Archiv November 2007

Gottvertrauen

Donnerstag, 8. November 2007

Auch wenn man hier Gott mehr vertraut als den Menschen, man sagt doch nicht Grüß Gott, wenn man den Supermarkt betritt. Man sagt Guten Tag und wird in der Kassenschlange prompt gefragt, ob man Rückkehrerin oder Neubürgerin sei. Nach dem Studium zurückgekehrt, um die Arbeitskraft dem Heimatort zu widmen, ein Haus zu bauen und die Annehmlichkeiten des Wohlbekannten zu genießen? Nein, das nun doch nicht. Wir sind abgeordnet worden, sagen wir förmlich, in der Manier der Feuerwehr. Tatütata. Das war die falsche Antwort, denn sie passt nicht recht ins viereckige Schema Alteingesessene – Rückkehrer – Neubürger – Touristen. Fürderhin gelten wir als eine Art Arbeitstouristin und damit als Paradoxon.

Da kommt sie selbst! Den Christus in der Hand,
Die Hoffart und die Weltlust in dem Herzen.

So eingeführt, widmen wir uns vertrauensvoll unserer Aufgabe. Zum Arbeitsgerät gehören nicht nur Feder und Papier, sondern auch eine Peitsche und ein rotes Notizbuch. Es geht um Geltung, um Autorität qua Rang, das ist mal was ganz Neues.

Mäßigung! Ich habe
Ertragen, was ein Mensch ertragen kann.
Fahr hin, lammherzige Gelassenheit,
Zum Himmel fliehe, leidende Geduld,
Spreng endlich deine Bande, tritt hervor
aus deiner Höhle, langverhaltner Groll –

Das ist natürlich maßlos übertrieben, von Groll kann keine Rede sein. Höchstens von schrillem Getöse, Unbilligkeit gegenüber denen mit den leisen Stimmen und der Notwendigkeit disziplinierten Zusammenarbeitens. Mein Gott, das klingt wie… früher.
Durch den Ort fließt ein bepaddelbares Flüsschen, auf dem im Moment allerdings niemand paddelt. Zu kalt. Im Sommer stehen auf den Brücken Kinder mit Wassereimern, die sie auf die Durchreisenden entleeren. Im Moment hingegen entleert sich bloß der Himmel auf die Arbeitstouristen. Typisch Hamburg, würden wir sagen, wären wir in Hamburg. Sind wir aber nicht.

Wanderlust

Freitag, 2. November 2007

Draußen schlurft die Doppelgängerin von Patricia Highsmith vorbei, Kinder kommen mit ernsten Mienen von ihrer täglichen Arbeit im Kindergarten zurück, die nölende Nachbarin ist im Urlaub. Jugendliche rauchen emsig auf dem Spielplatz. Alles ruhig äußerlich, alles wohlgeordnet. Mit den letzten Blättern allerdings müssen Entscheidungen fallen, so will es die Behörde.
Also packen wir unseren Rucksack und ziehen für drei Monate in die niedersächsische Provinz, weil dort eine Fabrik steht, in der wir arbeiten gehen können. Tapfer tauschen wir Elbe, Hafen, Jungfernstieg gegen Rübenfelder, Dorfkinder und Orte mit Namen wie Bollersen oder Backebergs Mühle. Statt mit Webzwonull befassen wir uns mit Texten wie diesem:


Glaub mir, nicht umsonst
Ist meines Kerkers Tor geöffnet worden.
Die kleine Gunst ist mir des größern Glücks
Verkünderin. Ich irre nicht.

Da sind wir allerdings nicht so sicher.
Wenn jemand fragt, warum müssen wir sowas lesen, dann sagen wir: Weil das Gesetz es so vorschreibt. Endlich mal klare Antworten in diesem Leben.
Das Village of Os werden wir nicht vermissen, höchstens ein paar einzelne Leute darin, zum Beispiel die Doppelgängerin von Patricia Highsmith. Wir werden den Untertitel des Blogs ändern müssen in News from the cultural backwater oder Things you always wanted to know about rural Lower Saxony. Wenn hier länger als zwei Wochen nichts mehr kommt, dann schreiben Sie bitte erquickliche E-Mails. Wenn nur noch Limericks erscheinen, kommentieren Sie bitte ausgiebig und recht lustig. Im besten Fall werden Sie etwas erfahren über die Freizeitgestaltung in einem Ort, von dem aus man mit dem Fahrrad eine Stunde bis zum nächsten Bahnhof braucht. Wo andere Leute Urlaub machen, da lasst mich arbeiten.
Der Blick aus dem Fenster dort sieht so aus:


Die Laterne verlischt pünktlich um Mitternacht, und falls man nicht zufällig eine Taschenlampe bei sich trägt, sieht man auf der Straße nichts mehr. Gar nichts.