Archiv Oktober 2008

Was uns anweht

Samstag, 4. Oktober 2008

Wie fast jeder war auch U. verzückt von der Wohnung – als ob niedersächsische Bauernhäuser im Vergleich mit Berliner Altbauten von vornherein außer Konkurrenz antreten. Hach, die Balken, und wie gemütlich, die niedrigen Decken, und dieser Blick in den Garten, äußerst idyllisch. Und die Nacht sei so geruhsam hier, man höre rein gar nichts außer einem echten Hahn morgens um sechs. Dem pflichtete ich lächelnd bei und verschwieg geflissentlich, dass mich in dieser Nacht mal wieder einer meiner schrecklichen Schulträume gequält hatte.
Besuch muss mindestens einen Heidespaziergang machen, besser zwei, die meisten wollen das auch. Ebenso U., die zunächst behauptet hatte, diese Landschaft mache sie depressiv, dann aber erkannte, dass das Violett blühender Besenheide eine ganz und gar lebensfrohe Farbe ist. Sie nutzte die Gelegenheit zur Bilanz eines Sommers, es ging um Ansprüche an Freundschaften und ums grausame Verstoßen ehemals guter Freunde, bei denen das Verhältnis von Investition und Ertrag nicht mehr ausgeglichen war. Gefährlich, in Herzensdingen mit Begriffen aus der Ökonomie zu operieren, finde ich, aber womöglich war da wieder die Landschaft im Spiel.
Vorher hatte U. behauptet, sie finde es gut, dass ich jetzt auf dem Land wohne, sie bekomme richtig Lust, das alles einmal zu zeichnen. Und ich, was mache ich hier? Du sieh zu, dass du die zwei Jahre überstehst, alles andere ist egal. Die Sonne schien, aber was uns da anwehte, war eher Novemberluft. Später, auf dem Rückweg von der Heidewanderung, machte U. noch ein Foto.

Beginn der Heizperiode

Mittwoch, 1. Oktober 2008

„Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung.
Die Heizperiode hat begonnen.“

Uwe Johnson, Jahrestage (New York, 1. Oktober 1967)