Film in Wörtern

Sarah sitzt links auf dem Sofa, ihre Freundin Sally rechts. Letztere trägt einen Rock und hat die Beine sittsam übergeschlagen, während Sarah, in Hosen, ihre Füße rechts neben sich auf das Sofa gelegt hat. „Sie können jetzt zu ihr. Die rechte Tür am Ende des Korridors“, sagt die Sekretärin. Sarah und Sally stehen auf – Sarah abrupt und entschieden, Sally zögerlich, aber folgsam – und gehen am Schreibtisch der Sekretärin vorbei. Sally schaut ängstlich auf Sarah, die sieht erwartungsvoll vor sich in den Korridor, ihr Gang ist entschlossen und selbstbewusst, sie lächelt ein wenig. Die beiden gehen durch den Korridor und kommen an einer weiteren Sekretärin vorbei, die sie von oben bis unten taxiert und sie als das einordnet, was sie sind: Proletariat. Gegenüber von ihrem Schreibtisch ist die Tür zum Büro der Staatsanwältin. Sie ist offen. Kathryn Murphy liegt halb in ihrem Sessel, den linken Arm auf den Schreibtisch gestützt, und telefoniert. Sie wendet den Eintretenden den Rücken zu, hört aber ein Geräusch, dreht sich um, lächelt Sarah zu, sagt „Ihnen auch viel Glück“ ins Telefon und beendet damit das Gespräch. Sarah sieht entspannt und hoffnungsvoll aus und freut sich sichtlich, Ms Murphy zu sehen. Die steht auf und sagt: „Hallo. Danke, dass Sie gekommen sind“ zu Sally, woraufhin sich Sarah nach links wendet und Sally stolz anlächelt. Sally umklammert ihre Handtasche mit beiden Händen und lächelt Ms Murphy gequält zu. „Sarah, das war nicht nötig“, fährt die Staatsanwältin fort und schüttelt Sally die Hand. „Ich dachte, ich komme besser mit“, antwortet Sarah und gestikuliert unsicher mit beiden Händen. „Könnten Sie draußen warten?“ fragt Ms Murphy unumwunden und ruft im selben Atemzug der Sekretärin draußen zu: „Alana, bitte jetzt keine Anrufe“, während sie mit ihrer linken Hand die Tür schließt. Sarah ist verunsichert, verlegen, dreht mit der linken Hand an einem Ring an ihrer rechten Hand, murmelt Sally überflüssigerweise zu: „Ich warte dann draußen“ und tritt einen Schritt zurück. Neben der Tür ist eine Glasscheibe in die Wand eingelassen, so dass Sarah, während sie sich auf dem Flur auf einen Stuhl setzt, Sally beobachten kann, zu der die Staatsanwältin gerade sagt: „Sally, setzen Sie sich doch bitte hier hin. Ich möchte Ihnen zuerst ein paar Fragen zum besagten Abend stellen“. Sarah sieht vor sich hin, enttäuscht, frustriert, unsicher. „Antworten Sie ganz offen und ehrlich“, sagt Kathryn Murphy drinnen; Sarah sieht wieder durch die Glasscheibe in den Raum. Sie beugt sich vor und hebt die linke Augenbraue etwas an, um genau mitzubekommen, was drinnen vor sich geht. Die Sekretärin ihr gegenüber hämmert auf ihre Schreibmaschine ein und tut so als sei Sarah Luft. Sarah dreht wieder an ihrem Ring, bewegt unruhig die Beine und zwingt sich, nicht schon wieder durch die Glasscheibe zu spähen. Dann tut sie es doch und sieht Sallys demütig nebeneinander gestellte Beine im grauen Rock.

Das ist Minute 50 aus dem Film The Accused (dt. Angeklagt) von 1988 mit Jodie Foster als Vergewaltigungsopfer Sarah Tobias und Kelly McGillis als Staatsanwältin Kathryn Murphy (Regie: Jonathan Kaplan).
Filme mit Worten zu beschreiben übt eine seltsame Faszination auf mich aus, ich wollte das schon lange einmal ausprobieren. Jene 50. Minute hätte ich viel knapper, aber auch sehr sehr viel ausführlicher schildern können. Ich hätte mich wie beim Transkribieren auf die Beschreibung dessen beschränken können, was man sieht und hört, auf die Schnitte, die Kamerafahrten und die Hintergrundgeräusche. Ich hätte aber auch viel mehr interpretieren und beispielsweise das momentane Stadium der Beziehung zwischen Sarah und der Staatsanwältin näher benennen können. Über eine einzige Filmminute lassen sich problemlos zehn Seiten Text schreiben.
Was wieder einmal bestätigt, was wir alle schon wussten: Film ist ein hochkomplexes und dadurch auch gefährliches Medium: Beim einmaligen Sehen, womöglich noch im Kino, wirken so viele Dinge aufs Unterbewusstsein ein, die man nicht einmal ansatzweise rationalisieren kann, dass man gar keine Chance hat, das Werk verstandesmäßig in Gänze zu begreifen. Man sollte einen Film mindestens fünf Mal gesehen haben, bevor man sich ein Urteil erlaubt. Kein Wunder, dass das Filmemachen immer extreme Teamarbeit ist.
Die Idee mit der einzelnen Minute stammt aus dem genialen Filmbuch Minutentexte. Dieses Buch, das den Film The Night of the Hunter in einzelne Minuten zerlegt und analysiert, steht schon lange auf einer meiner unpublizierten und zwischendurch vergessenen Wunschlisten, was natürlich niemand wissen kann. In diesem Jahr schenke ich es mir selbst zu Weihnachten.
Ebenso faszinierend wie das wettbewerbsmäßig betriebene Nacherzählen von Filmen ist auch der Beruf des Filmerklärungstexters für Blinde. Den behalte ich im Gedächtnis, falls das mit der Anstalt sich doch noch als Schnapsidee entpuppt.

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