Archiv Januar 2009

Handschuhe auf Zäunen

Sonntag, 18. Januar 2009

Sonntag, internationaler Tag des Heidespaziergangs. Auslüften, durchpusten lassen, und was der Mund im Volk sonst noch für Redefiguren dafür kennt. Vor allem aber: einsam sein. Sonntagmorgen um neun sitzt unser Heideort geschlossen in der Kirche, wir können getrost die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Blick auf den morastigen Boden richten und lauthals mit uns selbst hadern. Die Farben sind dunkles Gelb, dunkles Grün, Braun in allen Schattierungen. Erdig.
Wir zählen elf verlorene Taschentücher, davon zwei Herrenmodelle aus Stoff. Drei halbe Handschuhpaare auf Zäunen, wofür es übrigens bei Dingens eigens eine Gruppe gibt, ebenso wie für wartende Hunde und Baumfrisuren. Die vereinzelten Wacholderbüsche inmitten des Heidekrauts allerdings waren gerade beim Frisör, sie sind akkurat gestutzt und sehen sehr ordentlich aus. Das Heideflüsschen war, ganz im Gegensatz zur großen Schwester Elbe, die ganze Zeit eisfrei, sieht aber dennoch so aus als friere es. Als fröre es?
frie|ren; du frierst; du frorst du frörest; gefroren; frier[e]!; ich friere an den Füßen; mich friert an den Füßen (nicht an die Füße)


Das Flüsschen sieht aus als fröre es an die Füße. Nicht so im Sommer.

Perlen gotischer Baukunst (3)

Freitag, 16. Januar 2009

Gut, du hast also in der Zeitung gelesen, daß Wenn ein Reisender in einer Winternacht erschienen ist, ein neues Buch von Italo Calvino, der seit Jahren keins mehr veröffentlicht hat. Du bist in eine Buchhandlung gegangen und hast dir den Band gekauft. Recht so.
Schon im Schaufenster hast du den Umschlag mit dem gesuchten Titel entdeckt. Der Blickspur folgend bist du im Landen vorgedrungen, mitten durch die dichten Reihen der Bücher, Die Du Nicht Gelesen Hast, die dich finster anstarrten von Regalen und Tischen, um dich einzuschüchtern. Aber du weißt, daß du dich nicht abschrecken lassen darfst, denn hektarweise erstrecken sich unter ihnen die Bücher, Von Deren Lektüre Du Absehen Kannst, die Bücher, Die Zu Anderen Zwecken Als Dem Der Lektüre Gemacht Sind, sowie die Bücher, Die Schon Gelesen Sind Bevor Man Sie Aufschlägt Weil Zugehörig Zur Kategorie Des Schon Gelesenen Bevor Es Überhaupt Geschrieben Wurde. So überwindest du rasch den ersten Verteidigungsring, und nun überfällt dich die Infanterie der Bücher, Die Du Bestimmt Gern Lesen Würdest Wenn Du Mehrere Leben Hättest Aber Leider Sind Deine Tage Eben Was Sie Sind.

Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht (1979), [Se una notte d’inverno und viaggiatore, Deutsch von Burkhart Kroeber], S.9

Kuh vom Eis

Mittwoch, 14. Januar 2009

Richtig hell wird es nicht an Wintertagen wie diesen. Aus den Wiesen steiget grauer Nebel, die Sichtweite ist gering. Es taut, überall sind Pfützen und Matsch, aber unter Bäumen bedeckt noch eine Eisschicht den Boden.
Dort lässt sich testen, wie es sich anfühlt, wenn man sich auf schwankendem Grund bewegt, einen Drahtseilakt vollführt, den aufrechten Gang einbüßt, den Boden unter den Füßen verliert – wenn man sich auf Glatteis begibt.


Na, ob das was wird? sagte der Herr auf dem Fahrrad skeptisch, als er vorbeifuhr und die Kamera sah. Dass er selbst den Unterschied machen würde, konnte er nicht ahnen.

Treppauf, treppab

Sonntag, 11. Januar 2009

Hamburg sei wieder eisfrei, behauptet die Nachbarin, als sie von der Chorprobe zurückkommt. Hier dagegen knirscht jeder Schritt, und beim Fahrradfahren kann man ganz schön ins Schlingern geraten. Auf der Hauptstraße konnte man vorgestern Schlittschuh laufen, Wasserrohrbruch. Die Pferde, die man aus dem Küchenfenster sehen kann, haben Kleidungsstücke an. Die Heide steht erstarrt und frierend, die Farben reichen von hellgrau bis dunkelgrau, plus ein bisschen himmelblau. Das deuten wir natürlich symbolisch.

Grau in grau plus himmelblau.

Das niedersächsische Bauernhaus, in dem wir wohnen, ist immer noch nicht fertig saniert. Neulich haben wir die Handwerker von „der Ruine“ reden hören. Dabei haben wir jetzt eine neue Treppe. Die alte war so steil und eng, dass Leute wie Onkel Arnold sich gut festhalten mussten beim Abstieg. Einen Sonnabendvormittag lang mussten wir zu Hause ausharren, von der Welt getrennt durch einen Höhenunterschied von vier Metern, den wir durch einen wagemutigen Sprung hätten überwinden müssen.
Durch die Wohnungstür hörten wir die Tischler fluchen über die schiefen Wände, aber sie stellten die neue Treppe weisungsgemäß auf, und wir freuen uns seitdem über die ungewohnte Breite, die paar Stufen mehr, die das Ganze sehr viel ungefährlicher machen, und überhaupt den freundlicheren Eindruck, den die neue Treppe ausstrahlt. Sie geht sich auch sehr gut.
Es gibt Leute, die kaufen sich ein Sofa und legen eine Decke drüber, um es zu schonen. Ebenso ist die Frau des Vermieters mit der neuen Treppe verfahren: Eine gute halbe Stunde verbrachte sie gestern Nachmittag damit, jede einzelne Stufe sorgfältig mit Wellpappe zu umwickeln. Zwar behauptete sie, das tue sie „wegen der Handwerker“, aber wir haben den Verdacht, die Treppe soll in Wirklichkeit vor uns geschützt werden.

Treppe, umwickelt. So hat man länger was davon.

Gestern übrigens wurde der schrullige Bruder des Vermieters, der unten im Haus wohnt und mit der Treppe rein gar nichts zu tun hat, beim Lächeln beobachtet. Im ganzen letzten Jahr hat er kein einziges Mal öffentlich gelächelt, noch nicht mal an jenem Tag im Sommer, als er mit dem Fahrrad genüsslich über unser Zelt fuhr, das wir im Garten zum Trocknen ausgebreitet hatten.

Perlen gotischer Baukunst (2)

Freitag, 9. Januar 2009

Ich kleidete mich an und machte mich auf den Weg zu meinem Vogelhändler. Sein Laden ist selbstverständlich nachts geschlossen, Stammkunden bedienen sich einer versteckten Nachtglocke. Ich läutete und stand bald darauf zwischen tuchbedeckten Käfigen in der nächtlich-trüben Vogelhandlung. Der Händler fragte mich, was es sein dürfe.
„Eine Eule, bitte“, sagte ich.
„Aha“, sagte er und zwinkerte mit den Augen, als behage ihm die gewiegte Kennerschaft seines Gegenübers; „Sie sind ein Kenner. Die meisten Kunden machen den Fehler, sich ihre Eulen bei Tageslicht auszusuchen. – Soll sie ein Geschenk sein?“
„Nein. Sie ist für mich. Ich möchte sie nach Athen tragen.“

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden (1952), S. 91/92

Limerick (50)

Dienstag, 6. Januar 2009

A limerick fan from Australia
regarded his work as a failure.
His verses were fine
until the fourth line.

Kriterien für Serien

Montag, 5. Januar 2009

Entlang wunderlicher Gesetzmäßigkeiten über Bücher schreiben, das ist mal ein nächstes großes Ding nach meinem Geschmack. Ich habe ja nun meine Richtschnüre schon gespannt, hätte da aber noch ein paar Vorschläge für andere.

1. Der erste Vorschlag stammt aus der heutigen SZ, in der ein Buch von Burkhard Müller angezeigt wird: Lufthunde. Portraits der deutschen literarischen Moderne. Müller beginne mit den Ahnherren: Wilhelm Busch, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche – wie aber könne man der unendlichen Herausforderung eines Nietzsche begegnen? „Der Autor“, heißt es dazu, „nahm eine lange Nadel, stach damit blindlings in die Bände dieses Werks hinein und widmete jeder der auf solche Weise wahllos erbeuteten Passagen eine Betrachtung.“ So könnte es gehen.

2. Man kann sich Büchern von außen annähern: Satzspiegel, Schriftgrad, Beschaffenheit des Papiers, Art der Seitennummerierung, Korridore. Dafür muss man sie auch gar nicht unbedingt lesen.

3. Zwecks Verknüpfung des aktuellen Buchs mit dem letzten und dem nächsten lassen sich eine ganze Reihe von Gesetzmäßigkeiten formulieren, zum Beispiel: Erster Satz, einer aus der Mitte, letzter Satz. Oder Seitenzahlenkombinationen: Jeweils der erste vollständige Satz auf Seite 18 bzw. 34 bzw. 49 – welchen Text ergibt das zusammen und was lässt sich daraus über die Wechselbeziehungen zwischen den Büchern schließen?

4. Ein weiteres Projekt wäre die Dokumentation der persönlichen Unterbrechungshistorie eines Buches: Alle Sätze notieren, nach denen man eine Pause eingelegt hat, sei es, weil man plötzlich müde war, weil man dringend noch etwas einkaufen musste oder weil es zu langweilig wurde. Was sagen diese Sätze über das Können des Autors?

5. Transmediale Verkettungen: Welche Musik wäre dieses Buch, wäre es Musik? Welches Bild? Und warum?

6. Am besten finde ich aber immer noch, sich die Bücher, die man lesen möchte, selbst zu schreiben, so wie Jean Pauls Schulmeisterlein Wuz. Vielleicht sollten wir das alle tun.