Archiv Sonntag, 23. November 2008

Die blassen Blumen des Alls

Sonntag, 23. November 2008

Julio Cortázars Roman Rayuela von 1963 steckt voller Intertext, Sprachreflexion und metaphysischer Suche, zuallererst aber ist er ein großer Spaß. Man kann ihn auf zweierlei Art und Weise lesen:

  • Linear von Kapitel 1 bis Kapitel 56, das auf Seite 407 endet. Danach kommen unter der Überschrift Von anderen Ufern (Kapitel, die man getrost beiseite lassen kann) noch gut zweihundert weitere Seiten, auf die man in dieser Lesart verzichten kann – „ohne Gewissensbisse“, wie der Autor betont.
  • Nach einer von Cortázar vorgegebenen Kapitelreihenfolge, die die Kapitel 57 bis 115 miteinbezieht, und die vorne unter der Überschrift Wegweiser aufgelistet ist: 73-1-2-116-3-84-4- 71-5-81-74-6-[…]-58-131. Bei dieser Lesart muss man ziemlich viel blättern, und man sollte sich vor dem Anfangen darüber im Klaren sein, dass Kapitel 131 auf Kapitel 58 verweist und umgekehrt, so dass man, nimmt man die Übung ernst, am Ende sein Leben lang damit beschäftigt sein wird, diese beiden Kapitel abwechselnd zu lesen.
  • Jedes einzelne Kapitel strotzt vor skurrilen Kleinsterzählungen über die Tragik und Komik des Lebens, um es mal ganz allgemein zu formulieren. Im folgenden Ausschnitt aus Kapitel 41 zum Beispiel versucht ein ewig Matetee trinkender Intellektueller namens Horacio Oliveira in Buenos Aires bei glühender Mittagshitze Nägel geradezuklopfen. Warum? Das weiß er selber nicht so genau.

    „So eine barbarische Kälte“, sagte sich Oliveira, der an die Wirksamkeit der Autosuggestion glaubte. Der Schweiß lief ihm in die Augen, es war unmöglich, einen Nagel mit der Krümmung nach oben zu halten, denn der leiseste Hammerschlag ließ ihn aus den (vor Kälte) nassen Fingern rutschen, schon wieder stach der Nagel ihn in die Finger und ließ sie (vor Kälte) blau anlaufen. Zu allem Übel schien nun die Sonne voll ins Zimmer (es war der Mond über schneebedeckten Steppen, und Oliveira stieß einen Pfiff aus, um die Pferdeschlitten anzutreiben), um drei Uhr würde es keine schneefreie Stelle mehr geben, er würde allmählich vor Kälte steif werden, bis die in slawischen Erzählungen so gut beschriebene, ja sogar hervorgerufene Schläfrigkeit eintrat und sein Körper unter dem mordenden Weiß der blassen Blumen des Alls begraben sein würde. Das war gut: die blassen Blumen des Alls. Genau in diesem Augenblick schlug er sich voll auf den Daumen. Die Kälte fuhr ihm so ins Mark, dass er sich auf dem Boden wälzen musste, um gegen das Zu-Eis-Erstarren anzukämpfen. Als er es endlich fertigbrachte, sich zu setzen, wobei er die Hand in alle Richtungen schüttelte, war er nass von Kopf bis Fuß, wahrscheinlich von geschmolzenem Schnee oder diesem leichten Nieselregen, der sich mit den blassen Blumen des Alls abwechselt und den Wölfen das Fell erfrischt.

    Julio Cortázar: Rayuela. Himmel-und-Hölle, aus dem argentinischen Spanisch von Fritz Rudolf Fries, Frankfurt am Main 1981