Was uns anweht
Samstag, 4. Oktober 2008Wie fast jeder war auch U. verzückt von der Wohnung – als ob niedersächsische Bauernhäuser im Vergleich mit Berliner Altbauten von vornherein außer Konkurrenz antreten. Hach, die Balken, und wie gemütlich, die niedrigen Decken, und dieser Blick in den Garten, äußerst idyllisch. Und die Nacht sei so geruhsam hier, man höre rein gar nichts außer einem echten Hahn morgens um sechs. Dem pflichtete ich lächelnd bei und verschwieg geflissentlich, dass mich in dieser Nacht mal wieder einer meiner schrecklichen Schulträume gequält hatte.
Besuch muss mindestens einen Heidespaziergang machen, besser zwei, die meisten wollen das auch. Ebenso U., die zunächst behauptet hatte, diese Landschaft mache sie depressiv, dann aber erkannte, dass das Violett blühender Besenheide eine ganz und gar lebensfrohe Farbe ist. Sie nutzte die Gelegenheit zur Bilanz eines Sommers, es ging um Ansprüche an Freundschaften und ums grausame Verstoßen ehemals guter Freunde, bei denen das Verhältnis von Investition und Ertrag nicht mehr ausgeglichen war. Gefährlich, in Herzensdingen mit Begriffen aus der Ökonomie zu operieren, finde ich, aber womöglich war da wieder die Landschaft im Spiel.
Vorher hatte U. behauptet, sie finde es gut, dass ich jetzt auf dem Land wohne, sie bekomme richtig Lust, das alles einmal zu zeichnen. Und ich, was mache ich hier? Du sieh zu, dass du die zwei Jahre überstehst, alles andere ist egal. Die Sonne schien, aber was uns da anwehte, war eher Novemberluft. Später, auf dem Rückweg von der Heidewanderung, machte U. noch ein Foto.