Onkel Arnold kam über die Felder

Familienbande: Der Vermieter, der Bruder, der Onkel. Der Vermieter lässt das Haus sanieren, von lokalen Fachbetrieben mit christlichem Hintergrund. Gelegentlich legt er, zusammen mit seiner Frau und einigen ununterscheidbaren Söhnen, selbst Hand an, vorzugsweise an Samstagen. Nur gut, dass es jetzt immer später hell wird.
Der Bruder wohnt unten im Haus in zwei kleinen Zimmern, der Rest ist Baustelle. Auch er ist schon im Rentenalter und galt als harmlos, bis er eines Nachts vergaß, die Herdplatte abzuschalten. Seitdem wird er von uns vorsätzlich misstrauisch beäugt, wann immer wir ihn treffen: Mach das bloß nicht noch einmal.
Der Onkel ist zweiundneunzig Jahre alt, Jahrgang 1915. Er war uns schon namentlich bekannt, bevor wir ihm gestern persönlich begegneten, denn zweimal schon war die Polizei hier gewesen, auf der Suche nach ihm: Onkel Arnold. Onkel Arnold hatte als Kind in diesem Haus gewohnt, und weil sein Langzeitgedächtnis besser funktioniert als sein Kurzzeitgedächtnis, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er sich hierher flüchtet, wenn er merkt, er hat sich verlaufen. Gestern war es nun soweit. Der Tischler war mit den Fenstern beschäftigt, wir waren zum Mittagessen außer Haus, und als wir zurückkamen, saß in der Küche Onkel Arnold. Er sei einfach hereinspaziert, sagte der Tischler, er habe nicht recht gewusst, was er mit ihm machen solle.
Onkel Arnold, in Gummistiefeln, Drillichjacke und mit Arbeitsmütze auf dem Kopf, lächelte freundlich und stellte fest, dass das Küchengestühl doch ziemlich hart sei. Auf Platt übrigens, das wir zwar nicht sprechen, aber halbwegs verstehen. Höflich bat er um Erlaubnis, sich in der Wohnung umsehen zu dürfen und entdeckte im Wohnzimmer sogleich den bequemen Sessel mit dem Hocker für die Füße. Dort ließ er sich nieder, nachdem er ordentlich seine Gummistiefel ausgezogen hatte. Er akzeptierte ein Glas Saft, das wir ihm unverzeihlicherweise zu kalt servierten, wechselte, einem Pläuschchen nicht abgeneigt, ins Hochdeutsche und erzählte aus seinem Leben. Nicht einfach so, sondern um uns wissen zu lassen, wer er sei und dass er niemandem etwas zuleide tue. „Nun wissen Sie, wer ich bin, und dass ich niemandem etwas zuleide tue“, wiederholte er beharrlich auch dann noch, als wir schon fünfmal beteuert hatten, wir hätten ohnehin nicht geglaubt, er würde jemandem etwas zuleide tun.
Entspannt in dem bequemen Sessel sitzend, die Füße auf dem Hocker, erzählte Onkel Arnold von Russland, wo er in Gefangenschaft war „mit diesen Gummistiefeln und mit dieser Jacke“ – was wir nicht recht glauben konnten. Von seiner Konfirmation im Jahre 1928 bei Pastor Rotfuchs, kennen Sie den? Von seinen unzähligen Kindern und Kindeskindern, die beim besten Willen nicht auseinander zu halten waren, aber das mag an uns gelegen haben. Zwischendurch fragte er immer mal wieder nach unserem Namen. „Schöner Name“, kommentierte er beim ersten Mal, „kommt mir irgendwie bekannt vor“ alle weiteren Male. Im Übrigen rechne er damit, dass es nur noch zweieinhalb Stunden dauere, bis seine Tochter von der Arbeit zurück sei und ihn abholen könne.
Einmal fragte Onkel Arnold: „Und was machen Sie hier?“ Das war das einzige Mal, wo wir ernsthaft in Gefahr gerieten, uns vor Onkel Arnold mit einem Lachanfall zu blamieren, denn wir mussten sofort an Loriot denken, Pappa ante Portas, wo der unfreiwillige Pensionär ziel- und beschäftigungslos durch das Haus geistert, seine Frau zu Tode ängstigt – Evelyn Hamann, Gott hab sie selig, ruft in höchster Entrüstung aus: “Mein Gott, hast du mich erschreckt!” – und seine ungewohnte Anwesenheit begründet mit dem Satz: „Ich wohne hier.“ Ich wohne hier – das kam Onkel Arnold dann doch auch ein bisschen komisch vor, jedenfalls brach er in verblüfftes Kichern aus. Wofür er sich aber sofort entschuldigte.
Es dauerte dann keine halbe Stunde, bis einer seiner Söhne klingelte, um ihn im Auto nach Hause zu fahren. Onkel Arnold wechselte wieder ins Plattdeutsche, nippte höflich einmal am zu kalten Saft und erhob sich bedauernd aus dem bequemen Sessel. Leider konnte man ihn nicht davon abhalten, einen seiner Gummistiefel vor dem Anziehen auf die Dielen zu entleeren. Da war ein ganzer Sandkasten drin, denn Onkel Arnold war über die Felder gekommen.
Denn man tau, Onkel Arnold. Bis zum nächsten Mal.


  1. Von wegen auf dem Lande könne man nichts erleben…
    Abenteuer um Abenteuer.
    Gruß aus der Großstadt: Hier nix los.

    Freitag, 30. November 2007, 23:54 Uhr von andele

  2. Großstadt, pah.

    Montag, 3. Dezember 2007, 17:21 Uhr von Nic

  3. behauptet jedenfalls, eine zu sein

    Dienstag, 4. Dezember 2007, 7:17 Uhr von andele

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