Archiv Februar 2009

Wahre Geschichte

Mittwoch, 25. Februar 2009

[für G.]
Aus gegebenem Anlass jetzt mal kurz eine Fantasiereise.
Schließen Sie die Augen, entspannen Sie sich und stellen Sie sich vor, auf Ihrem Konto geht aus heiterem Himmel ein regelmäßiger monatlicher Geldbetrag ein, den Sie nicht verdient haben. Nicht dreistellig, nicht vierstellig – fünfstellig. Sie entdecken das auf Ihrem Kontoauszug, reiben sich ungläubig die Augen und… tun was? Wenn Sie ganz verwegen sind, warten Sie bis zum nächsten Monat, sehen, dass Ihnen erneut dieselbe Summe gutgeschrieben wurde, melden sich verstört bei Ihrer Bank, erklären, es müsse sich um ein Missverständnis handeln und bitten um Aufklärung.
Nicht so die Dame in dieser wahren Geschichte. Sie fand, wenn ihr jemand Geld schenken wolle, sei es ihr gutes Recht, das auch anzunehmen. Über Monate hinweg strich sie den Betrag ein und gewöhnte sich schnell an den neuen Reichtum. Sie änderte ihren Lebensstil, kaufte teure Kleidung, aß teures Essen und machte die eine oder andere Reise, aber nicht extrem weit weg und nicht extrem lange. Sie lebte einfach auf höherem Niveau.
Es kam, wie es kommen musste, das Ganze flog auf, die Versicherung, die sich da geirrt hatte, forderte das Geld zurück, allein – es war alles ausgegeben. Die Dame musste Privatinsolvenz anmelden, ihren Lebensstil wieder zurück ändern und wird arm sein bis an ihr Lebensende. Das ist wirklich wahr.
Unbefriedigend an der Geschichte ist nur, dass die Frau nie genau sagen konnte, wofür sie das Geld nun eigentlich ausgegeben hatte. „Ich lebte eben auf höherem Niveau“, war die einzige Antwort, die man aus ihr herausbrachte. Irgendwie… schade.

Ali Smith

Samstag, 21. Februar 2009

Auf Ali Smith habe ich hier schon mal ein Loblied gesungen, sie ist eine Autorin, deren Bücher ich unbesehen im Hardcover erwerbe, sobald sie erscheinen. Sie hat ein paar Romane geschrieben, aber auch viele Kurzgeschichten, und obgleich ich gar nicht so gerne Kurzgeschichten lese (zu schnell vorbei), stürze ich mich auf ihre, sobald ich ihrer habhaft werde. first-person.jpg Ihr neuestes Buch heißt The First Person and Other Stories und auf dem Cover ist ein Foto von William Eggleston, das ich schon einmal in einer Ausstellung gesehen habe und das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. Gute Voraussetzungen also.
Ali Smiths Literatur ist zugleich unterhaltend und belehrend, das gefälllt mir sehr, und sie handelt oft von Literatur und von Büchern, auf der Meta-Ebene sozusagen, das gefällt mir noch mehr. In der ersten Geschichte beispielsweise, True Short Story, unterhalten sich zwei Männer über Literatur; der jüngere von ihnen vertritt die These, die Kurzgeschichte sei „in very good shape“, während der Roman „a flabby old whore“ sei. Die Erzählerin kommentiert das lakonisch mit dem Satz: „I idly wondered how many of the books in my house were fuckable and how good they’d be in bed.“ Eine zärtlich-plausible und gleichzeitig irre komische Vorstellung, finde ich, aber Bücher werden bei Ali Smith grundsätzlich sehr ernst genommen. Grammatik auch: Die erste Person aus der Titelgeschichte ist natürlich nicht nur ein Pronomen, sondern auch eine Figur.
Käme das Wort Lesebefehl in meinem Wortschatz vor, ich würde es an dieser Stelle gebrauchen.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (1)

Samstag, 21. Februar 2009

Weil es in dem Heideort, in dem wir alle wohnen müssen, kein Kino gibt, haben wir beschlossen, einen Filmclub zu gründen. Die Logistik ist großzügig: Riesensofa, Beamer und große weiße Wand.
Die Regeln sind einfach, und es gibt nur zwei:
1. Reihum zeigt jeder an einem Freitagabend einen Lieblingsfilm, den die anderen anschauen müssen – aufstehen und rauslaufen ist verboten. Das klingt simpel, ist es aber nicht, da die Filmgeschmäcker der Clubmitglieder sehr verschieden sind – alles dabei von Action über Sozialkomik, Science Fiction, Western bis zu 60er-Jahre-Operettenfilmen.
2. Nach dem Film gibt es Diskussion, möglichst gepfeffert.
Wie der Clubname Die Hübschigkeit der Schauspieler zustande kam, daran können wir uns nicht mehr erinnern.

Hotel New Hampshire (1984), mit Rob Lowe, Jodie Foster, Nastassja Kinski, Beau Bridges.

Irritierend – der Kollege besteht auf diesem Wort – wirkt die Hübschigkeit der Schauspieler, insofern war es ein würdiger Auftaktfilm. Diese Röhrenjeans sind sowas von 80er Jahre.
„Keep passing the open windows“ ist natürlich der zentrale Satz des Films. Umstritten ist, ob John Irving kein richtiger Schluss eingefallen ist, oder ob auch am Ende das grundlegende Kompositionsprinzip gilt: Immer die am wenigsten wahrscheinliche Wendung nehmen.
Unklar ist auch, ob nicht zwischen der Aufforderung, sich nicht aus dem Fenster zu stürzen, und dem Gebot, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, noch irgendwo ein Zusammenhang fehlt. („Da fehlt doch wo ein Zusammenhang!“)
Der Tod ist ein Motiv, aber gelitten und getrauert wird nur im Rahmen der Liebe. Schön traurig ist auch: „Can I get you anything? – Yesterday and most of today.”
Jeder Mensch sollte einen Bären in seinem Leben haben. Wiener Walzer kann auf Dauer nerven.

Nachruf

Mittwoch, 18. Februar 2009

Ich habe mich schon immer gefragt, nach welchen Kriterien der Tagesspiegel eigentlich seine Nachruf-Seite gestaltet: Wer muss man gewesen sein, um einen Nachruf im Tagesspiegel verdient zu haben?
Ralf jedenfalls hat eindeutig einen verdient, auch wenn sich Freunde und Bekannte über schlechte Recherche ärgern. Ich kann das nicht beurteilen, ich bin ihm nur zweimal begegnet, einmal in Böhlen und einmal in Berlin. Diese Begegnungen allerdings und dieser Nachruf, das passt sehr wohl zusammen.

Perlen gotischer Baukunst (6)

Sonntag, 15. Februar 2009

Das Einzige, was wir noch nicht wissen in Minute 15, ist, dass das Geld in Pearls Puppe steckt, die sie immer bei sich trägt. Aber schon drei Minuten später verrät es uns der Film aus Johns Reaktion, als Mitchum die Puppe nichtsahnend in die Hand nimmt. Aus der Verhüllung dieses Verstecks hätte sich einiges an Spannung gewinnen lassen. Aber auf den Thriller war Laughton offenbar nicht aus. Er begnügt sich mit Märchenmitteln, künstliche Spannungsmache zu Abläufen, die eigentlich spannungslos sind, da vorherbestimmt; vorherbestimmt als Verhängnis (unausweichlich) und schließlich Rettung (ebenso unausweichlich). Verhängnis ist aber eigentlich kein Filmprinzip, auf jeden Fall reicht die mit ihr verbundene Angsterzeugung nicht aus, den Zuschauer auf die gewünschte Folter zu spannen. Verhängnis ist ein Märchenprinzip und als klares Märchen beginnt und endet der Film ja auch.

Michael Baute, Volker Pantenburg (Hg.): Minutentexte. The Night of the Hunter (2006), S. 55/56

Spuren im Schnee

Samstag, 14. Februar 2009

Wir hatten Besuch. Ein Mann aus einem fremden Land, zum ersten Mal in seinem Leben im Westen. Die Zeichen für den Flughafen waren ein roter Schal und ein Schild mit seinem Namen, der Abholer stellte sich damit vor den einzigen Ausgang, ließ, als er sich nicht bei ihm meldete, den Besuch zweimal ausrufen, trank Kaffee in der Flughafenbar und fuhr nach einer Stunde wieder nach Hause. Am nächsten Morgen erreichte ihn die Nachricht, der Besuch warte jetzt auf dem Bahnhof in der 150 Kilometer entfernten großen Stadt. Wie er dort hingelangt war, keiner weiß es. Als der Abholer ihn sah, erkannte er ihn sofort – er hatte auf dem Flughafen eine Stunde lang am Nachbartisch Kaffee getrunken.
Zu Ehren des Besuchs gab es eine kleine Versammlung. Der Fremde dankte in seltsam gedehntem Englisch für die Aufnahme und sagte, gerne wolle er die Arbeit der Anstalt besichtigen. Das tat er eine Stunde lang, dann war er verschwunden. Im ganzen Ort wurde er gesucht, erst als man seine Spuren im Schnee verfolgte, wurde er aufgespürt – eine hohe einsame Gestalt im Mantel, gedankenversunken rauchend in der Winterheide.
Abends gab es ein Essen zu Ehren des Besuchs. Er thronte im Schaukelstuhl, bedankte sich noch einmal in seinem Englisch und hatte drei eingeschweißte Bilder von seiner eigenen Anstalt mitgebracht. Die überreichte er würdevoll und redete fünf Minuten über sie, danach schwieg er. Als er das Essen verschmähte, dachten wir zunächst, es sei seines Landes Sitte, sich zu zieren. Aber er hatte schon im Hotel gegessen. In ein Gespräch war er nicht zu verwickeln, er saß aufrecht am Tisch, blickte erhaben in die Runde und wiederholte hartnäckig den Satz: You talk in Deutsch, I sit here and listen, but I don’t understand anything. Einmal klingelte sein Telefon, er redete leise und eindringlich in seiner Sprache, es klang verschwörerisch, aber das haben wir uns vielleicht bloß eingebildet. Als er sich seinen Mantel um die Schultern legte und zum Rauchen auf die Terrasse ging, behielt man ihn im Auge.
Obgleich es sein Essen war, verabschiedete er sich früh – am nächsten Morgen müsse er zeitig aufstehen, um in sein Heimatland zurückzufliegen. Den Mantel um die Schultern, stellte er sich feierlich auf zu einem Abschiedsfoto. Dann brachte man ihn in sein Hotel und bat ihn dringlich, am nächsten Morgen nicht auf eigene Faust hinaus in den Schnee zu wandern, er würde abgeholt und zum Flughafen gebracht. Seine letzten Worte zur Essensgesellschaft waren: See you soon. Kaum war er weg, beschloss man, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unserer und seiner Anstalt einschlafen zu lassen. Während der Besuch in seinem Hotelbett lag oder einsam gedankenverloren im Schnee spazierte, saßen wir beisammen, aßen das Mahl zu seinen Ehren auf und redeten vertraut und entspannt, befreit von der Last des schweigenden Gastes.

Fluss

Sonntag, 8. Februar 2009

Neue Seite: Fluss. Wie Auggie Wren in Smoke.