Archiv Dienstag, 11. September 2007

Superwörter

Dienstag, 11. September 2007

Superwörter sind Wörter, die etwas benennen, wofür man in jeder anderen Sprache mehr als ein Wort braucht. In ihrer Einmaligkeit geben sie Aufschluss über den Nationalcharakter des Volkes, in dessen Sprache sie vorkommen

Jeder kennt das Beispiel mit den Eskimos und ihren unzähligen Wörtern für Schnee – klar, ein Volk, das in ewig schneeiger Umgebung lebt, ist auf deren genauere Beschreibung angewiesen. Dass es im Japanischen diverse Wörter für unterschiedliche Arten der Verbeugung gibt, hätte man auch noch vermuten können, das entspricht dem Klischee der Japaner als höflichen Leuten. (Nicht so richtig dazu passt tsuji-giri, ein Wort aus Samurai-Zeiten, das bedeutet: „ein neues Schwert an einem zufällig Vorübergehenden ausprobieren“.) Aber wer hätte gedacht, dass es im Albanischen 27 Wörter für Schnurrbart gibt? Und noch einmal 27 für Augenbrauen? Albanien – das Land der variablen Gesichtsbehaarung, vom buschigen Macho-Schnauzer bis zur feingezupften Damenbraue.
Weitere Beispiele, die auf körperliche Besonderheiten schließen lassen, sind papakata (Maori der Cookinseln) – „jemand, bei dem ein Bein kürzer ist als das andere“, ngaobera (Pascuense, Osterinseln) – „eine leichte Halsentzündung, verursacht durch zu lautes Schreien“ und das russische anguschti za’id - „jemand mit sechs Fingern“.
Im brasilianischen Portugiesisch gibt es einen Begriff für die Gepflogenheit, eine lebendige Heuschrecke in einer Kiste mit frisch gefälschten Dokumenten einzuschließen und sie erst dann wieder freizulassen, wenn ihre Exkremente die Papiere überzeugend haben altern lassen (grilagem). Tingo in Pascuense bezeichnet die üble Praxis, so lange immer wieder Dinge aus dem Haushalt eines Freundes zu borgen, bis der nichts mehr übrig hat. Und das Indonesische kennt das Superwort desus; es benennt das sanfte Geräusch, das entsteht, wenn jemand leise vor sich hin furzt. Die Indonesier, ein Volk von Pupsern, wer hätte das gedacht.
Sehr schön ist auch das chinesische yuyin, das Wort für die Klangreste, die nach Verhallen eines Tons im Ohr des Zuhörers verbleiben – hier in Deutschland weiß man nicht mal, dass es so etwas überhaupt gibt.
A propos Deutschland. Deutsche Superwörter sind Zechpreller und Torschlusspanik. Was soll man dazu sagen.

[Quelle]