Poe

Am 19. Januar vor zweihundert Jahren wurde Edgar Allan Poe geboren. Zeitungen und Radio sind voll von ihm, und allüberall sieht man die Daguerrotypie von 1848, Arme verschränkt, missmutig, verkniffen, unzufrieden.
Mein Verhältnis zu Poe ist ein naives. Im Studium bin ich ihm nie begegnet, ich kenne noch nicht einmal The Raven, auch wenn ich ungefähr weiß, worum es geht, und ich habe gerade eben erst gelernt, dass Allan ein Nachname ist und kein Vorname. Meine Poe-Kenntnis gründet sich auf ein einziges Buch.
Es heißt Der Goldkäfer und andere phantastische Geschichten und war ein Geschenk der Ostverwandtschaft. Wie alles aus „der Zone“, wie mein Vater die DDR heute noch zu nennen pflegt, wurde es auf ideologische Lauterkeit geprüft, bevor das Kind es in die Hand bekam – nicht aber auf emotionale Angemessenheit. Das Copyright liegt bei Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 1979, es handelt sich um die 2. Auflage 1983, da war ich schon zwölf und entsprach somit der Zielgruppe: „Für Leser von 12 Jahren an“, heißt es auf dem Vorsatzblatt. Den Preis hat jemand mit Kugelschreiber übermalt, er ist nicht mehr zu erkennen.
Ich glaube, dieses Buch hat mich nachhaltig geschädigt. Es enthält berühmte Geschichten wie Der Goldkäfer, Die Maske des roten Todes, Der Doppelmord in der Rue Morgue, Der Untergang des Hauses Usher, Grube und Pendel, Der entwendete Brief. Ich war fasziniert von Geschichten, in denen das logische Denken die Hauptrolle spielt und in denen Sätze vorkommen wie „Je nun“, sagte Dupin gedehnt, zwischen den Zügen aus seiner Meerschaumpfeife…, auch wenn ich es auf eine diffuse Weise unfair fand, dass der Leser immer weniger Informationen hat als der Ermittler und deshalb den Fall nicht selber lösen kann. Noch faszinierter aber war ich von den Geschichten, die das pure psychische Grauen schilderten, Grube und Pendel zum Beispiel, in der jemand gefoltert wird, indem ein skalpellscharfes Stahlpendel sich unmerklich immer näher in Richtung seines Herzens senkt. Oder Der Untergang des Hauses Usher mit der lebendig begrabenen Lady Madeline. Davon habe ich Albträume davongetragen, deren Bilder fatal den Illustrationen von Paul Rosié ähnelten, und die mich oft nachts aufwachen ließen, schweißgebadet, bewegungsunfähig, voller Angst. Gleichwohl habe ich das Buch wieder und wieder gelesen – Faszination des Grauens und ein vorwissenschaftliches Signal von Qualität. Von Gruselgeschichten habe ich seitdem abgesehen, Stephen King ist mir unbekannt, Horrorfilme im Kino kann ich nicht ertragen, Albträume kriege ich von viel weniger schauerlichen Vorstellungen. Vielleicht hat Poe da früh einen Maßstab gesetzt, den zu überschreiten ich mein ganzes Leben lang nicht in der Lage sein werde.
Hinten in dem Band befinden sich übrigens allerlei Worterklärungen, Skarabäus = Mistkäfer, wurde im alten Ägypten als Symbol des Lebens und der Sonne verehrt, was Kinder eben nicht wissen. Darunter auch diese: Mr. = Abkürzung für Mister, englisch: Herr (als Anrede vor dem Namen). Das deute ich einfach mal als Hinweis auf die Qualität des Englischunterrichts in der DDR.


  1. Hallo,

    irgendwie bin ich auf dieses Blog gestoßen und lese es seit dem ziemlich begeistert.
    Zwei Hinweise, warum der Mr. erklärt wird: in der DDR begann man frühestens in der 7. Klasse mit Englisch, also unter Umständen erst mit 13. Wenn man aber stattdessen Französisch wählte, dann lernte man nie Englisch. (Erste Fremdsprache war grundsätzlich Russisch.)

    Mittwoch, 24. März 2010, 15:22 Uhr von Alibi

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