Märkisch Buchholz, 4. September 1977
„Liebe Christa,
ich habe erst jetzt in meinen Wald das letzte Heft von SINN UND FORM geschickt bekommen, und Du sollst wissen, daß ich der Frau Auer ihre mir durch eine persönliche Widmung zugeeigneten Bücher mit einem entsprechenden Verweis zurückgesandt, und an die Redaktion folgendes Telegramm geschickt habe: Lese mit äußerster Empörung den infamen Anwurf von Frau Auer gegen Christa Wolf erwäge Austritt aus dem Redaktionsbeirat.
Ich muß sagen, daß es mir buchstäblich die Sprache verschlagen hat und noch verschlägt – das ist ja der Vorteil, den diese Skribenten haben: Gegen bestimmte Dinge kann man nicht anstinken. […]
Was soll man tun? Ich habe begonnen, etwas gegen diesen Anwurf zu schreiben, man erstickt in der Fülle und in diesem unglaublichen Gewöll von Dummheit, Frechheit, Arroganz, Infamie, Larmoyanz und pointierter Berechnung […].
Es ist schwierig, gegen eine Stalinistin schreiben zu wollen, ohne sie eine Stalinistin nennen zu dürfen, doch wenn das immerhin noch angehen mag, so ist es offenbar unmöglich, den Vorwurf, da schreibe jemand nicht vom Klassenstandpunkt des revolutionären Proletariats aus, durch die Frage zu paralysieren, was denn das sei? […] Jeder Dogmatiker identifiziert sich mit dem Sozialismus und dem revolutionären Weltproletariat, aber von dieser tödlichen Anmaßung einmal abgesehen: was ist denn das wirklich, wen deckt dieser Begriff? Was ist das Revolutionäre an dieser Gesellschaft? Die fröhliche Affirmation? […]
Oder sollen wir uns sagen: Laß uns unsre Arbeit machen und das tun, was diese Leute letzten Endes doch am meisten trifft: sie zu ignorieren, aber indem wir da sind und uns weigern, auf die einzugehen. Oder wir müßten etwas wie ‚Die Fackel’ haben; bislang hielt ich, in gewisser Weise, SINN UND FORM dafür. Sollte es sich dafür entscheiden, dem Aufstieg der Auers als Leiter zu dienen, müßte ich von dort weggehn. […]
Und wenn man uns Hochmütigkeit vorwirft, gut, seien wir hochmütig und lassen wir diese Köter bellen und gehen wir weiter. Wir haben ja etwas anderes zu tun als Karriere zu machen, und dafür ist immer die Stunde.“
Franz Fühmann an Christa Wolf
Hintergrund ist ein Aufsatz der Kritikerin Annemarie Auer mit dem Titel „Gegenerinnerung“ in Heft 4/1977 von Sinn und Form, in dem Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster einer vernichtenden Generalkritik unterzogen wird: Selbstmitleid, Wehleidigkeit, ein verwaschener politischer Standpunkt, Elitebewusstsein, Ich-Faszination, das Fehlen des sozialistischen Moments und des gesellschaftlich Relevanten sind nur einige der Vorwürfe. Über die Autorengeneration Wolfs schreibt Auer: „Denn sehe ich auf den wirklichen Lebenszuschnitt dieser nun mittleren Generation, so erblicke ich Karrieren ganz zur rechten Zeit, feine Wohnungen oder Häuser […]. Man reist, man empfängt Ehren, man läßt es sich an nichts fehlen.“
Im Juni 1990 schreibt Frank Schirrmacher in der FAZ: Christa Wolf hat wie viele andere Intellektuelle ihrer Generation ein familiäres, fast intimes Verhältnis zu ihrem Staat und seinen Institutionen aufgebaut. Wie für viele andere hatte dies vielleicht auch mit den in der Tat gewaltigen Privilegien zu tun, die das System der ihm ergebenen und nützlichen Intelligenz einräumte.“ – Gegenteiliger Vorwurf, gleiche Begründung. Da stimmt doch irgendwas nicht.