Archiv Donnerstag, 11. Oktober 2007

Jane Somers

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Doris Lessing also, wer hätte das gedacht. Die hat vor kurzem in Hamburg gelesen – wenn wir geahnt hätten, dass sie demnächst Nobelpreisträgerin wird, dann wären wir unbedingt hingegangen. (Das ist gelogen.) Die Briten finden es natürlich toll.
Im Regal fünf ihrer Bücher, drei davon gelesen: The Golden Notebook (immer Schwierigkeiten mit der Zeitgebundenheit des 60er/70er-Jahre-Feminismus), The Fifth Child (sehr faszinierend und sehr unheimlich) und The Diaries of Jane Somers.
Letzteres war ein spannendes Experiment: Sie schrieb es 1984, als sie schon eine bekannte Autorin war, veröffentlichte es aber unter Pseudonym, eben als „Jane Somers“, um herauszufinden, ob es anders rezipiert wird als wenn Doris Lessing draufsteht. Ergebnis: Na klar. Ihre beiden britischen Verleger lehnten es rundweg ab, der französische kaufte es und, immerhin, rief danach bei ihr an, um zu fragen, ob sie Jane Somers beim Schreiben geholfen habe. Der amerikanische klagte, ohne Person hinter dem Buch, ohne Bilder, Fernsehauftritte, Interviews sei eine vernünftige Vermarktung nicht möglich.
Der Roman hatte im Buchhandel ein ‚shelf life’ von ein paar Monaten, nicht weniger als andere Debütromane, aber sehr viel weniger als Romane von Doris Lessing. In Amerika wurden 2800 Exemplare verkauft, in Großbritannien 1600. Alles ganz normal für einen Erstling, aber nicht für Doris Lessing. Weshalb sie ein bisschen über die Kommerzialisierung des Buchmarkts zuungunsten der Kunst trauerte und alsbald wieder als Doris Lessing veröffentlichte. Und über das Experiment schrieb: „I’m going to miss Jane Somers.“
Aber natürlich hätte Jane Somers nie den Nobelpreis bekommen.