Archiv Dezember 2008

Berlin/Berlin

Dienstag, 30. Dezember 2008


Alles OK, fragt uns Berlin.

Alles OK, antworten wir in einem Ton, der zwar der berlinerischen Erdzugewandtheit entspricht, unserer großen Freude über die Stadt aber nicht annähernd Ausdruck verleiht. Den ersten Abend verbringen wir bei Herrn Rossi, der in Wirklichkeit drei Personen ist, und rechnen umständlich aus, wie viel km/h ein Hundertmeterläufer so ungefähr läuft. Herr Rossi sind echte Italiener, aber Pizza steht nicht auf der Karte. Auch haben sie den Dreh weit besser raus als Dr. Stockmann, der hier zuvor residiert hatte. Kneipen sollten von Menschenfreunden betrieben werden, und schon sind alle glücklich – nur dass die Jungs immer unbedingt nach Thailand reisen wollen anstatt nach Tokio.
Was anders ist: Der Bahnhof Friedrichstraße ist mit Weihnachtsbeleuchtung behängt, und wenn man die S-Bahn in Richtung Weidendammer Brücke unterquert, steht man plötzlich vor einem fremden Haus. Nicht unelegant, die geschwungene Fassade, aber der Tränenpalast fristet jetzt ein Schattendasein und hat seine große Zeit hinter sich, scheint es.


Mit Weihnachtsbeleuchtung erkennt man die Umrisse vom Bahnhof auch viel besser.


Fremdes Haus in der Friedrichstraße. Im Gegenlicht nicht unelegant.

Der Palast der Republik ist weg – für Berliner sind das Nachrichten zum Gähnen, aber wir haben gestaunt über die Weite in der Mitte, die Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelt, und den freien Blick vom Lustgarten zum Nikolaiviertel. Überhaupt geht man durch Großstädte am besten zu Fuß.
Am Ostkreuz, unserer alten Heimat, habe sich nicht viel getan, behaupten die Freunde, ein paar Bäume seien gerodet, sonst nichts. Die haben wohl vergessen, wie lange wir nicht mehr da waren. Die denkmalgeschützte Fußgängerbrücke ist abgebaut – sie liegt hoffentlich irgendwo durchnummeriert in Einzelteilen und wartet auf ihren Wiederaufbau. (Wo lagert man Brücken?)
Steht man auf Bahnsteig A und schaut nach Westen, sieht man diese neumodische Arena, über die manchmal Lächerliches in überregionalen Zeitungen steht. Richtung Osten fehlt eine Straße, die Kynaststraße. Um die ist es nicht schade, nur haben wir uns immer gefragt, welche Berliner Nutte als erste auf die Idee kam, sich dahin zu stellen, in diese trostlose Einöde zwischen Bahnhof und ehemaligem Narva-Glühlampenwerk.
Das Hostel, über das wir hier mal was geschrieben haben, ist weithin sichtbar. Der Kiez brummt, das freut uns. Keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer.
Wo früher das nicht besonders bequeme, aber ambitionierte und charmante Kino Balács war, inklusive Café, gähnt uns eine leere Fensterfront entgegen, in der sich die Nachmittagssonne spiegelt.


Fensterfront, gähnend.

Keine Buchstabenspiele mit Filmtiteln mehr, nie wieder. Wie schade. Nur Schlögl’s Alt-Berliner Gaststube trotzt den Anfechtungen der Moderne.
Ansonsten: Weihnachtsmärkte allerorten, und alle sehen wie Kirmes aus.


Weihnachtskirmes. Marienkirche.

Irgendwo liegt ein toter Fisch auf dem Asphalt und glänzt in der Sonne. Den muss jemand verloren haben, anders ist das nicht zu erklären. Kein Meer in der Nähe, kein Fluss.
Wir nehmen das als Zeichen.

So orange ist nur Berlin

Freitag, 26. Dezember 2008

Zanklametta

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Schluss mit der besinnlichen Feierei, Schluss mit dem innigen Liedgesang, Schluss mit der Pseudo-Harmonie des Weihnachtsfestes. Schmücken Sie Ihren Tannenbaum mit dem neuartigen essbaren Zanklametta - jetzt in den Geschmacksrichtungen zickig, ordinär, aggressiv und gemein.
So schön haben Sie Weihnachten noch nie gestritten.

Rezept für eine Weihnachtsbaumbehängung Zanklametta
500g verwüsteter Rodelschlitten
250g gecrushte Kinderaugen
33 ordinäre Mandelkerne
2 EL flüssige Harmoniesucht
5 nölende Verwandte
1 Messerspitze filettierte Tannennadeln

Schlittensplitter, Mandelkerne und Kinderaugen vermengen, etwas Wasser hinzugeben und zu einer glitschigen Masse kneten. Bei höchstens minus drei Grad Celsius anderthalb Stunden gehen lassen. Die nölenden Verwandten in winzige Stückchen hacken und mit der Masse vermengen. Ganz zum Schluss mit flüssiger Harmoniesucht und Tannennadeln verfeinern. Bei 450 Grad dreieinhalb Stunden im Ofen backen.
Tipp: Lassen Sie das Zanklametta gut abkühlen, bevor Sie es an Ihren Weihnachtsbaum hängen.

Das Spiel geht so: Zuerst macht man ein Abecedarium zum Thema Weihnachten - zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Substantiv oder Adjektiv, das man mit Weihnachten assoziiert (immer schön subjektiv und parteilich). Dann spielt man ein bisschen mit den Substantiven herum und setzt sie zu neuen Komposita zusammen (bei mir waren das z.B. Rodelquatsch, Mandeltortur, Kinderaugenkerze, Geschenknuss, Weihnachtsaugen, Pfefferjahr und eben Zanklametta). Die Mitspieler einigen sich auf den lustigsten / spannendsten / vielversprechendsten Begriff. Zu ihm schreibt man eine Werbeanzeige. Dann das Rezept mit möglichst vielen der im Abecedarium erwähnten Substantive und Adjektive. Wenn alle fertig sind: vorlesen. [© U.G.]

Wir glauben an dem

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Weihnachten - hohe Zeit, mal wieder an das Fliegende Spaghettimonster zu erinnern.
Oh Herr, wirf Pasta vom Himmel.

Thank you. Lunch?

Montag, 22. Dezember 2008

Es gibt Tage, an denen kann ich dieselbe Musik immer und immer wieder hören. Im Moment ist es das Bachsche Doppelkonzert für zwei Geigen, das ich in- und auswendig kenne, weil ich es mehrmals selber gespielt habe (im Orchester allerdings). Der zweite Satz ist zum Heulen schön, und hätte ich ein besseres Gedächtnis, ich könnte Maarten t’Hart zitieren, der sehr klarsichtig darüber geschrieben hat; im Wüten der ganzen Welt kommt es auch vor.
Dinge, die zum Heulen schön sind, ohne Pathos zu behandeln, das ist wahre Kunst. So wie Jascha Heifetz, der bei einem seiner Meisterkurse den zweiten Satz zusammen mit Erick Friedman ergreifend schön spielt, um anschließend zu sagen: “Thank you. Lunch?”
Um das Pathos gänzlich zu tilgen: Ich wollte eigentlich nur mal ausprobieren, wie man auf der eigenen Seite eingebaute Youtube-Videos punktgenau ansteuert. Die überlegen nämlich noch stundenlang, was sie als nächstes spielen sollen, bauen umständlich Notenständer auf und stimmen ausführlichst die Geigen, bevor sie endlich anfangen.

Film in Wörtern

Samstag, 20. Dezember 2008

Sarah sitzt links auf dem Sofa, ihre Freundin Sally rechts. Letztere trägt einen Rock und hat die Beine sittsam übergeschlagen, während Sarah, in Hosen, ihre Füße rechts neben sich auf das Sofa gelegt hat. „Sie können jetzt zu ihr. Die rechte Tür am Ende des Korridors“, sagt die Sekretärin. Sarah und Sally stehen auf – Sarah abrupt und entschieden, Sally zögerlich, aber folgsam – und gehen am Schreibtisch der Sekretärin vorbei. Sally schaut ängstlich auf Sarah, die sieht erwartungsvoll vor sich in den Korridor, ihr Gang ist entschlossen und selbstbewusst, sie lächelt ein wenig. Die beiden gehen durch den Korridor und kommen an einer weiteren Sekretärin vorbei, die sie von oben bis unten taxiert und sie als das einordnet, was sie sind: Proletariat. Gegenüber von ihrem Schreibtisch ist die Tür zum Büro der Staatsanwältin. Sie ist offen. Kathryn Murphy liegt halb in ihrem Sessel, den linken Arm auf den Schreibtisch gestützt, und telefoniert. Sie wendet den Eintretenden den Rücken zu, hört aber ein Geräusch, dreht sich um, lächelt Sarah zu, sagt „Ihnen auch viel Glück“ ins Telefon und beendet damit das Gespräch. Sarah sieht entspannt und hoffnungsvoll aus und freut sich sichtlich, Ms Murphy zu sehen. Die steht auf und sagt: „Hallo. Danke, dass Sie gekommen sind“ zu Sally, woraufhin sich Sarah nach links wendet und Sally stolz anlächelt. Sally umklammert ihre Handtasche mit beiden Händen und lächelt Ms Murphy gequält zu. „Sarah, das war nicht nötig“, fährt die Staatsanwältin fort und schüttelt Sally die Hand. „Ich dachte, ich komme besser mit“, antwortet Sarah und gestikuliert unsicher mit beiden Händen. „Könnten Sie draußen warten?“ fragt Ms Murphy unumwunden und ruft im selben Atemzug der Sekretärin draußen zu: „Alana, bitte jetzt keine Anrufe“, während sie mit ihrer linken Hand die Tür schließt. Sarah ist verunsichert, verlegen, dreht mit der linken Hand an einem Ring an ihrer rechten Hand, murmelt Sally überflüssigerweise zu: „Ich warte dann draußen“ und tritt einen Schritt zurück. Neben der Tür ist eine Glasscheibe in die Wand eingelassen, so dass Sarah, während sie sich auf dem Flur auf einen Stuhl setzt, Sally beobachten kann, zu der die Staatsanwältin gerade sagt: „Sally, setzen Sie sich doch bitte hier hin. Ich möchte Ihnen zuerst ein paar Fragen zum besagten Abend stellen“. Sarah sieht vor sich hin, enttäuscht, frustriert, unsicher. „Antworten Sie ganz offen und ehrlich“, sagt Kathryn Murphy drinnen; Sarah sieht wieder durch die Glasscheibe in den Raum. Sie beugt sich vor und hebt die linke Augenbraue etwas an, um genau mitzubekommen, was drinnen vor sich geht. Die Sekretärin ihr gegenüber hämmert auf ihre Schreibmaschine ein und tut so als sei Sarah Luft. Sarah dreht wieder an ihrem Ring, bewegt unruhig die Beine und zwingt sich, nicht schon wieder durch die Glasscheibe zu spähen. Dann tut sie es doch und sieht Sallys demütig nebeneinander gestellte Beine im grauen Rock.

Das ist Minute 50 aus dem Film The Accused (dt. Angeklagt) von 1988 mit Jodie Foster als Vergewaltigungsopfer Sarah Tobias und Kelly McGillis als Staatsanwältin Kathryn Murphy (Regie: Jonathan Kaplan).
Filme mit Worten zu beschreiben übt eine seltsame Faszination auf mich aus, ich wollte das schon lange einmal ausprobieren. Jene 50. Minute hätte ich viel knapper, aber auch sehr sehr viel ausführlicher schildern können. Ich hätte mich wie beim Transkribieren auf die Beschreibung dessen beschränken können, was man sieht und hört, auf die Schnitte, die Kamerafahrten und die Hintergrundgeräusche. Ich hätte aber auch viel mehr interpretieren und beispielsweise das momentane Stadium der Beziehung zwischen Sarah und der Staatsanwältin näher benennen können. Über eine einzige Filmminute lassen sich problemlos zehn Seiten Text schreiben.
Was wieder einmal bestätigt, was wir alle schon wussten: Film ist ein hochkomplexes und dadurch auch gefährliches Medium: Beim einmaligen Sehen, womöglich noch im Kino, wirken so viele Dinge aufs Unterbewusstsein ein, die man nicht einmal ansatzweise rationalisieren kann, dass man gar keine Chance hat, das Werk verstandesmäßig in Gänze zu begreifen. Man sollte einen Film mindestens fünf Mal gesehen haben, bevor man sich ein Urteil erlaubt. Kein Wunder, dass das Filmemachen immer extreme Teamarbeit ist.
Die Idee mit der einzelnen Minute stammt aus dem genialen Filmbuch Minutentexte. Dieses Buch, das den Film The Night of the Hunter in einzelne Minuten zerlegt und analysiert, steht schon lange auf einer meiner unpublizierten und zwischendurch vergessenen Wunschlisten, was natürlich niemand wissen kann. In diesem Jahr schenke ich es mir selbst zu Weihnachten.
Ebenso faszinierend wie das wettbewerbsmäßig betriebene Nacherzählen von Filmen ist auch der Beruf des Filmerklärungstexters für Blinde. Den behalte ich im Gedächtnis, falls das mit der Anstalt sich doch noch als Schnapsidee entpuppt.

Mal ehrlich

Freitag, 19. Dezember 2008

Meine offizielle Aufgabe ist es, für die örtlichen Käseblättchen mit Namen Blickpunkt, Nachrichten oder Kurier einen Bericht über das Weihnachtskonzert der Anstalt zu schreiben. Sie wurde mir aufgedrückt, kaum hatte ich einmal zu oft vom Bloggen geredet. Nun denn, ich schreibe ja nicht ungern.
Blöd ist nur, dass ich nie die Wahrheit sagen darf, sondern immer nur loben muss. Anstatt Das Kammerensemble produzierte leider Katzenmusik muss es heißen Den Eindruck besonderer Harmonie vermittelten die Mitgieder des Kammerensembles in ihren einheitlichen weinroten T-Shirts – und auch das ist schon hart an der Grenze des Erlaubten, schließlich sind die Leute hier nicht blöd und durchschauen den kläglichen Kompensationsversuch sofort – Belobigung des Äußeren statt peinlicher Erwähnung der nicht vorhandenen musikalischen Qualitäten.
Dürfte Müsste ich einen ganz und gar ehrlichen Bericht verfassen, so sähe er aus:

Über das gestrige Weihnachtskonzert kann ich mir leider kein Urteil erlauben. Ich habe es nicht gehört.
Wohl war ich physisch gegenwärtig, aber ich saß neben Kollegin T., die konstant meiner Aufmerksamkeit bedurfte. Zuerst machte sie gemeine Bemerkungen über einzelne Mitglieder des Chores. Dann unterhielten wir uns über frühe eigene Erfahrungen mit dem Chorgesang und über unser beider Unkenntnis des gängigen kirchlichen Weihnachtsliedrepertoires. Von dort aus kamen wir, ich weiß nicht wie, auf die Schönheiten der DDR-Hymne zu sprechen. Wie schade, fanden wir übereinstimmend, dass man sie nur noch so selten hört. Dann kam ein Publikumslied, bei dem Kollegin T. mir ins Ohr pfiff, weil sie aus früher Kindheit eine Abneigung gegen das Singen zurückbehalten hat.
Anschließend wurde ihr klar, dass sie am Ende des Konzerts auf die Bühne würde gehen müssen, um für ihre Verdienste an dieser Veranstaltung öffentlich einen Weihnachtsstollen entgegen zu nehmen. Ob es schlimm sei, wollte sie wissen, dass sie daran nicht vorher gedacht und eine andere Hose als ausgerechnet ihre ältesten Jeans angezogen habe. Es blieb ihr ja aber nichts anderes übrig.
Als das überstanden war, wurde vor dem letzten Lied an die Spendenbereitschaft des Publikums appelliert, woraufhin Kollegin T. geräuschvoll in ihrem Portemonnaie kramte. Das letzte gemeinsame Lied kannte Kollegin T. und war auch durchaus bereit, es mitzusingen, konnte sich aber nicht entscheiden, in welcher Stimmlage (zur Auswahl standen Sopran und Tenor). Am Ende sagte sie strahlend: Das war doch mal ein richtig schönes Konzert, oder?
Das weiß ich leider nicht. Ich habe es nicht gehört.