Berlin/Berlin


Alles OK, fragt uns Berlin.

Alles OK, antworten wir in einem Ton, der zwar der berlinerischen Erdzugewandtheit entspricht, unserer großen Freude über die Stadt aber nicht annähernd Ausdruck verleiht. Den ersten Abend verbringen wir bei Herrn Rossi, der in Wirklichkeit drei Personen ist, und rechnen umständlich aus, wie viel km/h ein Hundertmeterläufer so ungefähr läuft. Herr Rossi sind echte Italiener, aber Pizza steht nicht auf der Karte. Auch haben sie den Dreh weit besser raus als Dr. Stockmann, der hier zuvor residiert hatte. Kneipen sollten von Menschenfreunden betrieben werden, und schon sind alle glücklich – nur dass die Jungs immer unbedingt nach Thailand reisen wollen anstatt nach Tokio.
Was anders ist: Der Bahnhof Friedrichstraße ist mit Weihnachtsbeleuchtung behängt, und wenn man die S-Bahn in Richtung Weidendammer Brücke unterquert, steht man plötzlich vor einem fremden Haus. Nicht unelegant, die geschwungene Fassade, aber der Tränenpalast fristet jetzt ein Schattendasein und hat seine große Zeit hinter sich, scheint es.


Mit Weihnachtsbeleuchtung erkennt man die Umrisse vom Bahnhof auch viel besser.


Fremdes Haus in der Friedrichstraße. Im Gegenlicht nicht unelegant.

Der Palast der Republik ist weg – für Berliner sind das Nachrichten zum Gähnen, aber wir haben gestaunt über die Weite in der Mitte, die Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelt, und den freien Blick vom Lustgarten zum Nikolaiviertel. Überhaupt geht man durch Großstädte am besten zu Fuß.
Am Ostkreuz, unserer alten Heimat, habe sich nicht viel getan, behaupten die Freunde, ein paar Bäume seien gerodet, sonst nichts. Die haben wohl vergessen, wie lange wir nicht mehr da waren. Die denkmalgeschützte Fußgängerbrücke ist abgebaut – sie liegt hoffentlich irgendwo durchnummeriert in Einzelteilen und wartet auf ihren Wiederaufbau. (Wo lagert man Brücken?)
Steht man auf Bahnsteig A und schaut nach Westen, sieht man diese neumodische Arena, über die manchmal Lächerliches in überregionalen Zeitungen steht. Richtung Osten fehlt eine Straße, die Kynaststraße. Um die ist es nicht schade, nur haben wir uns immer gefragt, welche Berliner Nutte als erste auf die Idee kam, sich dahin zu stellen, in diese trostlose Einöde zwischen Bahnhof und ehemaligem Narva-Glühlampenwerk.
Das Hostel, über das wir hier mal was geschrieben haben, ist weithin sichtbar. Der Kiez brummt, das freut uns. Keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer.
Wo früher das nicht besonders bequeme, aber ambitionierte und charmante Kino Balács war, inklusive Café, gähnt uns eine leere Fensterfront entgegen, in der sich die Nachmittagssonne spiegelt.


Fensterfront, gähnend.

Keine Buchstabenspiele mit Filmtiteln mehr, nie wieder. Wie schade. Nur Schlögl’s Alt-Berliner Gaststube trotzt den Anfechtungen der Moderne.
Ansonsten: Weihnachtsmärkte allerorten, und alle sehen wie Kirmes aus.


Weihnachtskirmes. Marienkirche.

Irgendwo liegt ein toter Fisch auf dem Asphalt und glänzt in der Sonne. Den muss jemand verloren haben, anders ist das nicht zu erklären. Kein Meer in der Nähe, kein Fluss.
Wir nehmen das als Zeichen.

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