Archiv Juli 2008

So it occured to me to steal it

Donnerstag, 24. Juli 2008

Vor vielen Jahren glaubte ich einmal, das Examen nicht bestehen zu können, ohne in einem Buch zu lesen, das die Germanistik-Bibliothek der FU Berlin partout nicht ausleihen wollte, auch nicht übers Wochenende. So it occured to me to steal it. Ich habs aber wieder zurückgebracht, auf dieselbe Art, wie ich es auch herausgeschmuggelt hatte – unterm Hemd. Das war vor der Zeit der piepsenden Bücher.
Patricia Highsmith besaß eine für ihren Zigaretten- und Alkoholkonsum erstaunlich hohe Stimme und einen ungewöhnlich moderaten amerikanischen Akzent.

Nach Chorin!

Dienstag, 22. Juli 2008

Bockwurst und Bionade in der Bahnhofswirtschaft, kaum sind wir aus dem Zug gestiegen. Der Bahnsteig ist nicht asphaltiert, hinter dem Zaun sieht man Streuobstwiesen wie sonst nur im Schwäbischen, das Bahnhofsgebäude ist frisch gestrichen. Wir diskutieren darüber, ob das Grün der Fenster zum Rot des Hauses passt. Ich finde, es passt nicht, U. und I. finden, es passt.

Es ist ein Tag zum Treibenlassen, wir machen das, wozu wir gerade Lust haben. Den Spaziergang zur Kroneneiche brechen wir ab, als es bergauf geht. Im Café am See wechseln wir den Tisch, weil sich die Nachbarn zu laut über irgendetwas unterhalten, was wir nicht hören wollen. Wir reden lange darüber, was uns am meisten stört: Schmatzen, laute Musik, penetrantes Parfüm, Pennergeruch. Die Regenjacken ziehen wir mal aus, mal wieder an. Nur einmal müssen wir uns unterstellen.

Ins Kloster kommen wir nicht hinein, dort findet gerade ein Konzert mit einem polnischen Orchester statt. Mozart. Wir reden über Cole Porter und Kiss me, Kate in der Komischen Oper. Hinter der Kirche sitzen Leute auf Campingstühlen und hören das Konzert umsonst. Einer liest dabei Bildzeitung. Klassische Musik und Bildzeitung, sagt I., das passt ja wohl überhaupt gar nicht zusammen. Die Verteidigerin der klassischen Musik bin ansonsten aber ich.

I. weiß erstaunlich viel über Hunde. Sie weiß auch, wie die Heizungsanlage im Kloster funktionierte: Geheizt wurde nur ein einziger Raum, das Calefaktorium, im darunter liegenden Gewölberaum brannte man Holz ab, und wenn nur noch die Glut da war, öffnete man kleine runde Löcher im Fußboden des Wärmeraums und leitete die heiße Luft in den Raum, eine Unterbodenwarmluftheizung war das. Wie ein Kachelofen, sagt U.

Wir reden viel über Literatur. Welches war das beste Buch, das ihr in letzter Zeit gelesen habt? Welches das schlechteste? Die Fähre, mit der man einmal rund um den See fahren kann, legt an, wieder ab, wieder an. Insgesamt sitzen wir in drei verschiedenen Cafés, die Bedienerin im dritten trägt ein schulterfreies Dirndlkleid.

Wir sehen: einen lila Laster, einen lila Container und einen Pferdestall mit Gardinen. In den Scheiben des Wartehäuschens auf dem Bahnhof sind Einschusslöcher. Ich fotografiere durch die Löcher hindurch, die Bilder findet U. später zu symbolisch.

I. stellt aus Quatsch alberne Fragen. Und sie sagt zu mir: Du hättest nicht nach Hamburg ziehen sollen. Ich gebe mir Mühe, die Vorzüge des Landlebens vollständig aufzuzählen: die Landschaft, die Landschaft, die Landschaft. So viel Himmel sieht man in Berlin nirgends. Aus alten Eisenbahnschwellen haben die Choriner ein Kunstwerk gebaut, auf das setzt sich U. und isst Reis aus einer Tupperdose.

Auf der Rückfahrt ist der Zug so voll, dass wir stehen müssen. Wir reden nicht viel. In Bernau fällt mir, wie auf der Hinfahrt, der Konrad-Wolf-Film Ich war neunzehn ein. Er beginnt mit einem treibenden Floß und einer Melodie, an die ich mich partout nicht erinnern kann.


Rot ist der Bahnhof von Chorin.


Bockwurst und Bionade in der Bahnhofswirtschaft. Ingwer-Orange war aus.


Chorin ist ein Ort, in dem auch die Pferde hinter Gardinen leben.


Der lila Laster von Chorin.


Mit diesem Schild bedanken sich die Choriner bei ihren Besuchern.


Symbolfoto mit zerschossener Wartehäuschenscheibe.

Berlin AB

Montag, 21. Juli 2008

Die Fahrkartenautomaten können wir noch bedienen. Berlin AB, zack zack, das flutscht, auch wenn die S-Bahn schon einfährt. Erinnerung verklärt. Die Dinge, die wir an Berlin gehasst haben, fallen uns jetzt auf einmal wieder ein, zum Beispiel die Goldene Regel für das Gehen durch Berlin: Schau vor dich auf den Boden, sonst wirst du stinken.
Berlin hat sich klammheimlich einen neuen S-Bahnhof zugelegt, Julius-Leber-Brücke. Der verkürzt den Weg zu U. ganz erheblich und erspart uns nächtliche Gänge durch die gruselige Torgauer Straße. Allerdings muss der Stadtplan schon wieder ersetzt werden – aber das war in den 90er Jahren schlimmer, als U-Bahnhöfe im Wochentakt umbenannt wurden: Rathaus Friedrichshain, Petersburger Straße, Frankfurter Tor.
Der Stützpunkt Tempelhof liegt strategisch günstig für Besuche bei C., die um die Ecke wohnt. Über Tempelhof haben wir stets die Nase gerümpft, jetzt staunen wir über die großstädtische Weitläufigkeit des Bezirks. Beim Radfahren müssen wir höllisch aufpassen und gucken dreimal in jede Richtung, aus Angst, jemanden übersehen zu haben. Auf dem IKEA-Parkplatz sind Radfahrer ganz und gar unerwünscht.
Am Samstag gehen wir frühstücken im Prenzlauer Berg: Guten Morgen, liebe alle Leute. Das letzte Mal haben sie dort Touristen in Pferdefuhrwerken herumgefahren – guck mal, da sitzen die Berliner am hellerlichten Tag mitten in der Woche in der Kneipe, müssen die nicht arbeiten oder was. Die Pferde wohnten damals in der Schliemannstraße, aber es gibt sie nicht mehr, die Geschäftsidee hat sich nicht rentiert oder vielleicht haben sich die Einheimischen beschwert über die Pferdeäpfel oder die glotzenden Touristen oder beides. G.s Haus kann man neuerdings nur betreten, wenn man den Türcode kennt. Der lautet 1111F und steht gut sichtbar für jeden über dem Feld mit den Tasten. Auf der Straße treffen wir E., mit der wir vor Jahren einmal ein Praktikum gemacht haben. In Berlin zufällig einen Bekannten auf der Straße zu treffen, ist so unwahrscheinlich wie nur was, aber wir wundern uns kein bisschen. Erinnerst du dich an den verrückten Vogel, der vor dem Fenster der Redaktion so dermaßen einfallsreiche Gesänge angestimmt hat, dass wir manchmal laut loslachen mussten? Na klar.
Durch den Redaktionsgarten draußen am Wannsee lief zuweilen auch ein Fuchs, vielleicht waren wir deshalb überhaupt nicht überrascht, als wir heute einen Fuchs vor dem Südbahnhof sahen. Er überquerte gemächlich den Marlene-Dietrich-Platz Hildegard-Knef-Platz und hielt sich an keine Verkehrsregel.
Und die vielen Menschen auf der Straße. In einer halben Stunde sehen wir mehr interessante Leute als zu Hause in einer Woche (The Corrections, „nifty boots“, und wir reden hier nicht über den Unterschied zwischen Philadelphia und New York). Man kann herumlaufen wie man will. Niemand hält einen für freakiger als die anderen (das ist ein Satz, den man missverstehen kann). Beim S-Bahn-Fahren ertappen wir uns dabei, wie wir den S-Bahnhof Ostkreuz verträumt anlächeln, obgleich er sich ziemlich verändert hat in letzter Zeit.
Es ist echte Liebe.

Traumurlaub

Donnerstag, 10. Juli 2008

Endlich Ferien.
Damit ich nicht aus der Übung komme, gehe ich jetzt jede Nacht zur Schule. Vorgestern Nacht musste ich mit einer Bombe in der Pausenhalle umgehen, einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, noch scharf. In einer hastig einberufenen Dienstbesprechung wurde die Parole ausgegeben: Der Betrieb muss weiter gehen, Unterricht darf auf keinen Fall ausfallen, die Öffentlichkeit darf nichts merken. Die Hausmeister wurden zu dem Problem befragt und erklärten tapfer, zwar hätten sie noch nie eine Bombe entschärft, wollten es aber mal probieren. Ich hatte Unterricht im Raum direkt nebenan, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt, und musste Todesängste ausstehen.
Gestern Nacht hatte ich es mit einer unbezähmbaren Klasse zu tun, ebenfalls in einem Raum, den es gar nicht gibt. Er hatte acht oder neun Türen und wurde von der Schulöffentlichkeit als Abkürzung benutzt, einmal zog sogar eine Polonaise albern verkleideter Abiturienten durch. Kein Wunder, dass an Unterricht nicht zu denken war. Aus Wut hätte ich beinahe Kinder verprügelt, erinnerte mich aber zum Glück immer noch gerade rechtzeitig daran, dass das verboten ist. Also schickte ich die Störer haufenweise aus dem Raum, konnte mich aber leider nie erinnern, hinter welcher der zahllosen Türen wer darauf wartete, wieder hereinkommen zu dürfen. Beim Nachgucken – Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu – machte ich mich sehr, sehr lächerlich.
Den anderen geht es übrigens genauso, das beruhigt mich ein bisschen. Die träumen zum Beispiel von langzeitkranken Kollegen, die mitten in der Musicalaufführung kostümiert auf die Bühne wanken und bekannt geben, dass sie doch noch länger krank sind. Mannmannmann.

Wandertag

Sonntag, 6. Juli 2008

Donnerstagabend grillen mit Eltern, nachts zelten auf einer grünen Wiese im Ort, Freitagvormittag paddeln auf dem Heideflüsschen.
Treffen um siebzehn Uhr, Aufbau der Zelte. Gerade noch geschafft vor dem ersten Gewitter. Starkregen. Aufstellen des Grills unter dem Vordach, Essen. Bei Windböen kriegen die am Rand eine Dusche ab. Schüler langweilen sich. Ziehen ihre T-Shirts und Schuhe aus und spielen Regenfussball, stundenlang. Als sie keine Lust mehr haben, regnet es immer noch.
Eltern verabschieden sich, einige kommen noch einmal mit trockenen Klamotten vorbei. Lagerfeuer geht nicht an. Stockbrotteig wertlos. Zu feucht für Nachtwanderung. Zelte schon vor dem Schlafengehen durchweicht. Witzeerzählen, Gruselgeschichte. Das Zelt, in dem die Flips-Fanta-Mischung den Boden bedeckt, kommt erst um zwei Uhr nachts zur Ruhe. Um halb sechs sind die ersten wieder wach. Es regnet immer noch.
Abbau der tropfnassen Zelte. Frühstück erst, wenn alles aufgeräumt ist. Schüler klappern mit Zähnen. Abstimmung über Paddeln: Zweiundzwanzig dafür, acht dagegen. Es regnet immer noch. Wer gedacht hatte, nasser könne er nicht mehr werden, sah sich getäuscht. Feuchte Äste streichen geisterhaft durch Gesichter; von den Paddeln tropft es auf die Beine, die Feuchtigkeit kriecht von unten unter die Regenjacken. Zwei heulen bei der Ankunft, der Rest klappert mit den Zähnen. Eine clevere Mutter bringt Restbrötchen vom Frühstück, und siehe da - plötzlich sind die Kinder zufrieden, satt und stolz auf sich. Niemandem ist aufgefallen, wann es aufgehört hat zu regnen.