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Montag, 10. September 2007
So geht das nicht weiter hier mit den Limericks. Sukzessive Veröffentlichung, Aufbau eines umfangreichen Archivs, der VHMLH – alles gut und schön, aber wer einen ernsthaften Beitrag zur Limerick-Forschung leisten will, kommt nicht umhin, sich auch theoretisch mit der poetischen Gattung Limerick zu befassen. Streng wissenschaftlich natürlich. Aus diesem Grund erfinden wir uns eine neue Kategorie: Theorie und Geschichte des Limericks.
Folge eins erinnert an ein Phänomen, das sich vor genau hundert Jahren, im September 1907, zutrug. Damals verfiel ganz Großbritannien dem Limerick-Fieber. Zeitungen und Magazine hatten entdeckt, dass sich mit Limerick-Wettbewerben Geld verdienen ließ, und die Leser dankten es ihnen, indem sie – ungeachtet sozialer Herkunft, Bildung und Beruf – reimten wie verrückt. Es gab Preisgelder, hohe Summen, aber wir unterstellen den Briten mal, dass sie das auch aus Spaßvergnügen taten. Im wilhelminischen Deutschland zur selben Zeit undenkbar.
Es ging nicht um das Erfinden ganzer Limericks, sondern immer darum, zu vier vorgegebenen Zeilen eine gute fünfte zu dichten. Im Wettbewerb der Lokalzeitung West Cumberland Times zum Beispiel war die Vorgabe:
A man in the island of Skye
Had a notion he knew how to fly
Some wings he contrived
From a steeple he dived…
Der fünfte Vers des Gewinners lautete: “Tempus fugit,” said he, “Why not I?”, der des Zweiten: And his wife added ‘P’ to ‘RI’.
Anderes Beispiel: Eine Zeitschrift namens London Opinion forderte ihre Leser auf, den folgenden Limerick zu vervollständigen:
There was a young lady of Ryde
Whose locks were consider’bly dyed.
The hue of her hair
Made everyone stare…
Der Gewinner dachte sich aus: “She’s piebald, she’ll die bald!” they cried.
Aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der „Great Limerick Craze“ schreibt der Independent (in einem Artikel, aus dem alles geklaut ist, was hier steht), eine Neuauflage des alten Limerick-Wettbewerbs aus. Vorgabe ist das letzte Beispiel, die „young lady of Ryde“. Einsendeschluss ist der 16. September, beteiligen kann sich jeder, die Bewertungskriterien sind streng subjektiv, Schweinisches ist verboten. Der Gewinn: eine Flasche Champagner.
8. September, Welttag der Alphabetisierung, International Literacy Day. Diese Welttage sind immer gut gemeint, vergehen aber meistens unbemerkt, und wenn man sie denn doch bemerkt, fühlt man sich von ihnen genervt. In Deutschland organisiert die UNESCO ein paar Veranstaltungen, die dann vielleicht in der Tagesschau kurz erwähnt werden. Nervig.
In der englischsprachigen Welt hingegen geht der heutige Welttag einher mit der öffentlichen Benennung privater Lieblingswörter. Zwar muss man um ein paar Ecken denken, um da einen Zusammenhang zu erkennen, aber egal. Hauptsache Spiel zum Mitmachen. In Großbritannien zum Beispiel wurden öffentlichkeitswirksam Autoren und Politiker nach ihren Lieblingswörtern befragt. Und auch jeder normale Bürger darf seinen Senf dazugeben.
In Deutschland gibt es sowas nicht, also führen wir es ein. Mit Begründung bitte. Und sowas wie „Liebe“ oder „Frieden“ gildet nicht.
mitnichten – weil es etwas transportiert, was eigentlich gar nicht geht: mehr Verneinung als ein schlichtes ‚nicht’
Pampelmuse – sehr schön unpassende Kombination von etwas Feinsinnig-Geistigem mit etwas, das nach Bauernhof oder Zirkus klingt
Knacks – perfekte lautmalerische Umsetzung des Gehalts
für Ulrike, die dieser Tage ganz allein unter vermutlich Dutzenden Schlossgespenstern in der riesigen Heidecksburg haust…
Zwei Möglichkeiten hat der Mensch als Reaktion auf den Umstand, dass die Welt leider doch nicht die beste aller möglichen ist – entweder er findet sich mit ihren Unzulänglichkeiten ab und richtet sich in ihr ein so gut es geht, oder er baut sich eine neue. Die zweite Alternative ist eindeutig die pfiffigere, sie ist fantasievoll, schöpferisch und originell und also der Beginn der Kunst.
Einen hervorragenden Ruf als Bastler neuer Welten haben sich bekanntlich die Bewohner der DDR erarbeitet. Zwei, denen in dieser Hinsicht noch einmal besondere Aufmerksamkeit gebührt, sind Manfred Kiedorf und Gerhard Bätz, Bühnenbildner der eine, Restaurator der andere. Befreundet seit ihrer Kindheit, erfinden sie sich im thüringischen Sonneberg Anfang der 50er Jahre im Alter von 15 und 17 Jahren zwei Königreiche, Dyonien und Pelarien geheißen. Aus Holz, Pappmaché, Metall, Watte und allem möglichen anderen kleben sie sich jeweils ein Schloss, diverse Nebengebäude, Herrscher und Untertanen, Pflanzen und Tiere zusammen. Jedes Reich erhält seine eigene Geschichte, Kultur, Sprache, Währung, Staatsform, Zeitrechnung, jede Figur eine eigene Biografie und eigene Marotten. Als Kiedorf und Bätz 1959 nach Berlin bzw. Weimar gehen, tauschen sie sich per Brief über ihre Königreiche aus. Das erinnert ein bisschen an die Geschwister Brontë, nur in 3D.
Das alles wäre noch nicht allzu erstaunlich, wenn Kiedorf und Bätz das Spiel nicht so lange durchgehalten hätten. Über 50 Jahre basteln die beiden inzwischen an ihrer Ersatzwelt, auch dass der eine in den 80er Jahren in den Westen ging, hat den regen Briefverkehr über neueste monarchische Entwicklungen nicht unterbrochen. Fertig wird das nie – aber ein Zwischenergebnis ist seit Sommer dieses Jahres in der Heidecksburg im thüringischen Rudolstadt zu besichtigen. Ein Besuch lässt sich zum Beispiel mit dem TFF verbinden, lohnt sich aber auch wegen der lieblichen Landschaft.
Weltflucht mit Museumsreife – nicht die schlechteste Art, ein Leben rumzubringen.
(Hier ein ausführlicher Artikel aus der Berliner Zeitung.)
„Liebe Christa,
ich habe erst jetzt in meinen Wald das letzte Heft von SINN UND FORM geschickt bekommen, und Du sollst wissen, daß ich der Frau Auer ihre mir durch eine persönliche Widmung zugeeigneten Bücher mit einem entsprechenden Verweis zurückgesandt, und an die Redaktion folgendes Telegramm geschickt habe: Lese mit äußerster Empörung den infamen Anwurf von Frau Auer gegen Christa Wolf erwäge Austritt aus dem Redaktionsbeirat.
Ich muß sagen, daß es mir buchstäblich die Sprache verschlagen hat und noch verschlägt – das ist ja der Vorteil, den diese Skribenten haben: Gegen bestimmte Dinge kann man nicht anstinken. […]
Was soll man tun? Ich habe begonnen, etwas gegen diesen Anwurf zu schreiben, man erstickt in der Fülle und in diesem unglaublichen Gewöll von Dummheit, Frechheit, Arroganz, Infamie, Larmoyanz und pointierter Berechnung […].
Es ist schwierig, gegen eine Stalinistin schreiben zu wollen, ohne sie eine Stalinistin nennen zu dürfen, doch wenn das immerhin noch angehen mag, so ist es offenbar unmöglich, den Vorwurf, da schreibe jemand nicht vom Klassenstandpunkt des revolutionären Proletariats aus, durch die Frage zu paralysieren, was denn das sei? […] Jeder Dogmatiker identifiziert sich mit dem Sozialismus und dem revolutionären Weltproletariat, aber von dieser tödlichen Anmaßung einmal abgesehen: was ist denn das wirklich, wen deckt dieser Begriff? Was ist das Revolutionäre an dieser Gesellschaft? Die fröhliche Affirmation? […]
Oder sollen wir uns sagen: Laß uns unsre Arbeit machen und das tun, was diese Leute letzten Endes doch am meisten trifft: sie zu ignorieren, aber indem wir da sind und uns weigern, auf die einzugehen. Oder wir müßten etwas wie ‚Die Fackel’ haben; bislang hielt ich, in gewisser Weise, SINN UND FORM dafür. Sollte es sich dafür entscheiden, dem Aufstieg der Auers als Leiter zu dienen, müßte ich von dort weggehn. […]
Und wenn man uns Hochmütigkeit vorwirft, gut, seien wir hochmütig und lassen wir diese Köter bellen und gehen wir weiter. Wir haben ja etwas anderes zu tun als Karriere zu machen, und dafür ist immer die Stunde.“
Franz Fühmann an Christa Wolf
Hintergrund ist ein Aufsatz der Kritikerin Annemarie Auer mit dem Titel „Gegenerinnerung“ in Heft 4/1977 von Sinn und Form, in dem Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster einer vernichtenden Generalkritik unterzogen wird: Selbstmitleid, Wehleidigkeit, ein verwaschener politischer Standpunkt, Elitebewusstsein, Ich-Faszination, das Fehlen des sozialistischen Moments und des gesellschaftlich Relevanten sind nur einige der Vorwürfe. Über die Autorengeneration Wolfs schreibt Auer: „Denn sehe ich auf den wirklichen Lebenszuschnitt dieser nun mittleren Generation, so erblicke ich Karrieren ganz zur rechten Zeit, feine Wohnungen oder Häuser […]. Man reist, man empfängt Ehren, man läßt es sich an nichts fehlen.“
Im Juni 1990 schreibt Frank Schirrmacher in der FAZ: Christa Wolf hat wie viele andere Intellektuelle ihrer Generation ein familiäres, fast intimes Verhältnis zu ihrem Staat und seinen Institutionen aufgebaut. Wie für viele andere hatte dies vielleicht auch mit den in der Tat gewaltigen Privilegien zu tun, die das System der ihm ergebenen und nützlichen Intelligenz einräumte.“ – Gegenteiliger Vorwurf, gleiche Begründung. Da stimmt doch irgendwas nicht.
There was a young man from Darjeeling
who got on a bus bound to Ealing.
It said at the door:
Don’t spit on the floor!
So he carefully spat on the ceiling.