Mit Onkel Arnold schimpft man nicht

Die Geschichte von Onkel Arnold ist, wie es scheint, eine mit Fortsetzungen. In der letzten Woche erschienen Mitglieder seiner umfangreichen Familie im Dutzend – alle auf der Suche nach ihm. Dann kamen wir auf die Idee, uns die Telefonnummern der engsten Verwandten zu besorgen, um schnell Bescheid sagen zu können, wenn er auftaucht. Als die stattliche Liste einen halben Tag lang am Flurspiegel gehangen hatte, klingelte es abends um sechs und draußen stand Onkel Arnold.
Er sah etwas verfroren aus und ein bisschen weiß um die Nase, grüßte aber freundlich wie stets und begründete seinen Besuch damit, dass er mal nach dem Fortschritt der Bauarbeiten habe schauen wollen. Also baten wir ihn herein, zeigten ihm den Fortschritt der Bauarbeiten, für den er uns, obwohl mitnichten unser Verdienst, höchstes Lob zollte, und schlugen vor, er könne sich etwas aufwärmen. Zielsicher steuerte er auf den Sessel zu, in dem er schon einmal bequem gesessen hatte, und verlangte nach einem Glas Saft: „Wenn Sie wohl ein bisschen Most für mich hätten…“ Hatten wir, diesmal auch in der richtigen Temperatur. Während Onkel Arnold am Most nippte, telefonierten wir die Liste durch, bis wir jemanden erreichten, der ihn abholen konnte. Dann ging es wieder darum, ihn bei Laune zu halten und seine Gummistiefel im Blick.
Onkel Arnold war an diesem Abend melancholisch aufgelegt, vielleicht war es auch die Erleichterung, nicht mehr draußen in der Kälte herumstapfen zu müssen, jedenfalls erzählte er von Russland und dass seine Frau sieben Jahre auf ihn gewartet habe und wie dankbar er ihr dafür sei. Und wie dankbar er uns sei, dass wir ihn aufgenommen hätten. Und wie wenig Freundlichkeit es doch heutzutage noch gebe. Und während wir hilflos zusahen, wie die Tränen ins Mostglas tropften, klingelte sein Schwiegersohn an der Tür. Der seufzte, murmelte etwas von „bald ins Heim, wenn das so weiter geht“ und machte sich daran, Onkel Arnold aus seinem Lieblingssessel loszueisen.
Leider bewies er dabei viel weniger pädagogisches Geschick als letztes Mal der Sohn und gebrauchte wohl auch harsche Worte. Jedenfalls warf Onkel Arnold flugs seine wehmütige Stimmung über Bord, verschränkte trotzig die Arme und verkündete, wenn mit ihm geschimpft werde, sei er zum Mitkommen keinesfalls bereit. Er bleibe dann eben einfach in diesem schönen Sessel sitzen, bis man wieder nett zu ihm sei. Erst als wir ihm klarmachten, dass er in diesem Fall ganz alleine hier sitzen müsse, weil wir jetzt auch dringend weg müssten, ließ er sich umstimmen. „Vielen Dank, dass Sie mich aufgenommen haben“, sagte er noch einmal zum Abschied und tappte die Treppe hinunter, während der Schwiegersohn erzählte, Onkel Arnold sei neulich mal über Nacht weggeblieben und nur deshalb nicht erfroren, weil er die ganze Zeit umhergewandert sei.
Ach, Onkel Arnold. Wir stellen schon mal den Most warm, fürs nächste Mal.

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