Archiv August 2008

South Downs Way, Day Five. Cheese Cake

Montag, 18. August 2008

Gegen Mittag hört der Regen auf und die Sonne kommt heraus. „Mein Gott, ist das heiß“, stöhnen wir, „wenn es doch nur wieder regnen würde!“ Aber das meinen wir nicht ernst.
Vielleicht hängt es mit dem Wetter zusammen, dass wir ungewöhnlich vielen Leuten begegnen. Mehrere fragen uns begierig, wo wir letzte Nacht gecampt hätten und verlieren schlagartig das Interesse, als wir nüchtern erwidern: „Nowhere“. Unbestrittener Höhepunkt des Tages ist die Begegnung mit einer Gruppe „Teenager außer Kontrolle“; apathischen Jugendlichen mit Kopfhörern im Ohr, vorne und hinten je ein Aufpasser. Letztere grüßen sehr freundlich, die Kids nicht.
Abends die Auswahl zwischen The Ship und The White Hart Inn, das erste mit traditionellem pub food, das zweite ein bisschen posh. Weil wir die letzten Tage immer solides pub food hatten, entscheiden wir uns heute mal für ein Gericht ohne chips. Erst als wir bezahlen wollen, entdecken wir das Dessert Menu und teilen uns zum Abschluss den cheese cake, von dem wir schon seit Tagen reden. Delicious.


Copper beeches. Do we know tree names in English? Well, trees are much easier than fish.

South Downs Way, Day Four. The Weakest Link

Sonntag, 17. August 2008

Blöd ist, wenn man nicht genau weiß, wo auf der Karte man sich befindet. Im Regen, richtigem Regen diesmal, wandern wir eine lange gewundene Straße hinunter und geduldig wieder herauf, bis wir die richtige Abzweigung quer übers Feld finden. Am Ende des Feldes ein Gatter, davor fünf oder sechs schwarz-weiße Kühe, von denen K. behauptet, sie seien aggressiver und damit gefährlicher als braune. Als wir näher kommen, stellen sie sich auf in Manier einer Straßensperre – hier kommt ihr niemals durch. Kommen wir dann aber doch, dank unseres Todesmutes.


These belligerent cows are unmistakably trying to prevent us from passing their field.

Am Abend im Pub entdecken wir ein Spiel mit Namen Oxford Dictionary Game, eine taugliche intellektuelle Herausforderung nach drei Tagen Ludo. Spelling und meaning sind die Disziplinen; in spelling kacken wir beide ab, denn da wird nach Wörtern gefragt, von denen wir noch nie etwas gehört haben, meaning geht besser. Am Nachbartisch bestellt man zum Nachtisch „Spotted Dick“; leider können wir nicht herausfinden, worum es sich dabei handelt, obwohl wir den Nachbarn so lange neugierig auf die Teller starren, bis wir gefragt werden, ob wir auch Nachtisch möchten. Im Film Gypo von Jan Dunn gibt es einen sehr schönen Dialog über seltsame Bezeichnungen für Gerichte. In Deutschland: falscher Hase, kalter Hund, Hackepeter.
Werktags um 17 Uhr gibt es auf BBC 1 seit Jahren eine Sendung namens The Weakest Link, die eindeutig von ihrer Moderatorin lebt, deren Namen ich mir nicht merken kann. Eine fiese Person, die ihre Kandidaten mit den Worten „You’re the weakest link, bye-bye“ zu verabschieden pflegt. In Deutschland war ein Äquivalent nicht zu finden, weshalb die Sendung schnell wieder abgesetzt wurde.


Rather misty today.


This is one of my favourite pictures. Nice and gloomy.

South Downs Way, Day Three. Paradise Lost

Samstag, 16. August 2008

Ideen für besondere Herausforderungen: mit Stöckelschuhen, rückwärts, rückwärts mit Stöckelschuhen, ohne Karte, barfuß.
Heute stehen u.a. auf dem Plan: das Durchwandern eines Schafsparadieses und das Durchwandern eines Schweineparadieses. Schafsparadies: riesengroße grüne Wiese, und noch eine und noch eine – wenn die Schafe es geschafft hätten, die schmalen Durchgänge zu finden, sie hätten insgesamt sieben Fußballfelder zur Verfügung gehabt. Paradiesisch.
Schweineparadies: graues Feld, bestehend aus Matsch und Steinen mit Hütten aus Wellblech darauf. Schweine sind intelligente Tiere, dass sie auf Steinen herumkauen, ist uns fremd. Aus ihren Schweineaugen schauen sie uns nicht unfreundlich an, geraten aber ab und zu in Panik und galoppieren dann ungelenk in Richtung ihrer Wellblechhütten.


Pigs in paradise, chewing stones.

Rekord: Wir überklettern heute nicht weniger als 20 stiles, Vorrichtungen zum Passieren von Zäunen, ungeeignet für jede Art von Vieh.


The German word for this is Übertritt. Übertritt.

Als wir uns am Ende der Etappe verschätzt haben und lieber nicht mehr weitergehen würden, bietet ein freundliches Ehepaar, das wir zufällig auf der Straße treffen, an, uns die letzten sieben Meilen zu unserem B&B zu fahren. Solcher Freundlichkeit als Selbstzweck bin ich bis jetzt nur im Ausland begegnet, einmal in Griechenland, oft in Großbritannien.


The corn looks promising and it’s not raining yet.

South Downs Way, Day Two. Going Fast

Freitag, 15. August 2008

Es regnet nicht viel, aber K.s Regencape – genauer: das von Tante Renate – kommt dennoch zum Einsatz. Alleine kann sie es schon mal gar nicht anziehen, und auch zu zweit ist es eine Kunst herauszufinden, wie herum man es am Rucksack anschnallen muss, damit vorne vorne und hinten hinten ist, wenn man den Rucksack aufgesetzt hat.


Fighting the raingear.

Fertig verpackt sieht K. aus wie der little red hunchback of Hampshire, ist aber natürlich viel besser belüftet als ich mit Regenjacke und –hose. Wir treffen eine Gruppe Mountainbiker, die einen Umweg fahren, so dass wir sie zwei Mal durchlassen müssen („Thanks again“, „Ta“, „Cheers guys“, „Goin’ fast!“), einen Einzelwanderer mit kleinem Rucksack und ein paar Spaziergänger. Höhepunkte des Tages sind der Weg durch ein gelbes Kornfeld, schnurgerade, endlos lang, irgendwie amerikanisch, und der einsame Zirkus auf der grünen Wiese.


Sirkus of sorts.

Wir übernachten in einem Dorf abseits des South Downs Way in einem reetgedeckten Haus aus dem 14. Jahrhundert. Man muss den Kopf einziehen, wenn man durch die Türen geht, es gibt eine Bibliothek und eine Duschtoilette. Die Besitzerin fährt uns abends zum Pub, weil es so regnet. English pub food – es gibt Leute, die mögen das nicht. Wir schon.


Seen from the side it must have looked like two human upper halves floating steadily across a wheat field.

South Downs Way, Day One. Arrival

Donnerstag, 14. August 2008


As you like it. Best way is to walk and take a wee Shetland pony for the luggage – less stubborn than a donkey.

Die Downs sind die Kreidekalkhügel im Süden Englands, eine Sehnsuchtslandschaft seit den Romanen Rosemary Sutcliffs. Der South Downs Way ist ein hundert Meilen langer Fernwanderweg zwischen Winchester bis Eastbourne, seit Jahrhunderten benutzt von Handels- und Vergnügungsreisenden. K. und ich haben nicht viel Zeit, deshalb gehen wir nur etwa hundert Kilometer. Ausgangspunkt: Winchester.


Say ninety-nine and kiss me.

Der Anfang aber ist eine Busfahrt, in London und um London herum. Die Fahrerin legt ihre Lieblings-ABBA-CD ein und singt jedes einzelne Lied mit. Auch einzelne Fahrgäste singen zeitweise mit: Money money money… Singend legen wir einen Zwischenstopp in der University of Hertfordshire, singend erreichen wir Heathrow Airport, wo wir umsteigen müssen. Singend finden wir den Anschlussbus, singend kommen wir in Winchester an.
Herumsitzen vor der Kathedrale in Winchester. Die anwesenden Briten haben sich die Kleider vom Leibe gerissen und aalen sich in der Sonne. Aktiv sind nur deutsche und amerikanische Reisegruppen sowie Kleinkinder. Wir werden von der Mitarbeiterin eines Umfrageinstituts angesprochen und sollen sagen, wie wir die Grünflächen der Stadt Winchester beurteilen, die Sauberkeit der Straßen und die Freundlichkeit der Servicemitarbeiter. Wir zucken mit den Schultern und denken uns irgendwas aus, zum Beispiel: Da fliegt eine Plastiktüte umher, mit der Sauberkeit der Stadt Winchester sei es wohl nicht zum Besten bestellt.


In case you don’t have a pony: No boundless book buying at the beginning of the journey.

Das Luxushotel ist gar nicht so luxuriös wie gedacht. Dafür ist es alt – es knarzt und quietscht. Unser Fenster geht hinaus zum Parkplatz, aber es ist ruhig. Morgens hört man Käuzchen.
Nachrichten vom Wetter: graue Wolkendecke, Nieselregen. Das ist okay.

Limerick (42)

Samstag, 9. August 2008

The limerick’s birth is unclear.
Its genesis owed much to Lear.
It started as clean
but soon went obscene,
and this split haunts its later career.

Chez Schwob

Freitag, 1. August 2008

Neue Dächer für alte Schuppen. Während die Handwerker schwitzend vor dem Fenster herumturnen, sitze ich in Onkel Arnolds bequemem Sessel und lese ein Buch. Sibylle Bedford, Jigsaw. Ein Roman oder eine Autobiografie oder ein autobiografischer Roman über die ersten zwanzig Lebensjahre eines mindestens dreisprachigen Mädchens namens Billi, das zwischen 1911 und 1931 in Deutschland, Italien, England und Frankreich bei unterschiedlichen Personen aufwächst, Verwandten und Nichtverwandten, allesamt Bohemiens mit festen moralischen Grundsätzen. Zu einem Teil ist es auch die Geschichte ihrer Mutter, von der man am Ende gerne wüsste, wann und wie sie gestorben ist. Die Mutter lernt in Sanary-sur-Mer Aldous und Maria Huxley kennen und ist sofort fasziniert von ihnen, wie diese Szene ziemlich anschaulich beschreibt:

My mother had seized the teapot as it reached the table and held on it firmly while engaged with Aldous. She had forgotten she was not in her own house, in turn forgot to do any pouring out: cups remained empty. This was standard absent-minded behaviour. To us, not so to the Huxleys. Maria did not intervene because she was convinced that my mother had found something dreadful inside the teapot (my mother had lifted the lid and gazed abstractedly inside). Meanwhile, with her free hand, she ate all the bread and butter, remarking how delicious it was and why did we never have such a thing in our house. In fact, she was herself.

Das Buch ist in einem exquisiten Englisch geschrieben, das in mir den ständigen Wunsch nach einem Wörterbuch weckt. Das Nachschlagen all der schönen Wörter würde aber leider die Lektüre unterbrechen. Auch kommt eine Kneipe vor, die Chez Schwob heißt. Sehr zu empfehlen, das Buch, eins der besten, die ich gelesen habe in letzter Zeit.