Archiv Januar 2009

Twitter

Samstag, 31. Januar 2009

Warum eigentlich 140 und nicht 139 oder 142?
Mir als bekennender Nicht-Twittererin kann man sonstwas erzählen über Geborgenheit im virtuellen Freundeskreis, Netzwerk oder die Freuden des Folgens – ich winke müde ab, ohne es je ausprobiert zu haben. Mich interessieren Geschichten, nicht Wasserstands- meldungen. Microblogging – a contradiction in terms.
Vermutlich nicht zufällig aber war es Stephen Fry, der Twitter jetzt so beschrieben hat, dass auch ich etwas damit anfangen kann:

The absurd constraints of the 140 character tweet seem oddly to bring out the best in wit, insight and observation.

Beobachtungsgabe, Einsicht, Witz…– Twitter als Aphorismusmaschine, das ist natürlich ganz etwas anderes.

Perlen gotischer Baukunst (5)

Freitag, 30. Januar 2009

The seagull gives his side of the story

Fish?
Fish?
Don’t talk to me about fish.
I hate fish.

Roddy Doyle: The Giggler Treatment (2000), S. 91

Knotenkunde

Dienstag, 27. Januar 2009

Man kann ja Schleifen herstellen, indem man die beiden Schnürsenkel zu Schlaufen formt und diese miteinander verknotet, haben Sie das gewusst?
Stellt sich natürlich sofort die wichtige Frage: Wer kam auf die Idee, die Schleife zu erfinden und warum? Wikipedia weiß darüber nichts, bereichert die Überlegungen jedoch mit erheblichem Wortwitz:

Zunehmend Verbreitung findet der Klettverschluss. Bei Kinderschuhen entbindet er von der Notwendigkeit, den Kindern Knoten beibringen zu müssen.

Die wahrscheinlich schnellste Art, eine Schleife zu binden, der so genannte Ian Knot, lässt sich hier ansehen:

Hier noch einmal zeichnerisch dargestellt.
Hätten wir mehr Zeit, wir schröben eine Kulturgeschichte der Schleife. Massig Forschungsbedarf auf dem Gebiet.

Limerick (51)

Montag, 26. Januar 2009

A newspaper poet for Hearst,
deprived of his reason
by uncontrolled sneezing,
was by phantasmal demons coerced
to write all of his limericks reversed.

Von der Welt vergessen

Sonntag, 25. Januar 2009

Nun ist es ja so: Da schreibt man jahrelang an einem Buch der Sorte Dissertation, verteilt das Korrekturlesen auf möglichst viele Leute, verteidigt das, kriegt eine Note dafür, beantragt einen Druckkostenzuschuss, bekommt ihn nicht, setzt also selber für den Druck, liest noch fünfmal Korrektur, bezahlt viel Geld und freut sich riesig, wenn das schwere Paket mit den zwanzig Freiexemplaren eintrifft. Danach passiert - nichts. Außer dass man ab und zu drin liest und jedes Mal weitere Tippfehler findet.
Die Freunde lesen es nicht, wäre auch ein bisschen viel verlangt, und bis die Forschung es wahrnimmt, rezensiert oder sich anderweitig damit auseinandersetzt, und diese Auseinandersetzung dann wiederum in gedruckter Form erscheint, dauert es Jahre. Büchermachen ist ein langwieriges Geschäft.
Immerhin schickt der Verlag ab und an Besprechungen, an die ich selber nicht käme, schon gar nicht hier in der Heide. Aus diesen habe ich mir jetzt, sozusagen als Erinnerung daran, dass jemand mein Buch gelesen in meinem Buch geblättert hat, eine Wortwolke gebastelt. Die gucke ich mir künftig an, wann immer mich das Gefühl beschleicht, die Literaturwissenschaft habe mich vergessen. (Ein faszinierendes Spielzeug, dieses wordle, nur dass mein Browser partout keinen Screenshot davon machen will.)
Übrigens habe ich ein Jahr nach Erscheinen einen echten Leserbrief bekommen, von einem Juristen und Hobbyforscher, den ich von Tagungen und Konferenzen kenne, der mir mit einer langen Liste geholfen hat und deshalb in der Danksagung erwähnt ist. Er schrieb, er habe das Buch von vorne bis hinten gelesen. Da sind wir schon zu zweit.

Perlen gotischer Baukunst (4)

Donnerstag, 22. Januar 2009

You would also think that a childhood spent in such close proximity to the workaday incidentals of death would be good preparation. That when someone you knew actually died, maybe you’d get to skip a phase or two of the grieving process – “denial” and “anger” for example – and move on with your life that much more quickly. But in fact, all the years spent visiting gravediggers, joking with burialvault salesmen, and teasing my brothers with crushed vials of smelling salts only made my own father’s death more incomprehensible.
Who embalms the undertaker when he dies? It was like the Russell paradox… the famous conundrum of the cleanshaven barber whose sign reads, “I shave all those men, and only those men, who do not shave themselves.” The barber, equally unable to shave himself, and to not shave himself, is impossible.

Alison Bechdel: Fun Home. A Familiy Tragicomic (2006), S. 50/51

Poe

Montag, 19. Januar 2009

Am 19. Januar vor zweihundert Jahren wurde Edgar Allan Poe geboren. Zeitungen und Radio sind voll von ihm, und allüberall sieht man die Daguerrotypie von 1848, Arme verschränkt, missmutig, verkniffen, unzufrieden.
Mein Verhältnis zu Poe ist ein naives. Im Studium bin ich ihm nie begegnet, ich kenne noch nicht einmal The Raven, auch wenn ich ungefähr weiß, worum es geht, und ich habe gerade eben erst gelernt, dass Allan ein Nachname ist und kein Vorname. Meine Poe-Kenntnis gründet sich auf ein einziges Buch.
Es heißt Der Goldkäfer und andere phantastische Geschichten und war ein Geschenk der Ostverwandtschaft. Wie alles aus „der Zone“, wie mein Vater die DDR heute noch zu nennen pflegt, wurde es auf ideologische Lauterkeit geprüft, bevor das Kind es in die Hand bekam – nicht aber auf emotionale Angemessenheit. Das Copyright liegt bei Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 1979, es handelt sich um die 2. Auflage 1983, da war ich schon zwölf und entsprach somit der Zielgruppe: „Für Leser von 12 Jahren an“, heißt es auf dem Vorsatzblatt. Den Preis hat jemand mit Kugelschreiber übermalt, er ist nicht mehr zu erkennen.
Ich glaube, dieses Buch hat mich nachhaltig geschädigt. Es enthält berühmte Geschichten wie Der Goldkäfer, Die Maske des roten Todes, Der Doppelmord in der Rue Morgue, Der Untergang des Hauses Usher, Grube und Pendel, Der entwendete Brief. Ich war fasziniert von Geschichten, in denen das logische Denken die Hauptrolle spielt und in denen Sätze vorkommen wie „Je nun“, sagte Dupin gedehnt, zwischen den Zügen aus seiner Meerschaumpfeife…, auch wenn ich es auf eine diffuse Weise unfair fand, dass der Leser immer weniger Informationen hat als der Ermittler und deshalb den Fall nicht selber lösen kann. Noch faszinierter aber war ich von den Geschichten, die das pure psychische Grauen schilderten, Grube und Pendel zum Beispiel, in der jemand gefoltert wird, indem ein skalpellscharfes Stahlpendel sich unmerklich immer näher in Richtung seines Herzens senkt. Oder Der Untergang des Hauses Usher mit der lebendig begrabenen Lady Madeline. Davon habe ich Albträume davongetragen, deren Bilder fatal den Illustrationen von Paul Rosié ähnelten, und die mich oft nachts aufwachen ließen, schweißgebadet, bewegungsunfähig, voller Angst. Gleichwohl habe ich das Buch wieder und wieder gelesen – Faszination des Grauens und ein vorwissenschaftliches Signal von Qualität. Von Gruselgeschichten habe ich seitdem abgesehen, Stephen King ist mir unbekannt, Horrorfilme im Kino kann ich nicht ertragen, Albträume kriege ich von viel weniger schauerlichen Vorstellungen. Vielleicht hat Poe da früh einen Maßstab gesetzt, den zu überschreiten ich mein ganzes Leben lang nicht in der Lage sein werde.
Hinten in dem Band befinden sich übrigens allerlei Worterklärungen, Skarabäus = Mistkäfer, wurde im alten Ägypten als Symbol des Lebens und der Sonne verehrt, was Kinder eben nicht wissen. Darunter auch diese: Mr. = Abkürzung für Mister, englisch: Herr (als Anrede vor dem Namen). Das deute ich einfach mal als Hinweis auf die Qualität des Englischunterrichts in der DDR.