Die Mühen der Ebene (18. Juni)
Donnerstag, 18. Juni 2009Im zweiten Halbjahr hatte ich einen Deal mit einer siebten Klasse, nicht von mir ausgedacht, sondern von den Schülern. Ein Bonussystem: Für das Erfüllen bestimmter Übereinkünfte in den Englischstunden gab es grüne Daumen, für den Verstoß dagegen rote Daumen, die die grünen wieder auslöschten – alles sorgfältig auf der Hausaufgabentafel dokumentiert. Für zehn oder mehr grüne Daumen am Ende des Halbjahrs winkte eine Belohnung. (Es ist komplizierter und hat noch einen speziellen Hintergrund, aber das ist nicht so wichtig.)
Wichtig ist: Sie brachten es letztlich auf elf grüne Daumen, und die Belohnung steht aus. Die Klassenlehrerin, Kollegin T., war auch beteiligt, und da ich die Klasse vor den Ferien nicht mehr sehe, sie aber schon, suchen wir uns ihre heutige Doppelstunde aus, um die Belohnung auszuzahlen.
Die Stunde fängt ganz normal an, das Stationenlernen wird fortgesetzt, die Schüler murren ein bisschen, machen sich aber an die Arbeit. Was folgt, haben wir vorher abgesprochen, und es läuft so ab:
Ich (klopfe laut an die Tür, öffne sie und schaue mich verwundert um): Nanu? Frau T.! Sie zwingen Ihre Klasse doch wohl nicht noch zu ernsthafter Arbeit?
Schüler nicken: Doch, tut sie!
Kollegin T. (im Brustton der Überzeugung): Natürlich! Das Schuljahr ist noch nicht zu Ende!
Ich (empört): Meine Güte. Die ganze Schule macht was anderes als Unterricht. Viele Klassen sind unterwegs, die anderen bereiten das Schulfest vor. Nur Sie quälen diese bemitleidenswerten Kinder mit Deutschunterricht!
Schüler sehen selbstmitleidig aus
T. (erbost): Schnickschnack. Bei mir wird gearbeitet. Und zwar bis zum Schluss.
Ich (beschwichtigend): Die Noten stehen doch längst fest, die Zeugnisse sind geschrieben. Haben Sie doch mal ein Herz für die Schüler.
T. (spitz): Und, was schlagen Sie vor, was ich stattdessen mit ihnen machen sollte?
Schüler gucken mich begierig an
Ich (fröhlich wie in der Fernsehwerbung): Ich finde, wir sollten jetzt alle Eis essen gehen.
Jetzt hat es die Klasse kapiert und lacht, alle springen auf, und wir hören Komplimente über unsere Schauspielkünste. Später in der Eisdiele, die extra für uns früher öffnet, bedanken sie sich artig, obwohl es eigentlich ihr eigenes Verdienst ist. Schüler sind ja im übrigen ziemlich bestechlich.