Archiv Oktober 2007

In welcher englischen Stadt…

Dienstag, 9. Oktober 2007

… liegt Bahnsteig 9 3/4????????
Das wollte gestern jemand auf googelnde Weise von uns wissen, mit originalen acht Fragezeichen.
In London, Sie Nulpe!
Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass Sie damit 300.000 € gewinnen?

Nach über einem Jahr in Hamburg erst vor kurzem gelernt: Ob man sich im Hamburger Hauptbahnhof auf dem Bahnsteig neun, zehn oder neundreiviertel verabredet, das ist völlig egal. Man wird sich auf jeden Fall verfehlen, obwohl der Bahnhof durchaus mehr als acht Bahnsteige besitzt.

Alterserscheinung

Montag, 8. Oktober 2007

Aus der Rubrik things I don’t like about myself: Die saublöde Angewohnheit, Unternehmungen beim Nachhausekommen in einem jovial-munteren Sätzchen resümierend zu kommentieren: So, das war ja mal ein ausnehmend schöner Ausflug – Ach wie gut, dass wir doch noch gefahren sind, zwar hatte ich zuerst überhaupt keine Lust, aber es hat sich doch gelohnt – Das war wahrscheinlich der letzte Sonnentag in diesem Jahr, gut, dass wir den noch mal so richtig ausgenutzt haben.
Zum Abgewöhnen.


Aber es war wahrscheinlich der letzte Sonnentag in diesem Jahr.

Letzte Grüße

Samstag, 6. Oktober 2007

Was die Elterngeneration empfiehlt, das genau machen wir gerade nicht – blöd, aber so sind wir. Aus diesem Grund begann die Geschichte unserer Kempowski-Rezeption erst Anfang dieses Jahres. Nicht mit Tadellöser & Wolff oder Uns geht’s ja noch gold, beides jahrelang beharrlich gemieden, sondern mit den Tagebüchern und dem letzten Band Echolot; letzteren mit größter Bewunderung. In den Tagebüchern inszeniert sich Walter Kempowski in einer Mischung aus Eitelkeit und Selbstironie, die uns gut gefällt. Er jammert darin ziemlich viel über die Literaturwissenschaft, die ihn missachtet, die Literaturkritik, die ihn ausschließlich als Unterhaltungsschriftsteller wahrnimmt, und die Leser, die nicht genügend seiner Bücher kaufen (oder wenn, dann nur die Taschenbuchausgaben, an denen er weniger verdient), immer dieselben Fragen stellen, die Bücher nicht wirklich gelesen haben und so weiter.
Weil wir den Eindruck hatten, dem sind seine Leser nicht egal, aus Scham, diese Literatur aus niederen Beweggründen bislang links liegen gelassen zu haben, und weil seine Krankheit schon bekannt war, schrieben wir ihm, ganz entgegen sonstigen Gepflogenheiten, einen Leserinnenbrief, u.a. mit dieser Besprechung und guten Wünschen. Das war im April, bevor das deutsche Feuilleton das Subgenre Reportage über Abschiedsbesuch bei Walter Kempowski erfand.













wirkmächtig ist das Wort, das man schwer entziffern kann

Andere haben da viel unmittelbarere Erfahrungen, zum Beispiel Frau Sopran.

Ich war dabei, sprach die Farbe

Freitag, 5. Oktober 2007

Aus der Reihe Horte der Inbrunst und des Überflusses. Heute: Die Kunststätte Bossard. Bossard, das ist das Künstlerpaar Jutta und Johann Michael Bossard, das 1911 ein Grundstück bei Jesteburg in der Nordheide kaufte, 40 Kilometer südlich von Hamburg. Darauf bauten sich die Bossards ihr Traumhaus – eine backsteinerne Materialisierung des Konzepts „Wohnen im Gesamtkunstwerk“. Der Wunsch nach Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben ist eigentlich nie ganz unangemessen, war aber zur Zeit der Lebensreformbewegung besonders hip; andere Beispiele sind die Mathildenhöhe in Darmstadt oder die Künstlerkolonie Worpswede.
Das Modell der Bossards besteht aus einem Wohn- und Atelierhaus, dem Kunsttempel und einem großen Garten.


Links vorne Kunsttempel, Wohnhaus dahinter, Garten drumrum.

Der Kunsttempel, ein außergewöhnliches Exemplar expressionistischer Backsteinarchitektur, wurde ausdrücklich erbaut als Stätte der Andacht für durchreisende Wanderer. In den Worten Johann Bossards: „Den Heidewanderern, den sehnsüchtigen jungen Menschen der Großstadt, soll zum Naturgenuß der weiten Ebene und des hohen Himmels des Niederdeutschen Landes der Atem Gottes, wie er am reinsten und doch menschennahesten aus dem grossen, einheitlichen Kunstwerk quillt, eine schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr errichtet werden.“
Das mit der inneren Einkehr ist so eine Sache, denn das Ehepaar Bossard hat sich alle Mühe gegeben, jede freie Stelle zu bemalen, sogar die Fensterscheiben. Das lenkt ab und beeinträchtigt die Inbrunst der Andacht ganz erheblich.


Fensterscheibe, zum Durchgucken ungeeignet. Dafür guckt sie aber zurück.

Die Wände des Kunsttempels sind mit riesigen figürlichen Tableaus bedeckt, die sich thematisch mit dem Lebenskreislauf, den Gegensätzen von Werden und Vergehen und dem menschlichen Handeln und Wandeln beschäftigen.
Auch das Wohnhaus ist gestaltet bis zum unbedeutendsten Gebrauchsgegenstand: Zimmer, Möbelstücke, Türklinken, Teppiche, Fliesen, Geschirr – alles nach Entwürfen der Bossards.


Eingangsportal Wohnhaus. Nicht einfach nur eine Tür.

Die Wohn- und Arbeitsräume tragen Namen wie Gelbes Zimmer, Gondelchen, Erossaal, Edda-Saal oder Urgebraus und sind ebenso ganzkörperbemalt wie der Kunsttempel. Weil Johann Bossard im Alter zunehmend lichtempfindlich wurde, verwendete er bevorzugt dunkle Blau- und Rottöne, so dass das Ganze eine düstere Atmosphäre des Übervollen atmet. Im diffusen Licht wirken die Zimmer ein bisschen beklemmend und nicht gerade freundlich, freundlich formuliert.
Schließlich der Garten. Gärten lassen sich zwar nicht bemalen, aber man kann sie sehr schön mit Skulpturen vollstellen.


Skulpturen im Garten, schön ordentlich in einer Reihe.

Von der Größe her ist es eher ein Park, und auch die Natur ist sorgfältig gestaltet. Unter Vermeidung von Geraden und Blickachsen wechseln sich Kunst- und Nutzeinheiten ab, es gibt ausladende Rasenflächen, einen Teich und verschiedene Gartenlandschaften. Im unbedingten Willen zur Gestaltung bilden Draußen und Drinnen unverkennbar ein Ensemble, und wer weiß, vielleicht ist die Schummerigkeit des Hauses mit so einem Park drum herum ganz gut zu ertragen.
Johann Bossard, von dem auch das Ziffernblatt am Hamburger Börsenturm und der Figurenschmuck am Völkerkundemuseum stammen, starb 1950, Jutta Bossard 1996. Heute wird das Museum von der Stiftung Kunststätte Bossard betrieben. Ein Ort, an dem uns der Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts anweht – auch wenn der eigene Plan vom bewohnbaren Gesamtkunstwerk womöglich anders aussieht.

Musical Chair

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Heute vor fünfundzwanzig Jahren starb Glenn Gould, der in seinem Leben mehr gespielt hat als nur Bach. Bach aber am nachdrücklichsten, deshalb heute drei Gedenkminuten mit dem Anfang der Partita Nr. 2 c-moll BWV 826. Die Aufnahme stammt aus einem Dokumentarfilm; der Dreh fand nicht im Studio statt, sondern beim Pianisten zu Hause. Weshalb er sich nicht zurückhalten muss mit dem Mitsingen und zwischendurch auch mal aufspringen und aus dem Fenster gucken kann. Glenn Gould ist berühmt für die seltsame Haltung, in der er vorm Klavier hockt. Worauf er da hockt, das ist der einzige Klavierhocker der Welt mit eigener Website.

Limerick (29)

Dienstag, 2. Oktober 2007

There was an old lady from Hyde
who ate rotten apples and died.
The apples fermented
inside the lamented –
made cider inside her inside.