Archiv Oktober 2008

Fehlgeleitet

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Post: Einladung zur Schmuckausstellung in Hamburg Othmarschen. Sie erreichte uns in unserem Heidedorf per Nachsendeauftrag der Post, von dem wir gar nicht wussten, dass er noch gültig ist: Frau Dr. West… in 22607 Hamburg, die Anschrift handgeschrieben. Die ersten vier Buchstaben des Nachnamens stimmen, die Postleitzahl war mal die unsrige, die Straße liegt weiter südlich, längst nicht mehr im Village of Os. Mit Schmuckausstellungen hatten wir nie auch nur das Geringste zu tun, Perlenketten interessieren uns so überhaupt gar nicht.
Anstatt uns jedoch über die Unfähigkeit der Deutschen Post AG zu beklagen, anstatt auf Mittel und Wege zu sinnen, der rechtmäßigen Empfängerin ihre womöglich heiß ersehnte Einladung zukommen zu lassen oder den Absendern ihre fehlgeleitete Sendung zurückzuschicken, öffnen wir kurzerhand den Umschlag und staunen über die fremde Welt, die uns da entgegenweht.
Um Halsketten geht es und um Musik, verblüffende Thesen stehen unbelegt im Raum, Argumente für eine Theorie, die, ungreifbar, sich jeder Ratio entzieht:

Eine Musikkomposition hat viel gemeinsam mit unseren Kettenentwürfen – die selten nur gereiht sind:
- Perlen sind wie Noten
- Farben geben die Stimmung an, z.B. Dur, Moll, Allegro, Staccato…
- Scheiben und Metallelemente sind die Takte
Manches Mal müssen wir improvisieren, weil selbst vielfältiger Materialfundus nicht immer ausreicht.
Inspiriert von der Welt der Musik tauften wir viele Ketten, wie die Fotos zeigen.

Im letzten Satz stimmt doch irgendwas mit der Grammatik nicht. Auf den Fotos: Getaufte Halsketten und ihre Namen. Sie heißen: feuerwerksmusik, harmonie, dreiklang, melodie, adagio, beat, chromatica, improvisation, divertimento, solo. Unsere Lieblingskette heißt die moldau, an ihr baumelt ein Silberfisch.
Dazwischen rätselhafte Botschaften:

Unsere beschwingte Ausstellung freut sich auf Ihren Besuch.
Diese Schrift hört auf den Namen Vivaldi.
Und denken Sie beim Parken an die nahe Golfstraße.

Faszinierend, verstörend, poetisch. Wir werden weiter darüber nachdenken.
Unterdessen schneiden wir die Sondermarke aus und legen sie in die Schublade, für den Briefmarkensammler in unserer Familie.

Von Aliens entführt

Dienstag, 28. Oktober 2008

In dem Buch, das jetzt gerade alle lesen, für das hier so sehr schön geworben wird, steht auf S. 253 zum Thema Ausreden für Verspätungen:

Auch die verbale Ausrede sollte Nachvollziehbarkeit anstreben und mit Wortbildern arbeiten. Allerdings reicht es in ungefähr 99 Prozent aller Fälle, einfach ohne weitere Begründung zu sagen: „Tut mir leid, dass ich zu spät komme.“ Man muss nicht jedes Mal gleich lügen, man sei auf dem Weg zum Termin von Aliens entführt worden.

In dem Zusammenhang habe ich schon öfter die Engländer bestaunt, die sagen: „I’m sorry I’m late.“ Wenn man das nicht schriftlich herumreicht, kann man damit meinen: „Es tut mir leid. Ich bin zu spät.“ Ohne dass zwischen diesen Tatsachen irgendein Zusammenhang bestünde. Beneidenswert.

Limerick (46)

Freitag, 24. Oktober 2008

A cardiac patient named Fred
made a limerick up in his head.
But before he had time
to write down the last line

Xapaa!

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Hurra, wir haben einen Geburtstag zu feiern. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute: baldigen riesigen Reichtum, hervorragend wunderschöne Fotos und immer etwas Ordentliches zu trinken im Haus, das wünsche ich dir.
Ich habe immer noch alle deine Fotos auf meiner Festplatte und scheue mich, sie zu löschen - wann komme ich schon mal an so schöne Mongolei-Bilder, auf denen auch noch Leute sind, die ich kenne? Allerdings habe ich mir deinen Hut noch einmal genauer angeguckt und muss sagen: Ich finde ihn nach wie vor hässlich.
Anlässlich deines Jubeltages wünsche ich dir jedenfalls - recht viel Jubel: Lass dich gebührend feiern! N.

Kunst

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Gleich mehrere meiner Freunde machen sehr schöne Fotografien – schön in Ermangelung eines besseren Wortes. Schon öfter habe ich zu Anlässen eigens hergestellte Fotobücher geschenkt bekommen, Ausstellungskataloge erworben oder einfach so einen Abzug abgestaubt, wenn ich nur laut genug meine Bewunderung geäußert hatte.
Seit ich in der Anstalt arbeite, bin ich plötzlich in der Lage, am Kunstmarkt zu partizipieren und Künstlern meine Wertschätzung nutzbringender als bloß mit warmen Worten zu erweisen. Deshalb besitze ich jetzt ein Bild.
Von dieser Fotografie war ich fasziniert, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, damals als Bestandteil einer Serie über Kuba, die später um Texte ergänzt und zu einem ebenso faszinierenden Buch verarbeitet wurde. Jedenfalls fand ich das Bild so schön, dass ich wusste: ich muss es besitzen, um es angucken zu können, wann immer ich will.
Am letzten Sonntag also reiste die Künstlerin aus der großen Stadt Hamburg an – mit anderen Worten: eine Freundin machte einen Besuch – und half mir, die einzig passende Stelle an der Wand zu finden, an die das Bild gehört. Wir hängten es auf, ich freute mich, sie freute sich, dass ich mich freute, und danach machten wir noch einen Heidespaziergang.
Wann immer ich Lust habe, kann ich mich jetzt vor das Bild stellen und es betrachten, und das ist oft. Nun gut, es ist neu, es hängt erst seit drei Tagen dort, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich es sehe. So sieht es aus:


Die Fotografin hat lange in der Dunkelkammer gestanden, um den Abzug so hinzubekommen, wie sie ihn haben wollte, ich kann beurteilen, wie schwer das ist und bewundere sehr, wenn man das kann. Es ist ein Barytabzug, ohne Titel, einer von sieben, 28×39 cm groß, natürlich signiert. Der Rahmen ist aus Birnenholz, dunkelbraun, er harmoniert mit dem freigelegten Balken im niedersächsischen Bauernhaus.
Dass Kunst zu kaufen etwas anderes ist als sie geschenkt zu bekommen oder selbst herzustellen, zeigt sich auch daran, dass wir einen Kaufvertrag abgeschlossen haben, in dem das Kunstwerk genau beschrieben ist. Im Vertrag fungieren wir als „Käufer“ und „Künstler“. Besonders spannend sind die Erklärungen zum Urheberrecht: Der Künstler erklärt mit seiner Unterschrift, dass er der alleinige Urheber des in § 1 genannten Kunstwerkes ist. Der Künstler hat das Recht, das Werk auf Wunsch zu Ausstellungszwecken auszuleihen. Der Käufer kann diesem nur bei Vorliegen eines wichtigen Grundes widersprechen.
Ich sehe es kommen, der wichtige Grund, aus dem ich das Bild nicht verleihen kann, wird sein: Ich werde übellaunig, wenn ich es nicht jeden Tag angucken kann.

Limerick (45)

Montag, 20. Oktober 2008

Es lebte ein Mann in Hannover,
dessen Limericks klangen irgendwie immer wie Prosa. Seine Freunde schlugen ihm vor, er solle doch lieber Romane schreiben. Zuerst wollte er nicht, aber als er es doch einmal ausprobierte, stellte sich heraus, dass er das sehr viel besser konnte.

Limerick (44)

Samstag, 18. Oktober 2008

There was a young lady of Flint
who had a most horrible squint.
She could scan the whole sky
with her left-handed eye
while the other was reading small print.