Archiv Samstag, 1. November 2008

Ich kann so nicht arbeiten

Samstag, 1. November 2008

Sonnabend, so wollen es die seit Jahrhunderten überlieferten ungeschriebenen Regeln in unserem Heideort, ist der Tag der Hausarbeit. Für uns bedeutet das: ein bisschen Staubsaugen, ein bisschen Geschirrspülen, ein bisschen Wäsche waschen und bügeln. Unser Vermieter dagegen nimmt „Hausarbeit“ wörtlich und arbeitet sonnabends am Haus. Das wird seit zwei Jahren renoviert – ein Ende ist nicht abzusehen -, unter der Woche machen das Handwerker, am Samstag die Familie. Zu dem Zweck bringt er seine Frau mit und drei ununterscheidbare Söhne, die anstellig alle Renovierungsarbeiten durchführen, die ihnen möglich sind. Die Frau hat jedes Mal einen großen Suppentopf dabei, um den versammelt sich die Familie mittags. Nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen. Am Kaffeetrinken darf auch der Bruder des Vermieters teilhaben, der als einziges Familienmitglied im Haus wohnt, und der die perfekte Besetzung für die Rolle „schrullig“ darstellt. Er wäscht zum Beispiel seine Hosen grundsätzlich alle gleichzeitig, so dass er, wenn er sie im Garten zum Trocknen aufhängen will, das in Unterhose tun muss. Auch hat er eine Fernsehzeitschrift abonniert, kümmert sich aber um seine Post überhaupt gar nicht, so dass sie auf der Kommode im Flur versauert, wenn seine Familie sie ihm nicht sonnabends hineinträgt.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass sonnabends an Mittagsschlaf nicht zu denken ist, weil es allenthalben hämmert und sägt, bohrt und klopft, schabt und scheuert; vor drei Wochen rechneten wir fest damit, jeden Augenblick ein großes Loch im Küchenboden zu haben. Wir finden so etwas inzwischen normal. Normal ist auch, dass neben den Sanierungsarbeiten am Haus am Samstagabend der Kompost gewendet ist, die Fernsehzeitung des Bruders von der Kommode verschwunden, der Rasen gemäht und die Äpfel geerntet sind.
Heute nun: Stille. Kein Klopfen, kein Rasenmähergeräusch, kein Fachsimpeln über Sanierungstechniken. Keine ununterscheidbaren Söhne, keine fremden Autos in der Einfahrt, keine Suppendüfte. Auf der Kommode zwei Fernsehzeitschriften und sechs Briefe an den Bruder.

“Fernsehzeitschriften? Briefe? Pah.”, denkt sich der Bruder.

Wir haben unsere Hausarbeit erledigt, wir sitzen am Schreibtisch und müssten unsere Arbeit für die Anstalt tun, Vokabeltests korrigieren, Klassenarbeiten entwerfen, Unterricht vorbereiten, allein – es ist uns nicht möglich. Etwas fehlt. Wir beginnen zu prokrastinieren: Wir hören Radio, wir gehen nach nebenan und plaudern mit der Nachbarin, wir gehen doch erst einkaufen, wir bloggen. Wir bloggen so lange, bis… Moment mal – hören Sie das?