Treppauf, treppab
Hamburg sei wieder eisfrei, behauptet die Nachbarin, als sie von der Chorprobe zurückkommt. Hier dagegen knirscht jeder Schritt, und beim Fahrradfahren kann man ganz schön ins Schlingern geraten. Auf der Hauptstraße konnte man vorgestern Schlittschuh laufen, Wasserrohrbruch. Die Pferde, die man aus dem Küchenfenster sehen kann, haben Kleidungsstücke an. Die Heide steht erstarrt und frierend, die Farben reichen von hellgrau bis dunkelgrau, plus ein bisschen himmelblau. Das deuten wir natürlich symbolisch.
Grau in grau plus himmelblau.
Das niedersächsische Bauernhaus, in dem wir wohnen, ist immer noch nicht fertig saniert. Neulich haben wir die Handwerker von „der Ruine“ reden hören. Dabei haben wir jetzt eine neue Treppe. Die alte war so steil und eng, dass Leute wie Onkel Arnold sich gut festhalten mussten beim Abstieg. Einen Sonnabendvormittag lang mussten wir zu Hause ausharren, von der Welt getrennt durch einen Höhenunterschied von vier Metern, den wir durch einen wagemutigen Sprung hätten überwinden müssen.
Durch die Wohnungstür hörten wir die Tischler fluchen über die schiefen Wände, aber sie stellten die neue Treppe weisungsgemäß auf, und wir freuen uns seitdem über die ungewohnte Breite, die paar Stufen mehr, die das Ganze sehr viel ungefährlicher machen, und überhaupt den freundlicheren Eindruck, den die neue Treppe ausstrahlt. Sie geht sich auch sehr gut.
Es gibt Leute, die kaufen sich ein Sofa und legen eine Decke drüber, um es zu schonen. Ebenso ist die Frau des Vermieters mit der neuen Treppe verfahren: Eine gute halbe Stunde verbrachte sie gestern Nachmittag damit, jede einzelne Stufe sorgfältig mit Wellpappe zu umwickeln. Zwar behauptete sie, das tue sie „wegen der Handwerker“, aber wir haben den Verdacht, die Treppe soll in Wirklichkeit vor uns geschützt werden.

Treppe, umwickelt. So hat man länger was davon.
Gestern übrigens wurde der schrullige Bruder des Vermieters, der unten im Haus wohnt und mit der Treppe rein gar nichts zu tun hat, beim Lächeln beobachtet. Im ganzen letzten Jahr hat er kein einziges Mal öffentlich gelächelt, noch nicht mal an jenem Tag im Sommer, als er mit dem Fahrrad genüsslich über unser Zelt fuhr, das wir im Garten zum Trocknen ausgebreitet hatten.