Archiv Freitag, 19. Dezember 2008

Mal ehrlich

Freitag, 19. Dezember 2008

Meine offizielle Aufgabe ist es, für die örtlichen Käseblättchen mit Namen Blickpunkt, Nachrichten oder Kurier einen Bericht über das Weihnachtskonzert der Anstalt zu schreiben. Sie wurde mir aufgedrückt, kaum hatte ich einmal zu oft vom Bloggen geredet. Nun denn, ich schreibe ja nicht ungern.
Blöd ist nur, dass ich nie die Wahrheit sagen darf, sondern immer nur loben muss. Anstatt Das Kammerensemble produzierte leider Katzenmusik muss es heißen Den Eindruck besonderer Harmonie vermittelten die Mitgieder des Kammerensembles in ihren einheitlichen weinroten T-Shirts – und auch das ist schon hart an der Grenze des Erlaubten, schließlich sind die Leute hier nicht blöd und durchschauen den kläglichen Kompensationsversuch sofort – Belobigung des Äußeren statt peinlicher Erwähnung der nicht vorhandenen musikalischen Qualitäten.
Dürfte Müsste ich einen ganz und gar ehrlichen Bericht verfassen, so sähe er aus:

Über das gestrige Weihnachtskonzert kann ich mir leider kein Urteil erlauben. Ich habe es nicht gehört.
Wohl war ich physisch gegenwärtig, aber ich saß neben Kollegin T., die konstant meiner Aufmerksamkeit bedurfte. Zuerst machte sie gemeine Bemerkungen über einzelne Mitglieder des Chores. Dann unterhielten wir uns über frühe eigene Erfahrungen mit dem Chorgesang und über unser beider Unkenntnis des gängigen kirchlichen Weihnachtsliedrepertoires. Von dort aus kamen wir, ich weiß nicht wie, auf die Schönheiten der DDR-Hymne zu sprechen. Wie schade, fanden wir übereinstimmend, dass man sie nur noch so selten hört. Dann kam ein Publikumslied, bei dem Kollegin T. mir ins Ohr pfiff, weil sie aus früher Kindheit eine Abneigung gegen das Singen zurückbehalten hat.
Anschließend wurde ihr klar, dass sie am Ende des Konzerts auf die Bühne würde gehen müssen, um für ihre Verdienste an dieser Veranstaltung öffentlich einen Weihnachtsstollen entgegen zu nehmen. Ob es schlimm sei, wollte sie wissen, dass sie daran nicht vorher gedacht und eine andere Hose als ausgerechnet ihre ältesten Jeans angezogen habe. Es blieb ihr ja aber nichts anderes übrig.
Als das überstanden war, wurde vor dem letzten Lied an die Spendenbereitschaft des Publikums appelliert, woraufhin Kollegin T. geräuschvoll in ihrem Portemonnaie kramte. Das letzte gemeinsame Lied kannte Kollegin T. und war auch durchaus bereit, es mitzusingen, konnte sich aber nicht entscheiden, in welcher Stimmlage (zur Auswahl standen Sopran und Tenor). Am Ende sagte sie strahlend: Das war doch mal ein richtig schönes Konzert, oder?
Das weiß ich leider nicht. Ich habe es nicht gehört.