Archiv März 2008

Twenty-five People on a Rock

Donnerstag, 27. März 2008

Limerick (37)

Freitag, 21. März 2008

Although at the limericks of Lear
we may feel a temptation to sneer,
we should never forget
that we owe him a debt
for his work as the first pioneer.

Fremde Feder

Dienstag, 18. März 2008

All-Time-Favourite – ein Text von Henry Glass, erschienen 1993 im Spiegel, lange verschollen, jetzt plötzlich wieder aufgetaucht, in einer Schublade, wo er nie und nimmer hätte sein sollen. Glanzvolle Niederlagen ist der Titel des Porträts eines britischen Rennpferdes namens Amrullah, eines Wallachs von edelstem Geblüt, der die Niederlage zur Kunstform erhob, weil er eine klare Antwort hatte auf die zwischen ihm und seinem Besitzer Mr. Thorn strittige Frage, „ob ein Pferd dazu verpflichtet sei, an Pferderennen teilzunehmen und vielleicht sogar eines zu gewinnen“: Nein.
Ein Meisterstück sportjournalistischer Hochkomik – hier ein paar Auszüge:

Amrullahs diesbezügliche Verweigerung hatte, vor allem wenn es um den Sieg ging, die Großartigkeit des Unbedingten: Obgleich zum Champion geboren, ging er niemals als Sieger durchs Ziel: selbst wenn er schon mit zehn Längen führte, wie vor drei Jahren in Ascot, fand er immer noch eine Möglichkeit, die Verfolger vorbeiziehen zu lassen. Damals entschied er sich dafür, auf den letzten 100 Metern nicht geradeaus, sondern direkt auf die Tribüne zuzulaufen. […]

Von seinen 74 Rennen gewann Amrullah kein einziges. Einige Male ging der Wallach, eher durch Zufall denn mit Anstrengung, als Zweiter durchs Ziel. Einmal wurde er Dritter, bei einem Telnehmerfeld von drei Pferden. Öfters kam er zwar als Erster an, aber ohne seinen Jockei; oder er behielt den Reiter zwar obenauf, nahm aber, die Regeln der Rennbahn nach Gutdünken interpretierend, eine Abkürzung quer über den Rasen. […]

Von Jugend an gab es für Amrullah keinen Zweifel: Diese Welt, die gewohnt ist, nach Zwecken und Ergebnissen zu fragen, war nicht die seine. Mit einer Konsequenz und Überzeugung, vor der sich kein Respekt tief genug zu beugen vermag, verweigerte er sich den Zumutungen des Rennbetriebes – eher hätte man mit einem Porschefahrer über Tempo 100 diskutieren können als mit ihm über das Ansinnen, schneller zu laufen, als er für angemessen hielt. […] Mit dieser sympathischen Einstellung trieb der edelstem Renngeblüt entstammende Amrullah alle in Verzweiflung, die mit ihm zu tun hatten: den Scheich, der ihn als Einjährigen für 94000 Pfund gekauft hatte, ebenso wie seine Trainer, die sich nicht anders zu helfen wussten als das regungsfaule Tier mit dem Geländewagen über die Felder zu scheuchen.

Und überhaupt: Wie der Gaul schon aussah! Die Mähne, fransig und voller Wirbel, mutete an wie mit einem Schneebesen frisiert. Sein Gang wirkte träge, in seinen Augen – sie hatten die Farbe von irischem Whiskey – wohnte Schlaf. „Wenn er ein Mensch wäre, würde er den ganzen Tag im Bett verbringen“, sagt Mr. Thorn, der diesen Oblomow unter den Pferden im Jahre 1983 für 4700 Pfund erwarb.

Als erstes, wohl um die Rangordnung klarzustellen, brach Amrullah seinem neuen Trainer die Rippen und dessen Frau den Arm. Dann stürzte er sich, um nur der blöden Rennerei zu entgehen, während einer Strandgaloppade ins Meer und paddelte gen Westen, Richtung Amerika. Amrullah war schon anderthalb Seemeilen von der Küste entfernt, als ihn ein Fischersmann ins Schlepptau nahm. […]

„Gewiss, die Zeit mit ihm war nervenaufreibend“, sagte Mr. Thorn während der großen Parade, mit der Britanniens Rennsportgemeinde Amrullah ins Gnadenbrot verabschiedete. „Aber irgendwie war er doch ein Gentleman.“

© Henry Glass, Der Spiegel

Hier kann man sehen, wie Amrullah - der mit dem orangefarbenen Jockey auf dem Rücken - Dritter von drei Teilnehmern wurde. Ist ziemlich langweilig, denn in diesem Rennen wirft er niemanden ab und verhält sich auch sonst nicht regelwidrig. Er ist ganz einfach nur der Langsamste.

Holüber!

Sonntag, 16. März 2008

file under: vorratsgebloggt

Handgeschriebenes

Freitag, 14. März 2008

„Nun ist der große Tag am 8.III. gut u. erfreulich verlaufen. Die Vorbereitungen fingen am 28.II. an, d.h. der Frühjahrsputz hätte sowieso sein müssen. Also jede Menge Fenster putzen. Am 27.II. hatte ich schon die Rahmen i.d. unteren Hälfte gereinigt, nachmittags kam der Reinigungsdienst und brachte Stores und Wohnzimmergardine. Am nächsten Tag half mir noch Frau G., die Lampen im Wohnzimmer zu putzen und die Türen in allen Zimmern – es ist unglaublich, wie viel Dreck u. Staub sich in kurzer Zeit ansammelt. In diesem Haus ist es wirklich schlimm, was mir auch die Hausbewohner bestätigen.
Die Vorbereitungen für den 8.III. erstreckten sich auch auf einkaufen etc. Daß ich alles gut geplant hatte, bewies der 8.III. Ich war allerdings etwas nervös u. habe noch nicht alles geschafft, was ich mir vornahm bis die Gäste kamen, z. B. Kaffee gekocht, mich ordentlich angezogen etc. Frau B. half mir noch in der Küche. Sie hatte nur 1 Stunde Zeit, weil sie noch zu einer Festlichkeit eingeladen war.
Der Nachmittag verlief in einer aufgelockerten Atmosphäre. Herr G. war in Hochform. Er saß gegenüber von Herrn R. und erzählte frisch, fröhl. und ließ sich alles gut schmecken. Auch Frau G. war freundlich u. aufgeschloßen. Anscheinend hat es auch Ehepaar R. gefallen. Ich las eine kl. Geschichte von Heinz Erhardt vor: „Die polyglotte Katze“ (warum man eine fremde Sprache lernen sollte). Spaß hat auch gemacht, dass ich Herrn G. anführte, indem ich ihm Pizza u. Sauerkraut nebst Spiegelei ankündigte, was er sich scheinbar wünschte. Natürlich habe ich es nicht den Gästen vorgesetzt, sondern Tomaten mit Gemüsesalat, Radieschen, Gurken, Aufschnitt, Schinken u. Spargel, Schinken in Blätterteig, Käse, Brot u. Butter. Herr P. gab noch 1 1/2 Stunden zu. Er wollte schon um 18 Uhr aufbrechen u. alle blieben dann noch bis ca. 19:30 Uhr.
Alle brachten schöne Blumen: R.s Iris mit Feuerblumen, Frau G. einen Biedermeierstrauß mit 6 Rosen (1 gelbe), 5 Nelken u. eine gr. Blüte (orange), Frau B. eine Orchidee im Gesteck (kl. Töpfchen), schließl. Tischschmuck! Nett war es, wie sich das Ehepaar G. verabschiedete. Herr G. gab mir einen Kuß auf die rechte Wange (mußte sich als großer Mensch sehr bücken), seine Frau sah zu, umarmte mich dann anschließend und drückte mir einen Kuß auf die lk. Wange. Herr G. lief schnell die Treppe runter, während Frau G. noch ein Weilchen mit mir plauderte. Also war der Abschied ganz reizend, ich musste viel darüber lachen.“

Dieser Auszug entstammt den Tagebüchern von Ingeborg Schiefferdecker, die ich im Leben nicht kannte und von der ich nur weiß, dass sie regelmäßig zur Kirche ging, nie verheiratet war, in der Nähe von Hannover gewohnt hat und im letzten Jahr starb. Wie alt sie wurde, habe ich vergessen, aber es war eine Zahl zwischen neunzig und hundert. Weil sie außer einer ebenso alten, im Ruhrgebiet lebenden Zwillingsschwester keine Verwandten mehr hatte, erklärten sich Bekannte von ihr (und Freunde von mir) bereit, ihre Wohnung auszuräumen. Sie waren fest entschlossen, nur das zu behalten, was sie selbst gebrauchen konnten, und das war genau ein Sofa. Alles andere kam in den Müll.
Als ich zufällig mitbekam, dass ihren Tagebüchern eben jenes Schicksal drohte, meldete sich sofort jene blödsinnige Instanz in mir, die glaubt, das Wegwerfen von Geschriebenem, insbesondere Handgeschriebenem, sei Frevel. Und deshalb bin ich jetzt im Besitz von Ingeborg Schiefferdeckers gesammelten Tagebüchern von 1973 bis 2007, verfasst in schwer lesbarer Altfrauenschrift, vollgeschrieben mit Ereignissen, die niemanden interessieren außer Ingeborg Schiefferdecker selbst. Nicht mal blogbar ist das, weil es einfach keinen angeht. Nun steht demnächst ein Umzug an – eine gute Gelegenheit, um diesen zusätzlichen Karton loszuwerden. Aber ich kann ihn einfach nicht wegwerfen.
Also wollte ich mal fragen, ob vielleicht zufällig gerade jemand an einem Tagebuchprojekt arbeitet und die Tagebücher von Ingeborg Schiefferdecker gebrauchen kann. So eine Art Kempowski-Vorhaben, ein Echolot für die späteren Jahre, 70er, 80er, 90er – selbst wenn Sie noch nicht mit der Arbeit begonnen haben, wäre das doch eine gute Idee, oder? Kempowski ist tot, aber sein Plan lebt weiter! Sie müssen nur „hier“ rufen, und die Tagebücher sind Ihre. Kost’ nix, greifen Sie zu! (Alternativ könnten Sie auch bei mir vorbeikommen und den Karton wegwerfen, während ich ganz fest die Augen zukneife.)
Die obige Passage stammt übrigens aus dem Jahr 1980. Bei den Feuerblumen könnte ich mich verlesen haben. Und dass es nicht der Weltfrauentag war, den Ingeborg Schiefferdecker am 8. März feierte - man kann es sich denken.

Vergoogelt

Mittwoch, 12. März 2008

Jedes Mal bei der Begegnung mit Jonathan Littells Romantitel Die Wohlgesinnten (und das ist ziemlich oft dieser Tage, in jeder Buchhandlung zum Beispiel) denken wir zwanghaft: Müsste es nicht eigentlich Die Wohlgesonnenen heißen? Zum Glück gibt es das Internetz, das uns bereitwillig belehrt, wenn auch in perfider Weise:

Das Partizip gesinnt bedeutet „von einer bestimmten Gesinnung“; gesonnen bedeutet hingegen „willens, gewillt“ und wird nur in Verbindung mit „sein“ gebraucht: „Ich bin nicht gesonnen, das zu tun.“ Aber: „Er ist ihm wohlgesinnt.“ [Quelle]

wohl|ge|son|nen (ugs.): wohlgesinnt [Quelle]

Die richtige Form heißt „wohlgesinnt“: Ich bin dir wohlgesinnt; er war mir wohlgesinnt. Im Unterschied zu den Perfektpartizipien „ersonnen“, „versonnen“ und „besonnen“ handelt es sich bei „wohlgesinnt“ um ein Adjektiv. Ein Verb „wohlsinnen“ (Ich wohlsinne, du wohlsinnst …) gibt es nicht, daher gibt es auch die Formen „wohlsann“ und „wohlgesonnen“ nicht. „Wohlgesinnt“ ist aus dem Hauptwort „Sinn“ entstanden. Auch andere Gesinnungszustände werden mit „gesinnt“ gebildet: feindlich gesinnt, freundlich gesinnt, übel gesinnt, froh gesinnt. Man kann also über ein bestimmtes Thema nachgesonnen haben und anschließend fröhlich gesinnt sein. [Quelle]

Meine Güte, man sollte dieses Internetz abschaffen. In der vergoogelten Zeit hätte man schon die ersten zehn Seiten des Buches lesen können.

Schnipsel aus dem Village

Dienstag, 11. März 2008

1. Wenn man mit dem Zug aus südlicher Richtung nach Hamburg kommt, begrüßt einen in Elbnähe das Lagerhaus der New York Hamburger Gummi Waaren Compagnie Aktiengesellschaft. Das ist ganz herzallerliebst. 1871 wurde das Unternehmen gegründet, unter anderem von Conrad Poppenhusen. Es produziert ein breites Spektrum von Hartgummi- und Weichgummiprodukten, aber kein Weingummi.

2. Der nächste Ski-Weltcup findet in Borneo statt, war im Radio zu hören. Normalerweise interessiert uns Skifahren so was von überhaupt gar nicht, aber diese Idee fanden wir mal sehr originell; wir warfen sogar extra das Internetz an, um Näheres über die dortigen Schneeverhältnisse zu erfahren. Aber ach, welche Enttäuschung, der Ort heißt Bormio und liegt in der Lombardei. Pah.

3. Frau Müller ist verschwunden. Zwar ist ihr Treppenabsatz österlich gestaltet wie jedes Jahr, aber sie selbst ist seit Wochen nicht gesehen worden. Womöglich ist sie gestorben und ihr Lover pflegt ihr Andenken in ihrem Sinne. Wir werden das weiter beobachten.

4. Ohrwurm seit Wochen: Hit the road Jack in der Version von Ray Charles. War schon fast weg als neulich der Ray-Film im Fernsehen lief. Film doof, Ohrwurm wieder da. …no more no more no more no more…