Limericks
Sonntag, 14. Dezember 2008Time to throw out the reason.
…sagt Kollege H. streng zur röchelnden Kaffeemaschine und gießt sich einen Kaffee ein.
Zu mir, während ich etwas an die Tafel schreibe, sagt jovial eine Sechstklässlerin: Übrigens, Herr H. übt zur Zeit, vor der Tafel unsichtbar zu werden, vielleicht können Sie sich von dem ein paar Tipps holen.
Kackfrech, diese Kinder von heute.
Wir sind zu dritt. Die beiden Versuchsmänner, so ist die Planung, sollen nach dem ersten Glühwein im „Männer-Parking“ abgegeben werden, um inkognito zu ermitteln, wie es da so zugeht – welche Rockmusik dort gehört werden kann, zum Beispiel, und mit Hilfe welcher Kartenspiele sich der dem weihnachtlichen Einkaufsstress nicht gewachsene Celler Mann entspannt.
Männer-Parking? Fehlanzeige. Nirgends zu sehen. Statt dessen schallt ein einziges, großes, den Himmel lobendes Jauchzen und Frohlocken durch Celle. Allüberall flanieren hochmotivierte Männer neben ihren Frauen, Einkaufstüten schwenkend, interessiert die Auslagen musternd. In Celle gibt es ausschließlich glückliche Paare. Bei Karstadt sinnieren sie liebevoll gemeinsam darüber, ob Tante Erna dieses Stehrümchen besser gefallen würde oder jenes, und wer von beiden sich wo aufgeschrieben hat, welche Kleidergröße die kleine Chantal-Cheyenne mittlerweile trägt. Hinterher sieht man sie entspannt an den Weihnachtsmarkt-Büdchen stehen, Glühwein trinken und den positiven Einfluss des Shoppens auf die Paarbeziehung erörtern. Gleichgesinnte Paare kommen zwanglos ins Gespräch: Wo haben Sie denn dieses hübsche Accessoire? Bei Dettmer&Müller habe man aber denselben Strickschal für einen wesentlich geringeren Preis. Ach, wir haben uns doch am letzten Sonnabend bei dem Motivationskursus. Nein, der soziale Aspekt des Shoppens sei keineswegs zu unterschätzen.
Das Pfand für die Glühweinbecher mit dem Aufdruck Celler Weihnachtsmarkt beträgt 2 Euro. Der Verkäufer der Straßenzeitung trägt seinen Spruch in Gedichtform vor – leben reimt sich auf geben, fett auf nett. Vor dem Kino steht ein Riesenrad, das nur für sehr kleine Kinder riesig ist.
Uns ist das alles nicht geheuer. Wir drehen ab und setzen uns für den Rest des Nachmittags ins Café, hören Rockmusik und spielen Skat.
Der letzte Schluck im Glühweinbecher ist immer kalt, egal, wie schnell man trinkt.
T.S. Eliot was quite at a loss
when clubwomen bustled across
at literary teas,
crying: “What, if you please,
did you mean by The Mill on the Floss?”
…und geh durch eure Träume.
Onkel Arnold ist gestorben, am letzten Wochenende war die Beerdigung. Zuletzt wohnte er im Heim, wo es ihm überhaupt nicht gefiel, schließlich verboten sie ihm dort seine berühmten tagelangen Streifzüge durch den Ort und über die Felder – hier und dort bei wildfremden Leuten einkehren, nett plaudern, ein bisschen aus seinem Leben erzählen und sich dann wieder auf den Weg machen. Immer interessiert, immer höflich, immer zäh und tapfer.
Schon lange war ihm eine Hausbesichtigung zugesichert worden: Wenn das Haus fertig saniert ist, dann nehmen wir dich mal mit und zeigen dir alles. Lauter falsche Versprechungen. Onkel Arnold ist tot, das Haus längst nicht fertig, und seit er ins Heim umgezogen ist, war er nicht mehr hier. Wir hätten ihn gern noch einmal mit warmem Most bewirtet und Geschichten aus seinem Leben gehört. Das ist nu nicht mehr möglich.
Allebest, Onkel Arnold.