Altpapier
So, Frau Schiefferdecker, das wars gewesen. Ich habe heute Ihre gesammelten Notate aus vierunddreißig Jahren in den Papiercontainer geschmissen, und somit bleibt aus Ihrem Leben außer ein paar Erinnerungen in den Köpfen bestimmter Leute (nicht in meinem, denn ich habe Sie gar nicht gekannt) nichts übrig. Nichts. Wann Sie wo waren, mit welchen Menschen Sie worüber redeten, Ihre Sicht auf die Welt – das alles ist verschwunden. Weg. Und ich habe jetzt ein sauschlechtes Gewissen, denn ich meinerseits würde mir schon wünschen, dass jemand meine gesammelten Aufzeichnungen liest, wenn ich tot bin. (Meine haben immerhin den Vorteil, nicht handgeschrieben zu sein.) Aber so ist es, alle sind damit beschäftigt, ihr eigenes Leben zu leben und haben keine Lust, sich mit andererleuts Alltag zu befassen. Drei Ausnahmen fallen mir ein: Kempowski, geliebte Personen, für die man sich mehr interessiert als für andere, und Leben in Romanen, Filmen oder sonstwie künstlerischen und also bearbeiteten Formen. Das alles trifft auf Ihre Tagebücher nicht zu, also… Meine Güte.
Warum hast du es nicht zu Kempowski ins Archiv geschickt?
Samstag, 3. Mai 2008, 23:16 Uhr von mechthildIch weiß nicht, ich glaube, weil Kempowski tot ist. Unbearbeitet interessiert das wirklich niemanden, und ich wüsste nicht, wer sich an solche Mammut-Tagebuchprojekte wagen sollte außer Kempowski selbst. Allein das alles zu lesen ist tödlich langweilig.
Sonntag, 4. Mai 2008, 5:42 Uhr von nicwest