Archiv Oktober 2009

Neu: Jetzt schon um Viertel nach fünf

Sonntag, 25. Oktober 2009

Der Klassenfisch

Freitag, 23. Oktober 2009

Bei uns fängt neuerdings die erste Stunde sehr früh an, um halb acht. Wenn man dann noch, so wie ich in diesem Halbjahr, eine Frühaufsicht erwischt hat, dann patrouilliert man an einem bestimmten Wochentag ab viertel nach sieben durch Gebäude und über Schulhöfe, um zu überwachen, ob auch alles in Ordnung ist.
Ich schlurfe gewöhnlich im Halbschlaf durch die Schule, erinnere mich an mein warmes Bett und denke mit Sehnsucht das Wort Kaffee, gelegentlich aufgeschreckt durch übereifrige Schüler, die ich am liebsten anknurren würde: Ich finde es gut, wenn ihr mich grüßt, aber nicht um diese Uhrzeit.
Neulich während der Frühaufsicht geriet ich auf der Suche nach Stille und Frieden in den Klassenraum der Kollegin T. – und stand plötzlich und unerwartet vor dem Klassenfisch. Der Klassenfisch ist der einzige seiner Art in unserer Schule, und ich kannte ihn schon, bevor ich ihn das erste Mal sah, denn er ist berühmt. Kinder aus anderen Klassen pilgern in Frau T.s Klasse, um ihn zu besichtigen.
Der Klassenfisch wohnt in einem Glas, das ich mir immer als das klassische runde Goldfischglas vorgestellt hatte, das aber eckig ist, wie sich jetzt herausstellte. Seine Mahlzeiten bezieht er aus der Hand eines rotierenden Fütterdienstes, den die Klasse, eine ziemlich chaotische Fünfte, sehr gewissenhaft versieht.
Vor ein paar Tagen stand ein Kind in höchster Aufregung und den Tränen nahe vor dem Lehrerzimmer und verlangte ganz eilig nach Frau T., – irgendetwas Sachfremdes war im Fischglas gefunden worden, ich glaube ein Brotkrümel. Alle Kollegen, die in Frau T.s Klasse unterrichten, sind sich einig: Der Klassenfisch tut allen gut – die Aufmerksamkeit, die Verantwortung, die beruhigende Wirkung.
Nur er selbst hat es leider nicht so gut. Kollegin K., die große Tierfreundin, verdarb es sich gründlich und für alle Zeiten mit der Klasse, als sie gleich in der ersten Unterrichtsstunde ohne Umschweife verkündete, das Glas sei viel zu klein. Auch Frau S. sprach schon davon, dass ihr das Tier verängstigt erscheine, wegen der vielen Aufmerksamkeit. Als ich mich zum Fischglas niederbeugte, musterte mich der Klassenfisch einmal kurz und drehte mir dann verächtlich den Rücken zu.
Da stand ich also um viertel nach sieben, die Hände auf die Knie gestützt, und betrachtete aus zwanzig Zentimetern Abstand den Klassenfisch von hinten. Er hatte sich bereits mit sehr großen Zahlen beschäftigen müssen (mit ganz vielen Nullen nämlich), er hatte gelernt, wie die Zeichensetzung bei wörtlicher Rede geht, er wusste schon einiges über Vor- und Frühgeschichte, und er konnte sagen: „There are five rubbers under the book.“ Dazwischen hatte er sich anstarren lassen müssen, er hatte Diskussionen über seine Ernährung angehört, und nur in den Herbstferien, die er in der Wohnung von Frau T. verbracht hatte, hatte er etwas Ruhe gehabt.
Ich seufzte, richtete mich auf und setzte meinen Rundgang fort – etwas weniger schlecht gelaunt.

Reine Willkür

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Antje Rávic Strubel ist eine Autorin, deren Bücher ich unbesehen im Hardcover erwerbe, sobald sie erscheinen. Vor ein paar Tagen stieß ich auf ein Buch von – besser: mit – ihr, das es im Hardcover überhaupt gar nicht gibt, und das mir wahrscheinlich eine Weile entgangen war, weil es so unscheinbar ist: Wenn ich auf eine Lösung stoße, ist der Text zu Ende. Werkstattgespräch mit Antje Rávic Strubel.
Ein poetologisches Interview anlässlich einer Lesereise in Norddeutschland im letzten und vorletzten Jahr, dazwischen Fotos von der Raufasertapete in ihrer Potsdamer Wohnung, na ja. Das damals neue Buch war Kältere Schichten der Luft, über das ich hier schon mal was geschrieben habe.
In dem Roman geht es unter anderem um die verschwimmende, nicht allzu klare Grenze zwischen den Geschlechtern. Dazu äußert Antje Rávic Strubel im Werkstattgespräch einen Gedanken von Judith Butler, der mir gleichzeitig sehr verblüffend und sehr logisch erscheint (für Judith-Butler-Leser ist das ein alter Hut, und es ist mir ein bisschen peinlich, dass ich da erst jetzt drauf stoße):

Einer der zentralen Gedanken von Butler […] ist die für mich damals erstaunliche Feststellung, dass es im Grunde bestimmte Dispositionen des Körpers sind, die in willkürlicher Zusammenfügung erst die Konstruktion Geschlecht ergeben. Die Genitalien werden mit bestimmten Eigenschaften besetzt, um eine Einteilung der Menschen vorzunehmen. Genauso gut könnte es auch andere Kriterien zur Beschreibung und Einteilung sein. X-Beiner und O-Beiner, Blau- und Braunäugige.

Das überzeugt mich sofort und lässt mich umgehend andere Beispiele für mögliche Geschlechtereinteilungen suchen: angewachsene und nicht angewachsene Ohrläppchen, Leute, die die Zunge rollen können, und Leute, die das nicht können, Leute mit absolutem Gehör und Leute ohne…
Natürlich kann ich mir auch Gegenargumente überlegen. Aber ich finde die Vorstellung von der Willkür der Geschlechtereinteilung ziemlich… äh… sexy.

Limerick (61)

Montag, 12. Oktober 2009

There once was a man named Eugene
who invented a screwing machine.
Concave and convex,
it served either sex,
and played with itself in between.

…das ich gelesen habe!

Donnerstag, 8. Oktober 2009

“Hab ich noch nie gehört, klingt wie ein Name von Loriot”, kommentierte die Nachbarin respektlos, als ich ihr von der diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgerin berichtete.
Dabei ist das mal eine Nobelpreisträgerin, von der ein Buch bei mir im Regal steht, das ich auch noch gelesen habe! (Im letzten Jahr dachte ich das bloß, aber es stimmte dann doch nicht.)
Das Buch in meinem Regal habe ich nur wegen des Titels gekauft, das mache ich manchmal, genauso wie ich manchmal Bücher wegen des Titels verschenke, zum Beispiel kannte ich mal jemanden namens Harald, dem ich ein Buch mit dem Titel Der Höfliche Harald schenkte, weshalb er fürderhin im Freundeskreis nur noch… – ich schweife ab.
Das Buch der diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgerin, das bei mir im Regal steht und das ich gelesen habe, heißt jedenfalls Heute wär ich mir lieber nicht begegnet, und weil mir dieses Gefühl damals im Buchladen so bekannt vorkam, kaufte ich kurzerhand das Buch. Damals lässt sich genauer datieren, denn früher hatte ich die Angewohnheit, in Büchern zu notieren, wann ich sie gelesen habe, heute mache ich das nicht mehr, weil… – ich schweife ab. In diesem Buch jedenfalls steht auf dem Vorsatzblatt „Dezember 1999“, und das erklärt vielleicht, warum ich mich nicht mehr so recht an das Buch erinnere, obwohl ich es zweifelsohne und ganz bestimmt gelesen habe. Ich habe nur noch ganz vage im Kopf: Sprache. Ja, Sprache.
Sollen andere wortreich begründen, warum Frau Müller den Literatur-Nobelpreis verdient. Meine selbstgewählte Aufgabe besteht darin, zu beweisen, dass sie eine begnadete Titel-Ausdenkerin ist, denn der Titel war ja der alleinige Grund, warum ich damals das Buch, das in meinem Regal steht, und das ich selbstverständlich gelesen habe, kaufte. Auch wenn ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann… – ich schweife ab.
Hier jedenfalls sind Titel, die sich Frau Müller ausgedacht hat:

  • Im Haarknoten wohnt eine Dame

  • Der König verneigt sich und tötet
  • Die blassen Herren mit den Mokkatassen
  • Der fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne
  • Der Wächter nimmt seinen Kamm
  • Reisende auf einem Bein
  • Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett
  • Hunger und Seide

Ich sag ja: Sprache.

Es ist Zeit

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Es ist feucht heute und ungewöhnlich warm. Von draußen kriechen seltsame Tiere durch die geöffneten Fenster, auf der Suche nach kälterer und trockenerer Luft zum Atmen. Die Haare werden nass beim Fahrradfahren, obgleich es nicht regnet. In den Pfützen spiegeln sich tiefgraue Wolken.
Man grüßt einander, wenn man sich im Wald begegnet, auch unbekannterweise. Von Ferne hört man es donnern. Das könnte ein Gewitter sein oder auch Schießübungen. Später fährt ein Panzer auf der Landstraße entlang, das ist sogar hier, in unmittelbarer Nähe zahlreicher Truppenübungsplätze, ein ungewöhnlicher Anblick. Also doch das Militär.
Die Kartoffelernte ist beinahe vorbei, auf den leeren Feldern lässt man Drachen steigen. Das ist hier immer eine gute Ausrede, wenn man irgendwo zu spät kommt: Lauter Trecker auf der Landstraße. Im Ort beschäftigen sich städtische Angestellte damit, alle Hinweisschilder mit einem Lappen sauber zu wischen. Muss ja auch mal gemacht werden, warum also nicht im Herbst.
Der Nachbarort hingegen wirbt für eine Beach Party. Auf dem Plakat sind junge Menschen in Badehose abgebildet, mit Cocktails in der Hand. Die Party findet am zehnten Oktober statt. Die haben es offensichtlich noch nicht kapiert.

Schleichende Landeierisierung

Dienstag, 6. Oktober 2009

Als langjährige Großstadtbewohnerin – unter anderem habe ich dreizehn Jahre lang in der besten Stadt Deutschlands gewohnt – wundere ich mich immer darüber, wie schnell man sich an die Provinz gewöhnt, wenn man denn gezwungen ist, in ihr zu leben. Bei jedem Ausflug nach Hamburg oder auch nur ins gleich weit entfernte, allerdings sehr viel weniger großstädtische Hannover denke ich in den Worten von Jonathan Franzen aus den Corrections (dort allerdings bezogen auf den Unterschied zwischen Philadelphia und New York): In einer halben Stunde sehe ich mehr interessante Leute auf der Straße als zu Hause in einem halben Jahr.
Und überhaupt, was es alles an Neuem gibt, das mir bisher entgangen ist. Zum Beispiel sah ich am Freitag in Hamburg Dreierpackungen Socken. Dreierpack Socken las ich auf der Verpackung, stutzte zunächst, dachte dann aber erfreut: Was für eine gute Idee, ideal für Leute wie mich, die im Besitz einer sich von einzelnen Socken ernährenden Waschmaschine sind. Auch wenn mal ein Socken kaputt geht, muss man den anderen, womöglich liebgewonnenen, nicht gleich wegwerfen, sondern hat noch einen Ersatzsocken im Regal. Das Dreierpack Socken – die zweite Chance für Sockenpaare.
Mit solchen Fragen kann ich mich beschäftigen, weil ich mich bereits in den Herbstferien befinde, Kartoffelferien, wie das hier im ruralen Niedersachsen heißt. (In Bayern hingegen sind gerade erst die Sommerferien zu Ende gegangen.) Weil neuerdings unsere erste Stunde um 7:30 Uhr beginnt, habe ich umso mehr das Gefühl, endlich mal ausschlafen zu können. Was also passiert am ersten offiziellen Ferientag? Um viertel nach sieben rollen städtische Arbeiter in einem Baggerchen an, um unsere unbedeutende Nebenstraße aufzugraben und ein paar neue Kabel im Boden zu verlegen. – Ein kleiner Bagger, aber ein großer Lärm.
Immer wenn ich in Hamburg bin, pflege ich das Ritual, Orte aufzusuchen, an denen ich mich wohl gefühlt habe, obwohl ich insgesamt eher nicht so gern dort gewohnt habe. Den Hafen zum Beispiel, Elbstrände, die U-Bahn, die Alster. Am Freitag stattete ich der zentralen Bücherhalle am Hühnerposten einen Besuch ab – allein schon diese Bezeichnungen: Bücherhalle, Hühnerposten – wo ich ehedem viel Zeit verbracht habe. Die Toiletten dort kosten frecherweise immer noch zwanzig Cent, aber sie sind jetzt verziert mit beherzten Sprüchen von Benutzerinnen: Ist die Bücherhalle, steht dort geschrieben, so arm, dass die Toiletten etwas kosten müssen? Oder, eingängiger: Free toilets.
Das mit der schleichenden Provinzialisierung wurde mir übrigens schon vor einem Jahr von Berliner Freunden bescheinigt, denen ich den Weg zu mir so genau beschrieben hatte, dass sie sich veralbert fühlten. Bei den paar Straßen, sagten sie abschätzig, kann man doch eigentlich gar nicht falsch fahren. Umgekehrt empfinde ich, wenn ich in Berlin bin, den Straßenverkehr als wahre Zumutung, vor allem die Fahrradfahrer. Dabei bin ich selbst dreizehn Jahre lang in Berlin Fahrrad gefahren und fand das immer ganz normal.
Hiermit verleihe ich also meiner Befürchtung Ausdruck, zum Landei zu werden. Und – ich sage das ungern, weil man es als weiteren Beweis werten könnte – es waren dann doch drei Paar Socken.