Archiv November 2007

Onkel Arnold kam über die Felder

Freitag, 30. November 2007

Familienbande: Der Vermieter, der Bruder, der Onkel. Der Vermieter lässt das Haus sanieren, von lokalen Fachbetrieben mit christlichem Hintergrund. Gelegentlich legt er, zusammen mit seiner Frau und einigen ununterscheidbaren Söhnen, selbst Hand an, vorzugsweise an Samstagen. Nur gut, dass es jetzt immer später hell wird.
Der Bruder wohnt unten im Haus in zwei kleinen Zimmern, der Rest ist Baustelle. Auch er ist schon im Rentenalter und galt als harmlos, bis er eines Nachts vergaß, die Herdplatte abzuschalten. Seitdem wird er von uns vorsätzlich misstrauisch beäugt, wann immer wir ihn treffen: Mach das bloß nicht noch einmal.
Der Onkel ist zweiundneunzig Jahre alt, Jahrgang 1915. Er war uns schon namentlich bekannt, bevor wir ihm gestern persönlich begegneten, denn zweimal schon war die Polizei hier gewesen, auf der Suche nach ihm: Onkel Arnold. Onkel Arnold hatte als Kind in diesem Haus gewohnt, und weil sein Langzeitgedächtnis besser funktioniert als sein Kurzzeitgedächtnis, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er sich hierher flüchtet, wenn er merkt, er hat sich verlaufen. Gestern war es nun soweit. Der Tischler war mit den Fenstern beschäftigt, wir waren zum Mittagessen außer Haus, und als wir zurückkamen, saß in der Küche Onkel Arnold. Er sei einfach hereinspaziert, sagte der Tischler, er habe nicht recht gewusst, was er mit ihm machen solle.
Onkel Arnold, in Gummistiefeln, Drillichjacke und mit Arbeitsmütze auf dem Kopf, lächelte freundlich und stellte fest, dass das Küchengestühl doch ziemlich hart sei. Auf Platt übrigens, das wir zwar nicht sprechen, aber halbwegs verstehen. Höflich bat er um Erlaubnis, sich in der Wohnung umsehen zu dürfen und entdeckte im Wohnzimmer sogleich den bequemen Sessel mit dem Hocker für die Füße. Dort ließ er sich nieder, nachdem er ordentlich seine Gummistiefel ausgezogen hatte. Er akzeptierte ein Glas Saft, das wir ihm unverzeihlicherweise zu kalt servierten, wechselte, einem Pläuschchen nicht abgeneigt, ins Hochdeutsche und erzählte aus seinem Leben. Nicht einfach so, sondern um uns wissen zu lassen, wer er sei und dass er niemandem etwas zuleide tue. „Nun wissen Sie, wer ich bin, und dass ich niemandem etwas zuleide tue“, wiederholte er beharrlich auch dann noch, als wir schon fünfmal beteuert hatten, wir hätten ohnehin nicht geglaubt, er würde jemandem etwas zuleide tun.
Entspannt in dem bequemen Sessel sitzend, die Füße auf dem Hocker, erzählte Onkel Arnold von Russland, wo er in Gefangenschaft war „mit diesen Gummistiefeln und mit dieser Jacke“ – was wir nicht recht glauben konnten. Von seiner Konfirmation im Jahre 1928 bei Pastor Rotfuchs, kennen Sie den? Von seinen unzähligen Kindern und Kindeskindern, die beim besten Willen nicht auseinander zu halten waren, aber das mag an uns gelegen haben. Zwischendurch fragte er immer mal wieder nach unserem Namen. „Schöner Name“, kommentierte er beim ersten Mal, „kommt mir irgendwie bekannt vor“ alle weiteren Male. Im Übrigen rechne er damit, dass es nur noch zweieinhalb Stunden dauere, bis seine Tochter von der Arbeit zurück sei und ihn abholen könne.
Einmal fragte Onkel Arnold: „Und was machen Sie hier?“ Das war das einzige Mal, wo wir ernsthaft in Gefahr gerieten, uns vor Onkel Arnold mit einem Lachanfall zu blamieren, denn wir mussten sofort an Loriot denken, Pappa ante Portas, wo der unfreiwillige Pensionär ziel- und beschäftigungslos durch das Haus geistert, seine Frau zu Tode ängstigt – Evelyn Hamann, Gott hab sie selig, ruft in höchster Entrüstung aus: “Mein Gott, hast du mich erschreckt!” – und seine ungewohnte Anwesenheit begründet mit dem Satz: „Ich wohne hier.“ Ich wohne hier – das kam Onkel Arnold dann doch auch ein bisschen komisch vor, jedenfalls brach er in verblüfftes Kichern aus. Wofür er sich aber sofort entschuldigte.
Es dauerte dann keine halbe Stunde, bis einer seiner Söhne klingelte, um ihn im Auto nach Hause zu fahren. Onkel Arnold wechselte wieder ins Plattdeutsche, nippte höflich einmal am zu kalten Saft und erhob sich bedauernd aus dem bequemen Sessel. Leider konnte man ihn nicht davon abhalten, einen seiner Gummistiefel vor dem Anziehen auf die Dielen zu entleeren. Da war ein ganzer Sandkasten drin, denn Onkel Arnold war über die Felder gekommen.
Denn man tau, Onkel Arnold. Bis zum nächsten Mal.

Altes gälisches Sprichwort

Mittwoch, 28. November 2007

Wo immer du hingehst…

Montag, 26. November 2007

…da bist du dann eben.
Es ist kalt, es dämmert, die wilden Tiere versammeln sich an den Straßenrändern, um in der Nacht tollkühne Mutproben auf Landstraßen zu verüben. Das Leben ist eine Baustelle, das Skelett eines niedersächsischen Fachwerkhauses besteht aus Backsteinen, Holz, Lehm und Stroh. Mit Stroh baut heutzutage kein Mensch mehr, und der Anblick, wie es aus den durchbrochenen Fußböden herausguckt, hat etwas verblüffend Anachronistisches. Wir mögen in postmodernen Zeiten leben, aber das Gemäuer um uns herum ist allenfalls vormodern. Durch die neuen Fenster sind natürlich ganz andere Dinge zu sehen als durch die alten.
Wir befinden uns in der vierten Woche, im zweiten Akt sozusagen.

Zu Woodstock war’s und in des Towers Nacht,
Wo dich der gnäd’ge Vater dieses Landes
Zur ersten Pflicht durch Trübsal auferzog,
Dort suchte dich der Schmeichler nicht. Früh lernte,
Vom eitlen Weltgeräusche nicht zerstreut,
Dein Geist sich sammeln, denkend in sich gehen
Und dieses Lebens wahre Güter schätzen.

Zu Woodstock also, wer hätte das gedacht. Was dieses Lebens wahre Güter sind, das wissen wir allerdings nicht. Wer sich dennoch vom eitlen Weltgeräusch eines funktionierenden Unternehmens zerstreuen lässt, vom Laster schwerer Arbeit und von der Trunkenheit der guten Bezahlung, der wird womöglich feststellen, dass der Wahrheit ernste Stimme sich nur dann zu sprechen anschickt, wenn die Bauarbeiter aus dem Haus sind – in der Ruhe des Wochenendes. Der Sonntag ist komplett arbeitsfrei in dieser frommen Gegend, man besucht den Gottesdienst und macht einen Spaziergang. Sogar das Internetz schalten sie hier am Wochenende ab, allerdings aus Gründen der Stromersparnis. Der Schmeichler mag uns jetzt suchen, aber finden wird er uns nicht. Alas.

Soldaten, Wild

Montag, 19. November 2007

Die Heide ist ja nicht nur Heide, sondern auch eines der am dünnsten besiedelten Gebiete in ganz Deutschland und darum ideal für das Militär. Hier gibt es den einen oder anderen Trübpl, Truppenübungsplatz, die Bundeswehr hat einen, die NATO hat einen, und es kann passieren, dass man mitten auf der Landstraße von einem grimmigen Olivgrünen gestoppt wird, den Motor ausstellen muss und eine Viertelstunde lang zugucken darf, wie eine ganze Karawane gepanzerter Militärfahrzeuge die Straße überquert. Wildwechsel. Nee, eher Krötenwanderung, zur falschen Jahreszeit allerdings.
Vor den Geschäften stehen derzeit Soldaten in hübsch gemusterter Tarnkleidung und bitten zackig um eine Spende, „für den Frieden auf dieser Welt“. (Das erinnert uns an diesen Film, von dem wir nie wissen, wie er auf Deutsch heißt, weil wir ihn mal im Urlaub auf Französisch gesehen haben, Le Jour de la Marmotte. Worauf trinken wir? Auf den Weltfrieden.) Unseren gehegten Lissabonner Einkaufseuro kriegt ihr jedenfalls nicht, da könnt ihr noch so zackig bitten.
Apropos Wildwechsel. So richtig einheimisch darf sich hier erst nennen, wer eine selbst erlebte Geschichte von einem Unfall mit Wild erzählen kann. Eine Kollegin aus der Fabrik zum Beispiel kollidierte neulich mit einer wilden Sau und verdiente sich dadurch einen kompletten neuen Kotflügel für ihr Auto. (Wer zaghaft nach dem Schicksal des bedauernswerten Tieres fragt, outet sich hingegen als so was von überhaupt nicht einheimisch, der kann eigentlich auch gleich polnisch reden.) Die Geschichte einer anderen Kollegin wurde uns inzwischen schon dreimal erzählt, sie ist äußerst dramatisch. Der Satz „und dann musste sie aus dem Auto geschnitten werden“ spielt darin eine entscheidende Rolle.
Fehlt noch die Synthese: Schade, dass wir nicht im Panzer umherfahren, dem könnte selbst das fetteste Wildschwein nichts anhaben.

Flicht ist flicht

Freitag, 16. November 2007

Belehrung über Lästlinge

Mittwoch, 14. November 2007

(1) Kopfläuse sind Parasiten des Menschen, haben aber als potentielle Überträger von Krankheitserregern in unseren Breiten keine Bedeutung. Deshalb sind sie nicht im Katalog der Infektionskrankheiten aufgeführt, sondern im fortlaufenden Text abgesetzt als Lästlinge genannt.
(2) Die Übertragung der Lästlinge erfolgt von Mensch zu Mensch durch Überwandern der Parasiten von einem Kopf auf den anderen.
(3) Die Übertragung erfolgt ebenfalls über verlauste, nebeneinander hängende Kopfbedeckungen oder über gemeinsam benutzte Kopfunterlagen, Decken, Kämme, Haarbürsten, Spieltiere und dergleichen.
(4) Zur Behandlung der Lästlinge stehen mehrere Präparate zur Verfügung. Besonders wichtig ist die sorgfältige Anwendung. Werden nämlich Nissen nicht ebenfalls abgetötet oder ausreichend beseitigt, schlüpfen nach acht Tagen Lästlinge der nächsten Generation.
(5) Die Aushungerung der Lästlinge und der später noch schlüpfenden Larven kann man erreichen, indem man die Oberbekleidung ggf. auch Stofftiere u.ä. in einen gut verschließbaren Plastikbeutel steckt und darin 4 Wochen aufbewahrt.
(6) Bei Läusebefall soll das Kopfhaar von allen Familienmitgliedern und sonstigen Kontaktpersonen kontrolliert und ggf. behandelt werden.
(7) Sie dürfen Ihrer Tätigkeit nicht nachgehen, wenn bei Ihnen selbst Kopflausbefall festgestellt wird. In diesem Fall sind Sie nämlich selbst ein Lästling. Bäh.

Martini

Montag, 12. November 2007

Frömmigkeit wird hierzulande weithin sichtbar kundgetan, über jeder zweiten Haustür steht so ein Spruch. Das ist so normal, dass man uns komisch anguckt, wenn wir das fotografieren. Da wir aber zumindest als halbe Touristen gelten, dürfen wir das.
Hier gibt es auch kein Halloween, pah, hier gibt es noch echtes St.-Martins-Singen. Das funktioniert, anders als anderswo, keineswegs nach dem Gierigkeits-Prinzip, sondern nach einem ausgeklügelten System, das Unkundigen bereitwillig dargelegt wird: Die zahlreichen Gemeinden haben sämtliche Straßen des Ortes gerecht unter sich aufgeteilt, so dass man nicht in die Verlegenheit kommt, mehr als einmal behelligt zu werden. Diese Regelung wurde speziell im Hinblick auf die älteren Mitbürger ersonnen, die sich somit an dem betreffenden Abend nicht zehnmal aus ihren Sesseln stemmen und zur Tür schlurfen müssen.
Außerdem singt man keinesfalls Matten matten meeren und auch nicht Sankt Maaatin Sankt Maaatin, sondern etwas anderes, Komplizierteres. Davon aber drei Strophen, auswendig. Da kann man schon mal großzügig sein mit der Schokolade.

Mein gutes Volk liebt mich zu sehr. Unmäßig,
abgöttisch sind die Zeichen seiner Freude,
So ehrt man einen Gott, nicht einen Menschen.

Das bepaddelbare Flüsschen ist inzwischen über die Ufer getreten, so viel regnet es hier. Die Enten freut’s, die Anwohner weniger. Die zweite Woche bricht an. Dreißig mal vier sind hundertzwanzig.