Archiv Samstag, 29. November 2008

Hotte Lotte

Samstag, 29. November 2008

Die Ursprungserzählung der Mnemotechnik geht so: Simonides von Keos ist nach dem Einsturz einer Festhalle in der Lage, die Verschütteten zu identifizieren, weil er sich daran erinnern kann, an welcher Stelle sie sich vorher aufgehalten hatten. Die Anekdote ist von Cicero und Quintilian überliefert und beschreibt die Entdeckung, dass vor allem die Anordnung des zu Erinnernden zur Erinnerung beiträgt. Aus dieser grundlegenden mnemologischen Erkenntnis begründete die antike Rhetorik später das methodisch reflektierte Erinnern mittels Merkplätzen – Mnemotopoi – also räumlichen Platzhaltern für Gedächtnisinhalte. Zeitliche Diskontinuität, der unumkehrbare Einsturz der Festhalle, wird überwunden und dem Bewusstsein wieder zugänglich gemacht durch räumliche Kontinuität: Die räumliche Struktur des Vergangenen, die Sitzordnung, wird in die Gegenwart übertragen und ist dadurch rekonstruierbar, erinnerbar.
Ein schönes Beispiel für eben jene Technik findet sich in Carolin Emckes Buch Von den Kriegen, sehr lesenswert übrigens. Über die nicaraguanische Hauptstadt Managua heißt es dort:

Straßennamen gibt es nicht in Managua, Ortsangaben werden durch ein Referenzsystem mit prominenten Orientierungspunkten umschrieben.
„Von der Kirche Santa Maria einen Block aufwärts und dann zwanzig Blocks nach Süden.“ Oder „Vom Nationalpalast zwei Blocks aufwärts und fünf nach Norden.“

Nicaragua wurde im letzten Jahrhundert von zwei Erdbeben und einem Hurrikan verwüstet, die unter anderem auch einen Teil der Gebäude zerstörten, die als Bezugspunkte dienten. Der Stadtplan Managuas existiert also im Bewusstsein der Bewohner als „imaginäre Landkarte aus der Vergangenheit“, die mit dem heutigen Erscheinungsbild der Stadt nur noch wenig zu tun hat. Wegbeschreibungen lauten nun etwa so:

Von da, wo früher die Kirche San Marco war, zwei Blocks abwärts und dann drei nach Süden.

Ein funktionierendes System, in dem Fremde nur leider komplett verloren sind.
Straßennamen sind ohnehin ein faszinierendes Thema – eine persönliche Vorliebe, zugegeben, schließlich habe ich mein Blog benannt nach einer Straße, in der ich mal wohnen musste. Mich interessieren Fragen wie: Wäre man dieselbe Person, wenn man eine andere Adresse hätte? Oder allgemeiner: Wie sehr prägt es uns, mit dem deutschen Benennungssystem zu leben, das in Straßennamen Geschichte abspeichert?

Wir machen Grundfiguren aus: Marktplatz, Hauptstraße, die alte Burg, den Tempel oder die Kirche, den Bahnhof als das Tor zur Welt draußen, ein Schloß, das längst Museum ist, eine Konzerthalle, Schulgebäude, Gericht und Gefängnis.

(Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003)

Eine Stadt, deren Straßen in dieser Art benannt sind, muss andere Menschen hervorbringen als zum Beispiel Manhattan, dessen Straßen einfach durchnummeriert sind, dessen Bewohner jedoch mit Hilfe komplizierter Formeln ausrechnen können, wo sich eine bestimmte Adresse genau befindet: Empire State Building, 350, 5th Ave. – letzte Ziffer der Hausnummer weglassen, durch zwei teilen plus 16, Ergebnis: das Empire State Building befindet sich 5th Avenue / Ecke 33rd Street.
Gerade in Deutschland prägen uns auch die vielen historischen Straßenbenennungs-Irrtümer, die zahllosen Adolf-Hitler-Straßen, Stalinstraßen, Straßen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, die es faktisch nicht mehr gibt, die aber im kollektiven Gedächtnis weiterhin aufbewahrt werden. Und die Diskussionen um die Benennung von Straßen nach lebenden Personen, Michael-Schumacher-Straße in Köln-Frechen. Und die schönen Straßen-Alphabete, die es von jeder deutschen Stadt geben sollte.
Wie ich da jetzt drauf komme? Erstens, weil ich das oben erwähnte Buch von Carolin Emcke gerade lese, mit jahrelanger Verspätung leider. Und zweitens, weil ich, wenn ich zum nächstgelegenen Bahnhof fahre, immer an einer Straße namens Hotte-Lotte-Weg vorbeikomme und mich jedes Mal die zunehmend dringlich werdende Frage quält: Wer oder was, um alles in der Welt, war Hotte Lotte?