Nibelungen

Geburtstagsfrühstück, alle essen Brötchen und Salat, und aus irgendeinem Grund kommt das Gespräch auf die Nibelungen. Frau L. kennt sich am besten aus im Text, sie hat das Nibelungenlied in der Grundschule vorgelesen bekommen. Nicht das mittelhochdeutsche Versepos natürlich, sondern eine Nachdichtung in Prosa. Ich habe als Kind die Version von Auguste Lechner gelesen, nicht nur einmal.
M. glaubt nicht, dass Siegfried schon einmal auf Island war, bevor er mit Gunther hinfährt, um Brunhild mit unlauteren Mitteln (Tarnkappe) zu besiegen. Mit Hilfe meines Kinderbuches lässt sich das beweisen:

Da gelüstete es Siegfried, sich die kriegerische Jungfrau anzusehen. […] Siegfried sah, wie sie den Ger schleuderte, den Stein warf und ihm leichtfüßig nachsprang. Er sah auch, wie der fremde Fürst verlor und bleichen Gesichts fortging, seinen Tod zu erwarten. Brunhild blickte Siegfried erwartungsvoll an. Ob er wohl auch gekommen war, mit ihr zu kämpfen? Sie hätte es gerne gesehen. Aber er schritt achtlos an ihr vorüber nach der Mitte des Hofes, wo der Stein noch lag, hob ihn auf und warf. Dumpf prallte der Stein an die Burgmauer. Ein vielstimmiger Aufschrei antwortete aus den Reihen der Jungfrauen und Recken um die Königin: Niemand hatte je auf Isenstein einen solchen Wurf getan! Niemand, auch die Königin nicht.

Siegfried ist offensichtlich für Brunhild bestimmt, fährt aber wieder nach Hause, um Kriemhild zu treffen und den Schwächling Gunther bei der Eroberung Brunhilds zu unterstützen. Der wird später von seiner Ehefrau gefesselt und an einem Haken an der Wand aufgehängt. Gürtel spielen eine Rolle – lauter sexuelle Anspielungen. M. findet Brunhild zu männlich, die Frauen in der Runde verteidigen sie. Sie wollte nur einen gleichberechtigten Partner, weiter nichts.
Frau L. behauptet, Dornröschen sei der Nibelungenstoff in Märchenform, wegen des Motivs der unerreichbaren Frau, zu der nur einer Zugang hat, der Ebenbürtige nämlich, die zweite Hälfte. Alle finden, im Nibelungenlied sei es schwer, sich mit jemandem zu identifizieren, weil jede Figur irgendetwas Abstoßendes an sich hat. Kriemhild kann man schon verstehen, aber diese Rache ist dann doch ein bisschen übertrieben. (Von wem wird Kriemhild eigentlich umgebracht am Schluss? Von Hildebrand, dem alten Waffenmeister Dietrich von Berns.) Hagen ist ein echtes Arschloch, Gunther ein Weichei und Siegfried kein unumstrittener Held. Ich habe mich immer mit Giselher identifiziert. So ein Netter.
Zwischendurch erzählt Frau L. – das ergibt sich irgendwie aus dem Frauenthema – dass sie ihren Sohn in seinem ersten halben Lebensjahr eher langweilig fand: Oben füllt man was rein, unten macht man sauber, die meiste Zeit hat er geschlafen, und als es dann spannend wurde (sie sagt: als er dann ein Mensch wurde), musste sie wieder arbeiten gehen. Auch später habe sie sich überqualifiziert gefühlt für Brumm-brumm-Spiele mit Eisenbahnen und Autos.
Jetzt weiß ich auch wieder, wie wir auf die Nibelungen kamen, über zweite Vornamen nämlich. Jemand heißt Rüdiger, nach dem Markgrafen Rüdiger aus den Nibelungen.

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