Bockwurst und Bionade in der Bahnhofswirtschaft, kaum sind wir aus dem Zug gestiegen. Der Bahnsteig ist nicht asphaltiert, hinter dem Zaun sieht man Streuobstwiesen wie sonst nur im Schwäbischen, das Bahnhofsgebäude ist frisch gestrichen. Wir diskutieren darüber, ob das Grün der Fenster zum Rot des Hauses passt. Ich finde, es passt nicht, U. und I. finden, es passt.
Es ist ein Tag zum Treibenlassen, wir machen das, wozu wir gerade Lust haben. Den Spaziergang zur Kroneneiche brechen wir ab, als es bergauf geht. Im Café am See wechseln wir den Tisch, weil sich die Nachbarn zu laut über irgendetwas unterhalten, was wir nicht hören wollen. Wir reden lange darüber, was uns am meisten stört: Schmatzen, laute Musik, penetrantes Parfüm, Pennergeruch. Die Regenjacken ziehen wir mal aus, mal wieder an. Nur einmal müssen wir uns unterstellen.
Ins Kloster kommen wir nicht hinein, dort findet gerade ein Konzert mit einem polnischen Orchester statt. Mozart. Wir reden über Cole Porter und Kiss me, Kate in der Komischen Oper. Hinter der Kirche sitzen Leute auf Campingstühlen und hören das Konzert umsonst. Einer liest dabei Bildzeitung. Klassische Musik und Bildzeitung, sagt I., das passt ja wohl überhaupt gar nicht zusammen. Die Verteidigerin der klassischen Musik bin ansonsten aber ich.
I. weiß erstaunlich viel über Hunde. Sie weiß auch, wie die Heizungsanlage im Kloster funktionierte: Geheizt wurde nur ein einziger Raum, das Calefaktorium, im darunter liegenden Gewölberaum brannte man Holz ab, und wenn nur noch die Glut da war, öffnete man kleine runde Löcher im Fußboden des Wärmeraums und leitete die heiße Luft in den Raum, eine Unterbodenwarmluftheizung war das. Wie ein Kachelofen, sagt U.
Wir reden viel über Literatur. Welches war das beste Buch, das ihr in letzter Zeit gelesen habt? Welches das schlechteste? Die Fähre, mit der man einmal rund um den See fahren kann, legt an, wieder ab, wieder an. Insgesamt sitzen wir in drei verschiedenen Cafés, die Bedienerin im dritten trägt ein schulterfreies Dirndlkleid.
Wir sehen: einen lila Laster, einen lila Container und einen Pferdestall mit Gardinen. In den Scheiben des Wartehäuschens auf dem Bahnhof sind Einschusslöcher. Ich fotografiere durch die Löcher hindurch, die Bilder findet U. später zu symbolisch.
I. stellt aus Quatsch alberne Fragen. Und sie sagt zu mir: Du hättest nicht nach Hamburg ziehen sollen. Ich gebe mir Mühe, die Vorzüge des Landlebens vollständig aufzuzählen: die Landschaft, die Landschaft, die Landschaft. So viel Himmel sieht man in Berlin nirgends. Aus alten Eisenbahnschwellen haben die Choriner ein Kunstwerk gebaut, auf das setzt sich U. und isst Reis aus einer Tupperdose.
Auf der Rückfahrt ist der Zug so voll, dass wir stehen müssen. Wir reden nicht viel. In Bernau fällt mir, wie auf der Hinfahrt, der Konrad-Wolf-Film Ich war neunzehn ein. Er beginnt mit einem treibenden Floß und einer Melodie, an die ich mich partout nicht erinnern kann.

Rot ist der Bahnhof von Chorin.

Bockwurst und Bionade in der Bahnhofswirtschaft. Ingwer-Orange war aus.

Chorin ist ein Ort, in dem auch die Pferde hinter Gardinen leben.

Der lila Laster von Chorin.

Mit diesem Schild bedanken sich die Choriner bei ihren Besuchern.

Symbolfoto mit zerschossener Wartehäuschenscheibe.