Missgeschicke in Orchestern

Orchesterkonzerte sind Echtzeit-Live-Veranstaltungen, da kann schon mal was schiefgehen, genau wie im Theater. Von falschen Tönen und verpassten Einsätzen wollen wir hier gar nicht reden, uns geht es um außermusikalische Dramatik im musikalischen Kontext. Das Folgende ist ein Sammelsurium aus Geschichten, die eines gemeinsam haben: Sie sind wirklich passiert.
Selbst erlebt allerdings ist nur die Geschichte vom Dirigenten, der auf dem musikalischen Höhepunkt des vierten Satzes von Dvoraks Sinfonie Aus der Neuen Welt von der Bühne kippte, weil er aus Versehen einen Schritt zu weit nach hinten trat. Das ist eigentlich gar nicht komisch, im Film wäre das reiner Slapstick, und der arme Kerl hätte sich sonstwas brechen können. Komisch war nur die Verblüffung der Musiker, die nach ein paar Takten äußerster Konzentration wieder von ihren Noten aufblickten – und weg war er, der Chef.
Noch jahrzehntelang werden die tragischen Unglücksfälle der Kammeroper Hannover Gegenstand begeisterter Erzählungen sein. Das war ein Muckenensemble, bestehend aus Mitgliedern des Opernchors, die auch mal Solo singen wollten, und Studenten der Musikhochschule, die jung genug waren, für wenig Geld anstrengende Reisen auf sich zu nehmen. Die Kammeroper tourte vorzugsweise in Kurorten und Seebädern und gab dort leichte Muse zum Besten, meistens Operetten wie Gräfin Mariza oder Wiener Blut. Sie war damals schlecht organisiert und schlecht geprobt, und unübertroffen ist das Bild des wütenden musikalischen Leiters, der sich nicht enthalten konnte, während der Aufführung beim Dirigieren mit hochrotem Kopf deutlich hörbar vor sich hin zu schimpfen: Studentenpack! Studentenpack!
Kein Wunder, dass es Vorstellungen gab, in denen das Publikum – wohlwollende Urlauber in fortgeschrittenem Alter ohne höhere Ansprüche – unruhig wurde und zu protestieren begann. Das ist ja unerhört! riefen die Zuhörer bei solchen Gelegenheiten dann etwa, oder: So schlecht haben wir das noch nie gehört, aufhören, aufhören! Legendär ist auch die Vorstellung auf einer Nordseeinsel, bei der die wichtigste Solistin das Schiff verpasst hatte und das Publikum sich vor die Wahl gestellt sah: Anderthalb Stunden auf das nächste Schiff warten oder Geld zurück. (Wer sich fürs Warten entschieden hatte, bereute das hinterher zutiefst.)
Oder, das ist jetzt doch wieder selbst erlebt, das Konzert des berühmten Berliner Ärzteorchesters, in dem der Solo-Gitarrist sein Gitarrenkonzert so vergeigt hatte (höhö), dass er glaubte, dem Publikum eine extralange Zugabe schuldig zu sein. Was er nicht wusste, und das Orchester auch nicht: Der Dirigent musste unmittelbar nach dem Konzert unbedingt einen Zug nach Prag erreichen, den letzten an dem Abend. Alle, Musiker wie Zuhörer, wunderten sich deshalb, dass der anschließende eigentliche Höhepunkt des Abends – seltsamerweise war das auch die Neue Welt, diese Sinfonie scheint das Unglück anzuziehen – ohne Wiederholungen und in einem Affentempo durchexerziert wurde. Wir wussten kaum, wie uns geschah, wir wussten nur: Wir spielen gerade die schnellste Neue Welt der Aufführungsgeschichte. (Das Tragische daran war, dass der Dirigent dann doch nicht nach Prag reisen konnte, weil er seinen Reisepass vergessen hatte.)
In all ihrer Dramatik am komischsten finden wir eine Geschichte, die sich im Orchester der Medizinischen Hochschule Hannover zutrug, einem Laienorchester, das seine Konzerte im größten Hörsaal der MHH zu spielen pflegte. Zehn Minuten vor Beginn, die Musiker waren auftrittsbereit hinter der Bühne versammelt, wurde da der Paukist ohnmächtig. Ob vor Aufregung oder weil er krank war, ist nicht bekannt, jedenfalls verdrehte er die Augen, taumelte und: klonk – da lag er und rührte sich nicht mehr. In blanker Panik stürzte einer der Geiger auf die Bühne und brüllte: Ist hier ein Arzt? Woraufhin der gesamte Hörsaal aufstand wie ein Mann und rief: Hier!

Mehr von solchen Geschichten gibt es im Blog der Orchestermusikerin.

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