Archiv Montag, 5. Mai 2008

Fuchsschwanzstreichler

Montag, 5. Mai 2008

Wenn dem besserwisserischen Vorsitzenden der Word-Rechtschreibabteilung ein Begriff nicht bekannt ist, heißt das überhaupt nichts, das wissen wir. Fuchsschwanzstreichler aber kennt auch die Duden-Familie nicht, obschon es eine sehr seelenvolle Metapher ist, die sich im Zusammenhang umgehend selbst erklärt: „Der wahre Christ ist vor der Obrigkeit ehrerbietig, aber er ist kein Speichellecker und Fuchsschwanzstreichler.“ Dieser Satz stammt von Ludwig Harms, für den wir heute eine Gedenkminute einlegen, denn er wurde am 5. Mai vor zweihundert Jahren geboren.
Für das Heidekaff, in dem wir seit ein paar Monaten wohnen, hat Ludwig Harms eine immense Bedeutung. Er wirkte hier als evangelischer Pastor, war Vorreiter einer geschäftigen Erweckungsbewegung und gründete die Norddeutsche Missionsgesellschaft, die seit 1853 Missionare in alle Welt entsendet. In einigen Regionen Südafrikas oder Indiens ist noch heute der Name des Kaffs bekannter als der der deutschen Hauptstadt, und Besucher von dort wundern sich immer über die armseligen 8500 Einwohner und das Fehlen so zentraler Einrichtungen wie Bahnhof oder Kino. Aber das Missionswerk ist einer der größten Arbeitgeber im Ort, und wenn man in protestantischen Kreisen den Ortsnamen erwähnt, ist er stets bestens vertraut.
Der Missionsgedanke ist uns zutiefst zuwider, auch aus anderen Gründen als dem, ein paar Missionsversuche zu viel miterlebt zu haben („Du, ich möchte mit dir über Jesus reden…“). Wir werden in solchen Fällen augenblicklich und ganz gegen unsere Art grob unhöflich. Für uns hält Ludwig Harms nur einen einzigen Vorteil bereit: Es gibt hier im Kaff ein nach ihm benanntes Haus, das Ludwig-Harms-Haus, in dem die Missionsbuchhandlung und das Missionscafé untergebracht sind. Erstere ist der einzige Buchladen am Orte, und man muss ihn lieben, wenn man Bücher nicht ausschließlich im Internetz kaufen will – darüber, dass die Abteilung Christliche Literatur mehr als die Hälfte der Ladenfläche einnimmt, kann man dann schon mal gönnerhaft hinwegsehen. Im Café backen sie den zweitbesten Kuchen der Region – den besten gibt es im Nachbarkaff, wo die Norddeutsche Tortenmeisterin des Jahres 2006 eine Gastwirtschaft betreibt.
Also, ihr metropolensüchtigen Speichellecker und Fuchsschwanzstreichler, dieses piefige Kaff hier kann durchaus mit beeindruckenden Besonderheiten aufwarten. Das wollen wir doch mal gesagt haben.