab und flieht erneut. Menschen am Strand schlagen Hände vor Köpfe. Hundebesitzer inzwischen außer Sichtweite. Wriggende Männer versuchen, Hund ins Boot zu ziehen. Hund wehrt sich standhaft. Lässt dabei aber Flasche los. Da kann er plötzlich wieder schwimmen. Guckt sich um, peilt das Ufer an und macht sich zügig auf den Weg. Menschen am Strand klatschen Beifall. Wriggende Männer wriggen weg. Blaue Flasche immer noch im Fluss. Ausgangszustand quasi wiederhergestellt.


Flasche in Elbe

A.L. Kennedy im Hamburger Literaturhaus

Freitag, 21. September 2007

Vor zwölf oder dreizehn Jahren habe ich A.L. Kennedy schon einmal lesen hören, in einer Buchhandlung im Glasgower West End, die nur deshalb so gedrängt voll erschien, weil sie so klein war. Ingesamt waren vielleicht zwanzig Leute gekommen, um sie aus einem Buch lesen zu hören, das ihr erstes oder zweites gewesen sein muss. An Inhalte kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an den Eindruck, den sie damals auf mich machte: Obwohl nur fünf Jahre älter ist als ich, erschien sie in ihrem schwarzen Anzug und den streng zurückgekämmten Haaren sehr viel erwachsener, ernsthaft, unnachgiebig und fest davon überzeugt, sie habe der Welt etwas zu sagen. Nicht arrogant, sondern einfach selbstsicher und unbeirrt.
Inzwischen ist sie bekannt genug, um den Großen Saal des Hamburger Literaturhauses mühelos zu füllen. Für die Zusammensetzung des Publikums – viele ältere Lesezirkel-Damen, wenig jüngere Leute – ist vielleicht die Gediegenheit des Ortes, vielleicht auch die Höhe des Eintritts verantwortlich. A.L. Kennedy jedenfalls wirkte hier ganz anders: Selbstbewusst und meinungsfreudig immer noch, gleichzeitig aber offen, locker, selbstironisch und zuweilen irre komisch (nicht zufällig tritt sie in Glasgow manchmal als Stand-up-Comedian auf).
Außerdem ist sie eine gute Vorleserin, was man beileibe nicht von allen Schriftstellern behaupten kann. Ihre Lesung war nuancenreicher als die des Schauspielers Marco Albrecht, der die deutsche Übersetzung (von Ingo Herzke, ebenfalls anwesend) las. Seine Lesung kannte vor allem einen Tonfall: militärisch. Natürlich passte der irgendwie zum Buch, denn Kennedys neuer Roman Day handelt von einem RAF-Bomberpiloten namens Alfred Day, und Schlachtbeschreibungen finden sich einige, das Bombardement Hamburgs im Sommer 1943 ist nur eine davon. Vor allem aber geht es um die Ängste und Traumata, die diese Figur im Zweiten Weltkrieg davonträgt, und um die Frage, ob sie sich hinterher daran erinnern soll oder besser nicht.
Ein deutscher Autor hätte so etwas nicht schreiben können, ohne in den Verdacht der Kriegsverherrlichung zu geraten – immerhin handelt das Buch auch von Kameradschaft, Männerfreundschaft, Familienersatz beim Militär. Als Frau in diese Männerdomäne einzudringen, ist ein weiterer Tabubruch, obwohl es eine Binse ist, dass man keineswegs dabei gewesen sein muss, um etwas adäquat beschreiben zu können. Auch gilt A.L. Kennedy mittlerweile als Spezialistin für die Männerpsyche, genauer: die Auswüchse fehlgeleiteter Männlichkeit.
Ausführlich berichtete sie über die typisch britische Gemengelage, die für sie auch ein Anlass war, dieses Buch zu schreiben: die weit verbreitete Begeisterung für Kriegsfilme, speziell für „tunnel movies“, in denen sich englische Kriegsgefangene mit Hilfe von Löffeln aus dem Lager graben, plus die Sexyness alles dessen, was mit dem Kampf gegen die Nazis zu tun hat. Und nicht zuletzt lässt sich natürlich mit einem Buch über den Krieg ein Kommentar zu allen gerade stattfindenden Kriegen abgeben.
Am spannendsten finde ich aber immer, was Autoren über das Schreiben erzählen. Auf die Frage (die Moderation hatte Julika Griem), warum sie einen „Du-Erzähler“ gewählt habe (so etwas gibt es nicht; jeder Erzähler ist strenggenommen ein Ich-Erzähler, der sich nur manchmal dazu entschließt, nicht Ich zu sagen, sondern von jemand anders in der dritten oder, wie in diesem Fall, von sich selbst in der zweiten Person zu erzählen), antwortete A.L. Kennedy: Sie habe in diesem Buch alles getan, wovon sie ihren Schreibschülern abrate, nicht im Präsens erzählen, nicht in der Ich-Form erzählen usw. Die Zeitkonstruktion der Geschichte habe es erfordert, diese Regeln zu brechen – wozu sie ehrlicherweise noch hinzufügte, dass sie die Form nicht am Reißbrett entworfen, sondern erst beim Schreiben gefunden habe. Da haben wir es wieder: Kunst hat immer mit Regelbrüchen zu tun, und um die Regeln brechen zu können, muss man sie kennen.
A.L. Kennedy verfügt übrigens auch über eine beachtenswerte Internetpräsenz, auf der sie beweist, dass Schriftsteller sehr wohl ein Mittel haben, sich gegen Kritiker und Porträtisten zu wehren – einfach zurückkommentieren.
Und hier hat sie mal einen sehr schönen Text über Sylt veröffentlicht: Nackt auf der Insel.

© Fotos: Kevin Low, Jonathan Cape